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Greifswald Gedenktafel und Straßenkonzert für Holger Biege in Greifswald
Vorpommern Greifswald Gedenktafel und Straßenkonzert für Holger Biege in Greifswald
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15:11 24.04.2019
Der in Greifswald geborene Sänger, Texter und Komponist Holger Biege bei einem Auftritt im Theater Vorpommernvor gut 15 Jahren. Quelle: OZ-Archiv
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Greifswald

Er war ein Gratwandler zwischen Pop und Klassik. Er war ein Zwischen-den-Zeilen-Sänger, der die großen philosophischen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Verletzlichkeit der Erde und der Brüchigkeit von Beziehungen in einer Ernsthaftigkeit und Nachdrücklichkeit stellte, wie es untypisch war für die DDR. „Sagte mal ein Dichter“, „Reichtum der Welt“ oder auch „Wenn der Abend kommt“ sind Lieder von Holger Biege, an die sich viele in der DDR Geborene erinnern und die Teil ihrer eigenen Biografie wurden. Den West-Geborenen blieb Biege ein Unbekannter, auch wenn er 1983 in den Westen übersiedelte.

Von Donnerstag an, Bieges erstem Todestag, soll eine Gedenktafel an den 1952 in Greifswald geborenen Künstler erinnern. Der Musikerfreund Thomas Putensen sowie Jens Krafczyk, der wegen seines Faibles für DDR-Rockmusik bekannte Greifswalder Geschäftsmann, haben Spenden für eine Tafel am Wohnhaus in der Goethestraße 7 gesammelt. In dem Haus verbrachte Biege seine ersten Lebensjahre. Um 13 Uhr soll es ein kleines Spontankonzert auf der Straße geben. „Wir rollen das Klavier rüber für zwei, drei Lieder“, sagt Putensen. Auch Bieges Ehefrau, Cordelia, und Holgers älterer Bruder, der Sänger Gerd Christian, werden kommen. Holger Biege starb vor einem Jahr an den Folgen eines schweren Schlaganfalls, den er 2012 erlitten hatte und in dessen Folge er seine Stimme verlor. Trotzdem: „Es soll ein fröhliches Erinnern werden“, sagt Putensen. Keine Trauerfeier.

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Der Vollblut-Musiker Putensen kann sich noch an seinen ersten Holger-Biege-Moment Ende der 1970er Jahre erinnern. „Ich arbeitete damals in der Greifswalder Theater-Werkstatt. Wenn „Sagte mal ein Dichter“ im Radio lief, wurde die Musik lauter gedreht und die Arbeit blieb liegen.“ Die Lieder hoben sich ab von dem radiotypischen Schlagerbrei. „Seine Musik hat etwas unglaublich Echtes, Weises und Menschliches“, sagt der 59-Jährige.

13.00 Uhr – Enthüllung der Gedenktafel am Wohnhaus in der Goethestraße 7

14.00 Uhr –Vorstellung der Biographie „Holger Biege –Sagte mal ein Dichter“ und Signierstunde mit dem Autor Wolfgang Martin, Buchhandlung Hugendubel, Am Markt 20/21

19.00 Uhr – Kneipenabend mit Holger-Biege-Songs im „Toms“, Schuhhagen 30

 

Zum ersten Todestag veröffentlichte der mit Biege befreundete, frühere Radioredakteur und –moderator Wolfgang Martin eine Biografie „Holger Biege – Sagte mal ein Dichter“. Martin befragte Musikerkollegen, Cordelia Biege und Gerd Christian. Und er begab sich auf Spurensuche, auch in Greifswald.

Biege lebte knapp acht Jahre in Greifswald, bevor seine Familie nach Berlin zog, weil der Vater, ein Naturwissenschaftler, dort eine Stelle an der Akademie der Wissenschaften antrat. Die Stadt selbst hatte auf Biege offenbar keinen wirklich prägenden Einfluss. In der Biografie wird der Musiker im Jahr 1984, ein Jahr nachdem er in den Westen übergesiedelt war, auf die Frage zu seiner Geburtsstadt so zitiert: „Es gibt nur einen berühmten Greifswalder, Caspar David Friedrich. Ansonsten? Ehemalige Hansestadt am Greifswalder Bodden. Eine Kleinstadt, die ich nur sieben Jahre kannte.“

Warum er in den Westen ging, erzählte Biege nach dem Mauerfall in einem Interview mit der „Jungen Welt“. „Ich bin nicht wegen der großen Karriere gegangen, sondern weil ich den Druck hier nicht mehr ertragen habe... Die meisten empfanden doch die Stagnation als unerträglich, diesen Weg in die Leere, alles war vorgeplant, registriert, reglementiert.“ Im Westen blieb Biege der künstlerische Erfolg versagt. Buchautor Martin fasst es so zusammen: In der DDR scheiterte der hochsensible Künstler an der Zensur und den administrativen Schranken des Kulturbetriebes, im Westen resignierte er vor den kompromisslosen kommerziellen Bedingungen des Musikmarktes. Zeitweilig arbeitete Biege in Hamburg als Lagerarbeiter im Otto-Versand und verfasste Musik-Gutachten für einen Rechtsanwalt.

Nicht nur für den Radioredakteur war Biege ein „genialer Ausnahmekünstler“. Auch Thomas Putensen ist beeindruckt von der Vielseitigkeit des Musikers. „Holger war ein vorzüglicher Sänger, ein herausragender Komponist, Pianist und Arrangeur – ein großartiger Künstler“, sagt er. Was bleibt von Holger Biege? „Die Musik – ganz klar“, sagt Putensen. „Und der Stolz, sich als Künstler nicht zu verbiegen.“ In diesem Sinne sei Biege ein echter Pommer gewesen, ein Sturkopf eben.

Martina Rathke