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Greifswald Fusion soll ohne Entlassungen klappen
Vorpommern Greifswald Fusion soll ohne Entlassungen klappen
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00:00 05.11.2016
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Greifswald

Die Nerven der Mitarbeiter des Theaters Vorpommern liegen blank. Noch immer gibt es keine Einigung über die Gehälter, die ab 2017 gezahlt werden. Die Angst, den Job zu verlieren, ist groß, ebenso die Sorge, dass die Arbeitsbedingungen deutlich schlechter werden. Horrorvision vieler Künstler: Sie müssen ab 2018 zwischen Stralsund, Greifswald, Putbus, Neubrandenburg und Neustrelitz pendeln, um alle Bühnen des geplanten Staatstheaters Nordost zu bespielen.

„Faust. Ein Fragment“ ist Drama pur. Das herrscht auch hinter den Kulissen: Die Mitarbeiter am Theater Vorpommern fühlen sich alleingelassen. Quelle: Vincent Leifer

Greifswalds Oberbürgermeister Stefan Fassbinder (Grüne) und Theaterintendant Dirk Löschner beschreiben die Verhandlungsrunden mit dem Land als „zäh“ und „schleppend“. Bislang gebe es keine verbindlichen Entscheidungen.

Eine der drei Arbeitsgruppen erarbeitet einen Stellenplan. Dieser orientiert sich an den Vorgaben des Landes aus dem Jahr 2014. Heißt: Von den derzeit 277 Stellen am Theater Vorpommern sollen 36 abgebaut oder verlegt werden. Die Mitarbeiter, die derzeit in Greifswald in der Tischlerei, Schlosserei und im Malsaal arbeiten, werden ihren Arbeitsplatz künftig in den Zentralwerkstätten in Neustrelitz haben. 19 Arbeitsplätze müssen im Orchester abgebaut werden. Intendant Löschner geht davon aus, dass es keine Entlassungen geben wird. „Wenn jemand in Rente geht, wird die Stelle nicht mehr besetzt“, sagt Löschner. Dass es am Ende aber tatsächlich so klappe, könne er nicht garantieren.

Zusage des Landes für höhere Gehälter ab 2017 fehlt

Die Entscheidungsmacht des Geschäftsführers ist gering, denn er ist immer davon abhängig, wie viel Geld ihm Land und Kommunen für seinen Theateretat zur Verfügung stellen. Auch in den aktuellen Verhandlungen über die Gehälter der künstlerischen Mitarbeiter ist er Bittsteller bei der Landesregierung und den Verwaltungschefs der Kommunen. Bis heute gibt es beispielsweise keine Zusage des Landes, zusätzliche Mittel für einen besseren Haustarifvertrag ab 2017 zur Verfügung zu stellen. Aus dem Kultusministerium heißt es lediglich, das Land sei mit den kommunalen Trägern im Gespräch, „ob und in welcher Höhe es sich an tarifbedingten Mehrbedarfen beteiligt“. Weiter teilt Pressesprecher Henning Lipski mit: „Für die Landesregierung gehört es zu den Grundprämissen der Theaterreform, dass in den Theatern ab 2020 am Tarif orientierte Löhne gezahlt werden.“ Fakt ist jedoch auch, dass für diese Tarifsteigerungen bislang keine Mittel im Theateretat vorgesehen sind. Auf eine langfristige Jobgarantie können die wenigsten Mitarbeiter hoffen. Jahres- und Zweijahresverträge sind bundesweit üblich im künstlerischen Bereich. Nur wenige Schauspieler am Theater Vorpommern sind unbefristet angestellt.

Beim Schauspiel soll alles bleiben wie es ist

Was die Arbeitsbedingungen anbelangt: Die Chancen stehen gut, dass im Schauspiel alles bleibt, wie es ist. Als Standort ist Greifswald vorgesehen. Ein zweites Schauspielensemble mit musikalischer Ausrichtung soll es in Neustrelitz geben. „Damit die Künstler nicht zu viel Zeit auf den Straßen verbringen, macht es Sinn, dass die Ensembles in ihren bisherigen Territorien auftreten“, sagt Löschner. Das sei zwar noch in der Diskussion, es gebe hierzu jedoch große Zustimmung.

Konkret hieße das: Das Greifswalder Schauspielensemble tritt in Stralsund, Greifswald und Putbus auf, das Ensemble aus Neustrelitz zudem in Neubrandenburg. Das Ballett behält ebenfalls seinen Standort in Greifswald, das Musiktheater bleibt in Stralsund, das Philharmonische Orchester wird am Standort Neubrandenburg fusioniert, die Werkstätten werden zentral in Neustrelitz angesiedelt. „Es wird dann nur noch ein Orchester statt zwei geben. Die Anzahl der Sinfoniekonzerte bleibt aber gleich“, sagt Löschner. Sie werden jedoch häufiger gespielt, nämlich an allen Standorten im Gebiet des Staatstheaters Nordost.

