Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Experte: „Die AfD ist die Partei des verrohten Wutbürgertums“
Vorpommern Greifswald Experte: „Die AfD ist die Partei des verrohten Wutbürgertums“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:25 20.11.2014
Sozialforscher Alexander Häusler (52). Quelle: Privat
Anzeige
Greifswald

Der Düsseldorfer Alexander Häusler (52) gehört zu den renommierten Extremismusforschern in Deutschland. Am Rande einer Veranstaltung in Greifswald sprach die OZ gestern mit ihm über den Rechtsruck in der Partei Alternative für Deutschland (AfD).

OSTSEE-ZEITUNG: Herr Häusler, in einer Studie für die Heinrich-Böll-Stiftung schrieben Sie vor einem Jahr, die AfD stehe zwar rechts von der Union, es gebe aber keine Übereinstimmungen mit offen rechtsextremen und neonazistisch orientierten Parteien wie der NPD. Trifft das heute noch zu?

Anzeige

Alexander Häusler: Was die offizielle Programmatik der Partei und Äußerungen des amtierenden Führungspersonals angeht, ist das sicherlich noch zutreffend. An der Parteibasis, in einigen Kreisverbänden und beim dortigen Personal sieht es inzwischen allerdings anders aus. Dort hat es nach der Bundestagswahl im Herbst 2013 eine Annäherung an den extremen rechten Rand gegeben.

OZ: Wofür steht die AfD heute?

Häusler: Man muss insgesamt drei politische Milieus innerhalb der AfD unterscheiden. Es gibt erstens den abschmelzenden neoliberalen Wirtschaftsflügel mit seiner skeptischen Haltung zur Euro-Rettung, zweitens den nationalkonservativen Flügel, wie es ihn auch in Teilen der Union gibt, und drittens ein gegenüber extrem rechten Thesen aufgeschlossenes Milieu mit deutlich rechtspopulistischer Stoßrichtung. Letzteres vertritt nicht nur inhaltlich ausländer- und islamfeindliche Positionen. Es setzt sich auch personell aus ehemaligen Mitgliedern von Parteien und Gruppierungen des rechten Randes zusammen. Diese kriechen jetzt unter das Dach der AfD und werden damit erstmals seit Jahrzehnten in zählbarem Maße gewählt.

OZ: Welches dieser drei Milieus gewinnt die Vorherrschaft?

Häusler: Die Partei ist insgesamt viel weiter nach rechts gerückt. Die AfD ist längst keine Ein-Themen-Partei mehr. Sie betreibt rechte Politik und besetzt dabei zunehmend die Positionen eines Thilo Sarrazins: gegen vermeintliche Einwanderung in deutsche Sozialsysteme, gegen angeblichen Tugend-Terror, gegen den Islam.

OZ: Wie ist das gemeinsame Abstimmen von AfD-Politikern mit der NPD in mehreren Kreistagen und Kommunalvertretungen zu deuten?

Häusler: Es ist nicht zuletzt auch ein offener Affront gegen Parteichef Bernd Lucke. In der AfD tobt ein alles andere als demokratischer und selbstkritischer Machtkampf mit zahlreichen Intrigen. Wir müssen aber sehen, dass selbst Lucke immer weiter nach rechts rückt. Anfänglich wollte er sich noch gegen islamfeindliche Tendenzen abgrenzen. Das ist heute ganz anders. Inzwischen ist das Feindbild Islam ein Wahlkampfthema der AfD.

OZ: Lucke geht parteiintern gegen extrem rechte Mitglieder vor...

Häusler: Das entbehrt nicht einer gewissen Scheinheiligkeit. Der AfD-Chef marginalisiert den extrem rechten Rand seiner Partei als eine „Vielzahl von Einzelfällen“. Diese widersprüchliche sprachliche Krücke sagt eigentlich alles.

OZ: Was ist die AfD also?

Häusler: Sie bündelt im Gewand des deutschen Biedermanns politische Forderungen, die vom Konservatismus bis hinein in den rechten Rand reichen. Sie ist die Partei des verrohten Wutbürgertums...

OZ: ...und damit gefährlicher als die NDP?

Häusler: Nein, gefährlich auf andere Art. Sie tritt nicht offen mit abstoßenden Insignien wie kahlen Schädeln und Springerstiefeln auf und ist deshalb auch für viele Unzufriedene wählbar. Bei der NPD weiß man sofort, was man hat – bei der AfD nicht. Sie transportiert rechte Inhalte in scheinbar seriöser Verpackung. Das macht sie gefährlich.



Jörg Köpke