Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Einfach reden: Bürgerhafen Greifswald hilft gegen Einsamkeit
Vorpommern Greifswald Einfach reden: Bürgerhafen Greifswald hilft gegen Einsamkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:40 09.08.2019
Sabine Thiele ist ehrenamtliche Zuhörerin im Bürgerhafen und hört Lebenssorgen, Alltägliches und alles, was den Betroffenen auf der Seele brennt. Jeden Mittwoch ist Sprechstunde von 15 bis 17 Uhr. Quelle: Christopher Gottschalk
Anzeige
Greifswald

Im Bürgerhafen Greifswald hören Ehrenamtliche anderen Menschen zu. Titel ist „Sprechstunde: Einfach mal reden“, es ist keine Beratung und keine Therapie, sondern ein Angebot ohne Vorgaben: „Diese Menschen suchen ein offenes Ohr. Wir hören uns ihre Geschichten an, egal ob Sorgen, Nöte, Lebensgeschichten oder Alltägliches“, sagt Sabine Thiele, ehrenamtliche Zuhörerin. Das Angebot gibt es seit Mitte Juli.

Bürgerhafen sieht Bedarf für Hilfe gegen Einsamkeit

Die Besucherzahl ist bisher an einer Hand abzuzählen, bestätigt Thiele. In der dunklen Jahreszeit würden mehr Leute kommen. Bis zum Herbst solle die Sprechstunde etabliert sein und Betroffene durch Mundpropaganda erreichen. Friederike Güldemann, Koordinatorin des Bürgerhafens, der zum Pommerschen Diakonieverein gehört, begründet das neue Angebot damit, dass das Thema Einsamkeit in den letzten Jahren häufiger in der Öffentlichkeit auftauchte und ein Bedarf für Hilfe besteht. „Spätestens mit der Gründung eines Ministeriums für Einsamkeit in Großbritannien kochte das Thema hoch.“ Die britische Regierung hob das Amt 2018 aus der Taufe. 

Dass in Greifswald Bedarf besteht, zeige das Beispiel einer älteren Dame, die in der Sprechstunde nach Angeboten für einsame Menschen gesucht hätte, so Thiele. Eine weitere Frau hätte einfach von ihrem Leben erzählt, Thiele ließ sie reden. 45 Minuten bekommen die Erzähler Zeit, eine Terminvergabe gibt es nicht, das Angebot ist anonym. Jeder kann die Sprechstunde nutzen, sich in eine Ecke mit blauen Sesseln und Sitzcouch und einem Tisch mit grünem Wecker mit Ziffernblatt setzen, versteckt hinter einem Raumtrenner im Büro des Bürgerhafens in der Bachstraße 24. Ein Schild am Eingang zeigt, ob der Platz frei ist. Acht Zuhörerinnen rotieren untereinander.

Acht Zuhörerinnen organisieren die „Sprechstunde

„Uns war wichtig, für dieses Projekt Leute zu finden, die durch ihren Beruf oder ihr Ehrenamt Erfahrungen haben“, sagt Güldemann. Sabine Thiele ist Bibliothekarin im Ruhestand, machte eine Fortbildung der „Bürger Akademie Vorpommern“, in der aktives Zuhören und Kommunikation behandelt wurden, und ist seit drei Jahren Sterbebegleiterin im Greifswalder Hospiz. „Ich weiß also, wie ich zuhöre und mich abgrenze, wenn es zu persönlich wird. Es geht darum, vorurteilsfrei zu sein, Empathie zu zeigen und zu signalisieren, dass man den anderen versteht“, erklärt Thiele. „Ich finde es spannend, die Geschichten zu hören und lerne so Greifswald kennen. Durch das Engagement im Bürgerhafen habe ich zudem viele neue Leute kennengelernt.“

Psychologe: Einsamkeit heißt nicht Kontaktarmut

Einsamkeit ist mehr als Kontaktarmut, sagt Dr. Samuel Tomczyk, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Gesundheit und Prävention des Instituts für Psychologie in Greifswald. „Einsamkeit ist der wahrgenommene Unterschied zwischen den vorhandenen und den gewünschten sozialen Beziehungen. Einsamkeit hängt zusammen mit einer Reihe von schädlichen Zuständen: negative Stimmungen, Depressionen, Schlafprobleme, wenig Bewegung sowie Alkohol- und Drogenkonsum. Betroffene können einen erhöhten Blutdruck bekommen und stressempfindlicher sein, weil soziale Situationen im Ernstfall als Bedrohung wahrgenommen werden“, sagt Tomczyk.

Soziale Medien steigern Angst, etwas zu verpassen

Frauen würden häufiger von Einsamkeit berichten als Männer, die berichtete Einsamkeit sei seit den 1980er-Jahren gestiegen, so Tomczyk. Rund zehn Prozent aller Deutschen fehlt die Gesellschaft anderer, zeigt eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Soziale Medien mit ihren ständig neuen Text-, Foto- und Videoreizen würden Wünsche nach mehr schaffen, nach mehr Reisen, mehr Konsum, mehr Kontakt, schätzt Psychologe Tomczyk ein. Dafür steht die Abkürzung „FOMO“: Fear of missing out – die Angst, etwas zu verpassen. Die Betroffenen spüren, dass Realität und Wunsch auseinanderklaffen, ähnlich der Einsamkeit. „Die Situation neu zu bewerten, kann helfen. In anderen Fällen können Betroffene versuchen, ihre vorhandenen Beziehungen zu verbessern. Die Qualität der Beziehungen spielt eine entscheidende Rolle.“

Lesen Sie mehr zum Thema Einsamkeit und Engagement:

Greifswald: Café mit Herz gegen die Einsamkeit am Wochenende

Fragen rund ums Internet – Digitalkompass im Bürgerhafen antwortet

Greifswald will 2019 alle Angebote zum Thema Demenz erfassen

Zehn Projekte aus MV für Engagementpreis nominiert

Von Christopher Gottschalk

Immer wieder spielen große und kleine Ganoven mit kuriosen Aktionen die Hauptrollen in den Mitteillungen der Polizei in der Region. Die OZ hat ein paar Perlen herausgefischt.

08.08.2019

SPD-Politikerin und Bildungsministerin Bettina Martin sichert dem Historisch-Technischen Museum Peenemünde weitere Unterstützung zu. Für die neue Ausstellung geben Bund und Land jeweils fünf Millionen Euro.

08.08.2019

Sein Leben verlief nicht immer gerade. Doch Daniel Hirt ist auf gutem Weg, hat den Schulabschluss nachgeholt und absolviert jetzt eine Ausbildung. Da das Geld nicht reicht, beantragte er aufstockende Leistungen. Das Jobcenter versagt ihm diese jedoch. Sein Anwalt räumt der nun laufenden Klage gute Chancen ein.

08.08.2019