Land: „Schuldzuweisungen helfen nicht“

„Wir müssen schneller verhandeln, denn der Schwebezustand ist das Allerschlimmste“, sagt OB Stefan Fassbinder (Grüne). Er kritisiert das langsame Tempo der Verhandlungen, wirft dem Land vor, auf der Bremse zu stehen. „Egal welche Lösung am Ende steht, es muss rasch gehen“, sagt Fassbinder.

Das Land hat Arbeitsgruppen gegründet, in denen regelmäßig beraten wird. „Wir freuen uns über Anregungen von Herrn Fassbinder, wie es schneller gehen kann.“ Henning Lipski, Pressesprecher von Kultusministerin Birgit Hesse (SPD), betont, dass Fassbinder und seine Mitarbeiter selbst Mitglied aller Arbeitsgruppen seien und dort selbstverständlich für eine höheres Tempo eintreten könnten.

„Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen nicht weiter.“

Fassbinder beklagt, dass bislang noch zu viele Punkte offen seien: „Soll es eine GmbH geben? Wird die eine auf die andere verschmolzen? Wird es eine neue geben? Wie kann ein Spielplan in all diesen Städten funktionieren? Wer gibt wie viel Geld?“

Aktuelle Stunde zum Theater in der Bürgerschaft

Die Bürgerschaftssitzung am kommenden Donnerstag beginnt mit einer Aktuellen Stunde zum Stand der Verhandlungen um eine Neustrukturierung der Theaterlandschaft in MV und die Zukunft des Theaters Vorpommern. Beantragt wurde sie von den Fraktionen der CDU und der SPD sowie den Bürgerschaftsmitgliedern Rita und Rudi Duschek (Linke) sowie Ulrich Rose (Alternative Liste). Die Sitzung beginnt am 10. November um 18 Uhr im Bürgerschaftssaal (Rathaus).

Fakten zur Theaterreform

2018 ist das Jahr der Theaterfusion: Bis dahin sollen das Theater Vorpommern und die Theater in Neustrelitz und Neubrandenburg zum Staatstheater Nordost fusionieren.

Wichtigstes Ziel der Theaterreform ist es, Geld zu sparen. 60 Stellen sollen durch die Fusion abgebaut werden. Das Personal soll im Gegenzug wieder besser bezahlt werden. Seit vielen Jahren verzichten alle Mitarbeiter des Theaters Vorpommern auf einen Teil ihres Lohns. Ab 2020 sollen die Gehälter wieder dem Tarif angeglichen werden, so das Versprechen des Landes. Das gilt sowohl für das künstlerische Personal als auch für das im nichtkünstlerischen Bereich (Bühnenbild, Kostüme, Marketing).

Folgende Sparten sind am Staatstheater Nordost geplant: Musiktheater in Stralsund, Ballett und Schauspiel in Greifswald, Philharmonisches Orchester in Neubrandenburg mit Stralsund als zweitem Probenort, Schauspiel mit musikalischer Ausrichtung in Neustrelitz.

Eine Eintrittskarte am Theater Vorpommern wird mit 97 Euro subventioniert. Das ist der geringste Betrag, mit dem eine Karte in einem Theater in MV mit Steuergeldern unterstützt wird. Mit 153 Euro wird eine Karte am Volkstheater Rostock subventioniert. Der Durchschnittsbetrag in MV liegt bei 113 Euro.

14,8 Millionen Euro betrug der Etat des Theaters Vorpommern im Jahr 2015. 8,3 Millionen Euro stammten vom Land MV, 6,5 Millionen Euro kamen von den Hansestädten Greifswald und Stralsund sowie dem Landkreis Vorpommern-Rügen.

Gibt es eine Alternative zur Fusion?

Bislang steht nicht hundertprozentig fest, ob es das Staatstheater Nordost geben wird. Das Land fordert zwar die Fusion des Theaters Vorpommern mit den Theatern in Neustrelitz und Neubrandenburg. Die Städte Greifswald, Stralsund und der Landkreis Vorpommern-Greifswald haben auf den massiven Druck der Regierung hin auch längst begonnen, mit dem Land über die Fusion zu verhandeln. Doch solange noch keine Verträge unterzeichnet sind, gibt es immer wieder Leute, die auf Alternativen hoffen. Einer von ihnen ist Greifswalds Oberbürgermeister Stefan Fassbinder (Grüne): „Reform heißt nicht zwangsläufig Fusion, sondern dass wir die Theater auf gesunde Füße stellen.“ Ihm gehe es darum, die jetzige Qualität und die Zahl der Auftritte zu erhalten.

Eine Idee, wie das erreicht werden könnte, hat er angesichts der knappen Finanzvorgaben des Landes jedoch nicht.

Theaterintendant Dirk Löschner sieht das pragmatisch: „Alles andere würde nur funktionieren, wenn das Land bereit wäre, deutlich mehr Geld in die Theater zu stecken. Das ist nicht so.“ Der neue Koalitionsvertrag der rot-schwarzen Regierung sehe keinerlei Kurswechsel vor. „Die Fusion ist für kaum jemanden die Wunschlösung. Aber die meisten haben den Weg akzeptiert“, sagt Löschner.

Katharina Degrassi

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