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Greifswald Hartz-4-Experiment: Machbar, aber ziemlich hart
Vorpommern Greifswald Hartz-4-Experiment: Machbar, aber ziemlich hart
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07:21 02.04.2019
Wie schwer ist das Leben mit dem Hartz-4-Regelsatz? Christin und Kai Lachmann aus Greifswald haben einen Monat lang den Test gemacht. Quelle: Anne Ziebarth
Greifswald

Der Witz, dass am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist, traf auf uns zum Glück nicht zu. 68 Euro hatten wir am letzten Wochenende noch. Und wir haben uns den Luxus erlaubt, sie zu verleben: zwölf Euro fürs Grillen mit den (Schwieger-)Eltern, sechs Euro für Tee und Kaffee beim Bäcker, 15 Euro für Lebensmittel, am Abend dann zehn Euro für den Eintritt zur Greifswalder Kneipennacht und den Rest für Getränke.

31 Tage, fünf Wochenenden: Das Experiment, einen Monat von der Grundsicherung zu leben, ist für uns nun beendet. Für viele andere geht der April mit Hartz 4 weiter. Aufs Geld warten und auf jeden Cent achten. Den Monat sind wir mit durchschnittlich zehn Euro am Tag auf den ersten Blick gut ausgekommen, auf den zweiten müssen wir aber sagen: Viel ist nicht drin. Man ist gezwungen, den Lebensstil mehr oder weniger drastisch anzupassen, je nachdem, wie man vorher gelebt hat. Man muss sich reduzieren und sehr viel (eigentlich bei allem) ans Geld zu denken. Das ist zwar machbar, aber auch ziemlich hart.

Und das ist es, was uns am meisten gestört hat. Die Unbekümmertheit im Alltag kam uns erst mal abhanden. Was kostet das? Können wir uns das überhaupt leisten? Wie viel haben wir denn noch? Geld, Geld, Geld. Oft haben wir uns zurückgehalten aufgrund der Befürchtung, dass wir nicht bis zum Monatsende hinkommen.

In diesem Selbstversuch haben wir viele Erkenntnisse gesammelt und auf unserem Liveblog geteilt. Wir haben mehrere soziale Einrichtungen in Greifswald besucht, Politiker aus acht Parteien interviewt und mit vielen Menschen gesprochen, die mitunter schon seit Jahren Hartz 4 beziehen. Die Texte dazu haben wir auf einer Themenseite gesammelt.

Das System ist gut und schlecht

Unser Fazit fällt gemischt aus. Hartz 4 ist gut, denn es hilft Menschen in Lebenslagen, in denen Hilfe notwendig ist. Hartz 4 ist nicht gut, weil es auch dazu führen kann, dass Menschen ihre Lebenslage stark verschlechtern müssen, etwa wenn lange abgezahltes Eigentum aufgegeben werden muss.

Hartz 4 ist gut, denn deshalb muss niemand obdachlos werden, verhungern und bei der medizinischen Versorgung gibt es auch Unterstützung. Wir leben in einem sozialen und reichen Land und dafür können wir dankbar sein. Hartz 4 ist nicht gut, denn das System hat deutliche Schwächen – die Sanktionen sind zu hart (monatelange Reduzierung der Grundsicherung um 30 Prozent oder mehr), ein neuer Niedriglohnsektor wurde geschaffen (Ein-Euro-Jobs) und statt Motivation wird in vielen Fällen Resignation befördert.

Auffällig ist, dass niemand wirklich mit Hartz 4 zufrieden ist. Viele Empfänger sind es nicht, Mitarbeiter in Behörden und sozialen Einrichtungen sind es auch nicht. In der restlichen Gesellschaft gibt es nach wie vor laute Stimmen in Richtung „Diese Schmarotzer, sollen sie doch arbeiten gehen“ und in der politischen Landschaft hagelt es Kritik en masse. Seitdem die SPD die Agenda 2010 auf den Weg gebracht hat, hadert sie damit. Hartz 4 hat einen enorm schlechten Ruf und ihre Bezieher werden vielfach stigmatisiert.

An Ideen mangelt es nicht

Was wären Alternativen? Regelsätze anheben? Sanktionen abschaffen? Bürgergeld einführen? Oder gleich ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle? An Ideen, Forderungen und Konzepten mangelt es nicht und viele davon haben Politiker auf unserem Blog benannt. Dass das Hartz-4-System überarbeitet werden sollte, darüber herrscht parteiübergreifend Einigkeit.

Für uns ist das Experiment nun zu Ende. Die Frage: „Wie viel Geld braucht man, um glücklich zu sein?“ können wir nun für uns beantworten mit: „Außergewöhnlich viel ist es nicht.“ Wir haben erkannt, dass Glück von anderen Dingen als von Konsum abhängt. Wir kehren nun in unseren normalen Alltag zurück und wir sind ausgesprochen dankbar dafür, dass wir das können.

OZ-Selbstversuch: Einen Monat leben von 10,70 Euro am Tag

Die OZ-Redakteure Christin und Kai Lachmann leben einen Monat vom Hartz-IV-Regelsatz.

Täglich berichten sie im Blog darüber: OZ-Blog zum Hartz-IV-Experiment

Alles zum Selbstversuch auf unserer Themenseite: Das Hartz-IV-Experiment

Kai und Christin Lachmann