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Greifswald Einmal Schulden, immer Schulden?
Vorpommern Greifswald Einmal Schulden, immer Schulden?
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00:12 06.04.2018
Rund 160 Menschen mit Schulden berät Inge Bienert als Miarbeiterin der Schuldnerberatung in der Spiegelsdorfer Wende in Greifswald – die meisten über viele Jahre hinweg. Quelle: Foto: Sybille Marx
Greifswald

Jobverlust, Scheidung oder Krankheit – deutschlandweit führen solche Ereignisse dazu, dass Menschen sich verschulden. In MV spielt aber auch die Einkommensarmut eine große Rolle, sagt Kyra Quaas von der Schuldnerberatung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Greifswald, Wolgast und Anklam. „Es ist leider ganz oft so, dass Arbeitnehmer ergänzend Arbeitslosengeld II bekommen, weil ihr Einkommen einfach nicht zum Leben reicht“, sagt sie. Und das Verrechnungssystem führe dazu, dass die Klienten immer wieder Sozialleistungen zurückzahlen müssten. „So entstehen neue Schulden und Abhängigkeiten.“

Ein Beispiel: Ein Ehepaar mit zwei Kindern, das bei Inge Bienert in die Greifswalder Schuldnerberatung des DRK kommt, kämpft seit Jahren mit Arbeitslosigkeit und geringem Einkommen. „Die sind immer mal wieder im Arbeitsprozess, der Mann hatte zwischenzeitlich auch volle Stellen“, erzählt Inge Bienert. Aber oft seien es nur befristete 400-Euro-Jobs, ergänzend bekämen sie Sozialleistungen.

Das Problem dabei: Die Sozialleistungen werden pauschal zum Monatsanfang ausgezahlt und erst zum Monatsende mit dem eventuell erhaltenen Lohn verrechnet. „Dabei kommt es immer wieder zu unterschiedlich hohen Rückforderungen des Amts“erklärt Inge Bienert. „Und dann wird es schwierig, weil die Leute Strom, Essen, Ausgaben für die Kinder und anderes bis zum Monatsende ja schon bezahlen mussten.“ Oft hätten sie zum Zurückzahlen nichts mehr übrig.

Im Fall des Ehepaars haben sich auf diese Weise rund 4000 Euro Schulden bei der Arbeitsagentur angesammelt. Mit Folgen: „Das Amt behält dann zehn Prozent der Regelleistungen ein“, erklärt Inge Bienert. „Dadurch haben die beiden noch weniger Geld, ein Teufelskreis kommt in Gang.“ Der Mann müsste eigentlich auch Unterhalt zahlen für Kinder aus einer früheren Beziehung. „Das kann er natürlich nicht“, sagt Inge Bienert. Alles in allem sei klar: „Wenn die beiden nicht eine gut bezahlte Arbeit finden, kommen sie aus dieser Misere nie wieder raus.“ Auch eine Schuldnerberatung könne daran leider nichts ändern.

Insgesamt hat Inge Bienert in Greifswald rund 160 Klienten in dauerhafter Beratung. „Es dauert oft über zehn Jahre, bis jemand entschuldet ist“, erklärt sie. „Am schnellsten geht es, wenn das Einkommen hoch ist.“ Zu den ersten Schritten in der Beratung gehöre daher immer, dass der Klient ein Haushaltsbuch anlege und Klarheit darüber gewinne, ob und wenn ja, wieviel Geld er jeden Monat für eine Schuldentilgung beiseite legen könne. „Ich sage immer: Miete und Strom müssen bezahlt sein, auch der Kühlschrank muss gefüllt sein, mit hungrigem Magen kann keiner Schulden abbezahlen.“

Krankenschwestern, Sprechstundenhelfer, Mitarbeiter im Callcenter oder in der Landwirtschaft, sie alle gehörten zu den Geringverdienern bei der Schuldnerberatung, die aus einmal gemachten Schulden kaum mehr herauskämen, sagt Inge Bienert.

Verdient ein Klient so viel, dass er etwas zurücklegen kann, kann sie dagegen mit den Gläubigern wie Banken, Autohäusern oder Mobilfunkanbietern in Verhandlung treten. „Ich schildere ihnen die familiäre und finanzielle Situation und werbe um Verständnis“, sagt sie. Manche Unternehmen ließen sich sehr bereitwillig auf Ratenzahlung ein. „Viele Gläubiger kenne ich ja auch schon.“Gelingt eine Einigung nicht, gilt eine Verbraucherinsolvenz, die über sechs Jahr zur restlosen Entschuldung führen kann, als Königsweg – „aber auch nur dann, wenn jemand in Arbeit ist“, sagt Inge Bienert. Für die anderen bleibe leider oft nichts anderes übrig, als sich mit der Lage abzufinden. „Man gewöhnt sich daran.“

Chefin Kyra Quaas bedauert: „Der Mindestlohn hat an der Einkommensarmut nichts geändert.“ In der Schuldnerberatung gebe es immer noch genauso viele Menschen, die arbeiteten und aufstockten. „Arbeit muss sich wieder lohnen“, fordert sie. Dann kämen auch weniger Menschen in eine Abhängigkeit.

Jeder Zehnte hat Schulden

Etwa zehn Prozent der Einwohner in MV sind überschuldet – während es in Bremen fast 14 Prozent sind, in Bayern rund 7,5 Prozent. 215 Menschen kamen im vergangenen Jahr neu in die Schuldnerberatung des DRK in Greifswald, Wolgast und Anklam. Insgesamt sind 743 Klienten in der Langzeitberatung. Die Höhe ihrer Schulden ist unterschiedlich, der Schnitt liegt bei rund 14 000 Euro.

DRK-Schuldnerberatung Greifswald: schuldnerberatung@drk-ovp-hgw.de ☎ 03834 / 854271

Sybille Marx

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