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Greifswald Ein Ort der Barmherzigkeit für die „Heimatlosen“ von 1945
Vorpommern Greifswald Ein Ort der Barmherzigkeit für die „Heimatlosen“ von 1945
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12:27 22.11.2018
Die Flüchtlingsgräberstätte auf dem Friedhof in Züssow wurde neu gestaltet und feierlich eingeweiht. Quelle: Petra Hase
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Züssow

Der Wind pfeift eisig durch die kahlen Bäume des Züssower Friedhofs. Dieser Novembertag gibt einen Vorgeschmack auf den nahenden Winter. Doch der Kälte zum Trotz liegen die meisten Gräber liebevoll geschmückt unter einer dicken Decke Tannengrün. Die Züssower haben zum Ewigkeitssonntag, dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, an ihre Verstorbenen gedacht. Und nicht nur derer. Im Ort hat es gute Tradition, auch all jener zu gedenken, die nach ihrer Vertreibung aus der Heimat auf dem Friedhof eine letzte Ruhestätte fanden. „124 Kinder, Frauen und Männer wurden hier, aber auch einige wenige in Kessin und Krebsow, 1945/46 beigesetzt“, sagt Pastor Ulf Harder. Die Züssower haben die Flüchtlingsgräberstätte jetzt mit viel Liebe neu gestaltet und würdevoll eingeweiht. Viele Menschen trugen in den vergangenen Wochen dazu bei.

Es war der 15. Februar 1945, als der erste im Sterberegister der Kirchengemeinde als Flüchtling bezeichnete Fremde in Züssow bestattet wurde. Ein einjähriges Kind aus Sabow, Kreis Pyritz. Gestorben auf dem Treck in Karlsburg, von der Mutter abgegeben. Dutzende weitere Tote sollten folgen. „Viele starben an Seuchen. Diphtherie und Typhus wurden oft genannt. Auffällig ist dabei, dass es sich fast nur um junge Leute handelt“, erinnert Friedrich Bartels, Pastor im Ruhestand, in seiner Gedenkschrift zur diakonischen Arbeit in Züssow. Bartels war bis 1998 Vorsteher des Pommerschen Diakonievereins und hatte das Amt 1976 von Walther Liesenhoff übernommen, der seit 1942 als Pastor in der Gemeinde arbeitete.

Einer der 31 kleinen Grabsteine in Züssow. Quelle: Petra Hase

„Superintendent Walther Liesenhoff und die Menschen der Gemeinde taten, was getan werden musste: ein Werk der Barmherzigkeit“, würdigt Ulf Harder mehr als 70 Jahre nach den Ereignissen das Handeln der Züssower. Zu Füßen einer alten Linde im Nordwesten des Friedhofs wurde der sogenannte Flüchtlingsfriedhof angelegt. Hier fanden all jene Ruhe, „die von Tieffliegern auf der Strecke Pasewalk-Stralsund erschossen und auf dem Bahnhof Züssow ausgeladen worden waren“, notierte Liesenhoff. Auch Menschen, die nachts von den Flüchtlingstrecks an den Eingangspforten des Friedhofs, an der Kirche und am Tor des Pfarrhauses tot niedergelegt wurden, fanden nahe der Linde eine Ruhestätte. „Es war meistens so, dass morgens mehrere Tote an irgendeiner dieser Stellen lagen. Der Friedhofswärter Roese oder Bauern, die in der Nähe wohnten, übernahmen den Dienst der Bestattung in Gegenwart des Ortsgeistlichen“, so Liesenhoff.

Ein neues Kreuz für die Verstorbenen

Und obwohl sehr viele Tote keine Angehörigen mehr hatten, wurde jedes Jahr unter der Linde am Himmelsfahrtstag ein Gottesdienst gehalten. Menschen strömten aus anderen Orten zum Friedhof, um der Toten zu gedenken. „Das ist sehr anrührend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass viele heutzutage ihre engsten Angehörigen auf See bestatten und die Erinnerung nach wenigen Jahren versiegt“, sagt Pastor Harder.

Der Kirchengemeinde Züssow Zarnekow Ranzin sei es deshalb ein besonderes Anliegen gewesen, die in die Jahre gekommene Flüchtlingsgräberstätte neu herzurichten. „Das große Kreuz, das Helmut Aschemeier als junger Praktikant mit viel Hingabe aus Linde schnitzte, war stark verwittert. Wir konnten es nicht erhalten“, sagt der Pastor und freut sich, dass Gerald Dunzik aus Karlsburg dieses Kreuz jetzt aus Eiche originalgetreu nachgefertigt hat. Es trägt damals wie heute den Schriftzug „Heimat für Heimatlose“.

Die Flüchtlingsgräberstätte in Züssow, eingeweiht am Volkstrauertag im November 2018. Quelle: Petra Hase

Erhalten indes sind die 31 kleinen Steinkreuze, die Superintendent Achterberg aus Demmin, damals mit der Kriegsgräberfürsorge beauftragt, stiftete. Stellvertretend für die 124 Toten ließ er einige der Namen eingravieren. Darunter auch „Klaus Dettmann, Kolberg, 6 M“ (Monate). „Noch in den späten 1980-er Jahren hat Horst Zilm, vor den Steinen kniend, mit unendlicher Geduld neue Farbe in die Schriftzüge gemalt“, würdigt Ulf Harder. Da das Bestattungsgesetz unseres Bundeslandes vorsieht, alle Namen der Bestatteten bekanntzugeben, sei in den vergangenen drei Jahren viel recherchiert worden. Listen wurden überprüft, Schreibweisen gegengelesen. Nicht nur das Kirchenkreisarchiv, auch Pastor Friedrich Bartels, mittlerweile 82 Jahre alt, habe geholfen. Er verfasste zugleich den Text für eine Hinweistafel. Die Firma Feilhaber aus Jarmen habe zwei neue Granitstelen gefertigt, auf denen nun fast alle Namen eingraviert sind. Bis auf neun, die nicht bekannt seien. Der Landschaftsgestalter Ivar Kairies legte den Weg neu an, pflanzte auch Hecke nach. Und dank der Unterstützung der Gemeinde und des Amtes sei die Flüchtlingsgräberstätte nun wieder ein würdevoller Ort des Gedenkens, sagt Ulf Harder voller Dank. Einziger Wermutstropfen: Die alte Linde konnte nicht erhalten werden, sie musste bereits im vorigen Jahr gefällt werden.

Petra Hase

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