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Greifswald Kühlschrank leer, Tafel voll: Fast 1000 Greifswalder nutzen die Tafel
Vorpommern Greifswald Kühlschrank leer, Tafel voll: Fast 1000 Greifswalder nutzen die Tafel
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20:11 23.03.2019
Vorstandsmitglied Michaela Horn (r.) und Ehrenamtlerin Renate Mierendorff sortieren Erdbeeren. Quelle: Kai Lachmann
Greifswald

Kurz vor Monatsende: Im Kühlschrank herrscht gähnende Leere, im Portemonnaie befindet sich nur noch Kleingeld. Die letzten Vorräte sind aufgebraucht. Dieses Szenario wiederholt sich für manchen Hartz-4-Empfänger Monat für Monat.

Abhilfe schafft da die Greifswalder Tafel. An den Öffnungstagen herrscht reger Betrieb. Vor den Türen versammeln sich jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag zahlreiche Menschen. Rentner, Hartz-4-Empfänger, Flüchtlinge und vereinzelnd auch Studenten: Sie alle warten, bis sie an der Reihe sind und ihre Beutel mit von Supermärkten oder Bäckereien ausrangierten Lebensmittel gefüllt werden. Wenn nicht geöffnet ist, sind trotzdem oft Freiwillige in den Räumen, sortieren Waren und räumen Regale ein.

Obst, Gemüse, Backmischungen, Tütensuppen, Schokolade, Brot oder Blumen: Was im Supermarkt nicht mehr gekauft wird, holen die Mitarbeiter der Tafel gerne ab. Im Jahr kommen so einige Tonnen an Lebensmitteln zusammen, die in den Einkaufstüten der Tafel-Besucher landen. Im Herbst käme noch Obst von Kleingärtnern dazu.

Etwas zurückgeben und Gutes tun

Seit 2002 gibt es die Tafel in Greifswald, die von einem gemeinnützigen Verein betrieben wird. Prominentestes Mitglied: Walter Kienast, ehemaliger Chef von Greifen-Fleisch und heute Vorstandsmitglied. Aktuell nutzen fast 1000 Menschen das Angebot. 25 ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen den Verein aktiv, holen Lebensmittel ab, sortieren Obst und Gemüse oder verteilen es an die Besucher. Viele von ihnen haben selbst schon vor der Ausgabetheke gestanden. Nun unterstützen sie die Institution als freiwillige Helfer und stehen hinter dem Tresen.

Unterstützung für die Tafel

Der gemeinnützige Verein der Tafel ist immer auf der Suche nach ehrenamtlichen Mitarbeitern. Wer den Verein finanziell unterstützen möchte, kann sich als Mitglied eintragen lassen. Der Mitgliedsbeitrag kostet 25 Euro im Jahr.

Michaela Horn engagiert sich seit Gründung des Vereins bei der Tafel. Heute ist auch sie im Vorstand. Früher waren noch mehr Menschen auf die Institution angewiesen. „Nun kommen etwas weniger“, betont die 53-Jährige, die als Angestellte in einem Baustofffachhandel arbeitet. Etwa zehn Stunden im Monat widmet sie sich dem Verein: „Ich möchte etwas zurückgeben und Gutes tun.“

Die Veränderungen der vergangenen Jahre hat sie miterlebt. Während früher das Prinzip „Wer als Erster in der Schlange steht, bekommt auch zuerst etwas“ galt, entscheidet heute der Zufall, wer wann an der Reihe ist. Jeder Kunde zieht eine Nummer aus einem Los-Topf, die beim nächsten Besuch gilt. Wer die eins zieht, kommt zuerst ran. „Wer die Nummer 134 gezogen hat, ist dann eben nicht gleich am Anfang dran, sondern weiß, dass er erst später kommen braucht“, erklärt ein Ehrenamtler, der namentlich nicht genannt werden möchte. Über die Richtlinien wird im Flur der Tafel, die ihre Räume in der Wollweberstraße hat, in fünf Sprachen informiert.

In die Tüte statt in der Tonne

Michaela Horn erinnert sich gut an die lange Warteschlange, als es das Los-Prinzip noch nicht gab und die Menschen schon in den frühen Morgenstunden vor der Tafel standen. So unkompliziert und fair wie möglich solle der Besuch in der Tafel sein, bei dem ein Personalausweis und der Hartz-4-, Wohngeld- oder Rentenbescheid vorgelegt werden muss.

Die Tafel versorgt aktuell fast 1000 Greifswalder mit Lebensmitteln. Darunter sind nicht nur Hartz-4-Empfänger, sondern auch Rentner und manchmal auch Studenten.

Die 69-jährige Renate Mierendorff hilft jeden Montag und Mittwoch in der Tafel aus. Für sie ist es eine Art Beschäftigung, sagt die Rentnerin. Zu ihren Aufgaben zählt unter anderem das Sortieren der gespendeten Lebensmittel. So manche schon vom Schimmel befallene Erdbeere landet beispielsweise im Müll. Der Rest kommt in das Ausgaberegal. Gäbe es die Tafel nicht, würden noch mehr Lebensmittel in der Tonne landen. Deswegen, sagt Michaela Horn, ist das Prinzip der Tafel gut. „Andererseits ist es ein Armutszeugnis, dass es solche Einrichtungen in unserer heutigen Zeit in diesem Land noch geben muss.“

Mitspracherecht bei der Auswahl der vorhandenen Lebensmittel hat jeder Besucher. Was würde es auch nützen, wenn jemand etwas bekommt, was er nicht mag und dann wegwirft, sagt ein Tafel-Mitarbeiter.

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Christin Lachmann

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