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Greifswald Gelebte Integration – Syrer schaffen tolles Abi
Vorpommern Greifswald Gelebte Integration – Syrer schaffen tolles Abi
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18:38 26.06.2019
Rwan Sulaiman und Imad Asfari aus Syrien machten im Juni 2019 in Greifswald ihr Abitur. Quelle: Petra Hase
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Greifswald

 Kein Wort Deutsch konnte Imad Asfari, als er im Herbst 2015 mit seiner Familie aus Aleppo flüchtete. Die ersten Brocken der so ungewohnten Sprache „lernte ich damals im Aufnahmelager per Smartphone-App“, blickt der 20-Jährige zurück. Dreieinhalb Jahre später absolviert er seine mündliche Deutschprüfung am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium so locker wie nur die besten Muttersprachler, erreicht 14 von 15 möglichen Punkten. Macht mit den anderen Ergebnissen die Abiturnote 2,0. Und damit ist er kein Einzelfall: Rwan Sulaiman, die ebenfalls aus Syrien stammt, bringt es gar auf eine 1,8 – dank ihrer 13 Punkte in Mathe und 15 in Spanisch! „Das ist einfach nur toll“, würdigt Schulleiter Bernd Albrecht die Leistung der Abiturienten: „Hier haben sich Fleiß und Ehrgeiz ausgezahlt“.

Als Menschen aus Syrien und anderen Staaten vor vier Jahren zu Tausenden in unser Land flüchteten, war die Welle der Hilfsbereitschaft in Greifswald trotz aller Schwierigkeiten groß. Das Wort Integration war in aller Munde. Doch was ist daraus geworden? Gingen die Träume auf?

Für Imad, Rwan und fünf weitere Schüler mit Migrationshintergrund, die am Donnerstag im Jahngymnasium ihr Abiturzeugnis in Empfang nehmen, ist der Himmel zumindest wolkenlos blau. „Alle Sieben haben bestanden“, freut sich Albrecht mit den Schützlingen. Wobei die erlangte Hochschulreife keine Selbstverständlichkeit sei. Im Gegenteil. „Wer damals aus dem Ausland kam, musste zum Erwerb der Alltagssprache einen Intensivkurs an einer Regionalen Schule besuchen“, sagt Gesine Uteß, Koordinatorin für Deutsch als Zweitsprache (DAZ) in den Landkreisen Vorpommern-Greifswald und Vorpommern-Rügen. „Da gab es alles – vom Analphabeten bis zum Hochbegabten“, erinnert sich die Lehrerin. Doch individuelle Förderung sei in MV nicht angesagt gewesen. Gymnasium gar? Fehlanzeige. Dabei habe sich gezeigt, dass einige Schüler eine schnelle Auffassungsgabe und große Talente mitbrachten.

Wie der musisch begabte Imad Asfari, den Annette Fischer in Neuenkirchen kennenlernte. Die Leiterin der Montessori-Musikschule war damals in der Flüchtlingshilfe aktiv. „Viele der Ankommenden hatten aufgrund der Kriegswirren schon monatelang keine Schule mehr besucht. Mir war wichtig, dass ihnen nicht noch mehr Lebenszeit verloren geht, sie nicht in irgendwelchen Behördengängen hängen bleiben“, sagt sie. Ziel sei es deshalb gewesen, „die Kinder und Jugendlichen sofort nach der Ankunft zu beschulen“. Imad Asfari hätte aufgrund seiner 16 Jahre eigentlich in eine Berufsschule gehen müssen. Doch Gesine Uteß und Annette Fischer erkannten das Potenzial des Jungen wie auch anderer Schüler. Mit Unterstützung der DAZ-Fachberatungsstelle, der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung und Integration (RAA) sowie des Staatlichen Schulamtes gelang schließlich die sofortige Aufnahme ins Gymnasium. „Das gab es nur in Greifswald, nirgends sonst“, so Uteß.

Auf diese Weise absolvierten die Mädchen und Jungen nicht nur den üblichen 20-Stunden-Intensivkurs Deutsch, sondern waren vom ersten Tag an in den Klassen integriert, nahmen ganz normal am Fachunterricht teil. „Die ersten Stunden waren schrecklich. Ich verstand rein gar nichts“, erinnert sich Imad, der heute ohne Akzent spricht. Auch für Rwan war der erste Unterricht ein Graus: „Wie eine gehörlose Person achtete ich nur auf Mimik und Gestik“, sagt die 20-Jährige und lacht. Doch schnell ging es bei ihnen und den anderen Syrern mit dem Verstehen vorwärts. „Einige von ihnen erreichten schon nach sieben Monaten das Deutsche Sprachdiplom B1. Normalerweise benötigen Schüler dafür zwei Jahre“, verdeutlicht Uteß die Leistung.

Und die anderen Fächer? „Mathe war kein Problem, das lief auch ohne Sprachkenntnisse gut. Schwieriger waren Bio und Geo“, verrät Imad Asfari. Und noch gut erinnere er sich an seine erste Physik-Klausur in der elften Klasse: „Da schaffte ich gerade mal einen Punkt, in der letzten waren es dann zehn“, erzählt er. Rwan offenbart: „Für mich war Geschichte ein Albtraum.“ Überhaupt die elfte Klasse: „Die war echt schwer“, sind sich beide einig. Das Schulsystem in Syrien sei zudem komplett anders aufgebaut. Klausuren, wie hier üblich, gebe es in ihrem Heimatland so nicht. Trotzdem steckten sie, das Ziel vor Augen, nicht auf. Lernten beharrlich und wiederholten schließlich freiwillig ein Schuljahr, „um am Ende mit einem besseren Durchschnitt abzuschneiden“, erklärt Rwan, die wie Imad dankbar ist, „so viel Unterstützung von den Lehrern bekommen zu haben“.

Damit nicht genug: Die beiden Gymnasiasten fanden trotz des immensen Lernpensums noch Zeit und Muße, sich auf anderem Gebiet zu integrieren und engagieren. Dafür steht unter anderem das Musical „Hair“, das gerade im Theater Vorpommern Premiere feierte und bei dem beide mitmischen. „Imad ist überhaupt ein ganz toller Musiker“, lobt Annette Fischer und berichtet, dass er bereits frühzeitig Klavierunterricht an der Musikschule der Hansestadt nahm. Rwan indes kam erst etwas später zur Musik, entdeckte für sich die Gitarre. „Beide waren mit ihrer arabischen Musik, mit ihren Auftritten zu verschiedenen Anlässen für uns alle eine große Bereicherung“, sagt Fischer.

Dennoch werde die Musik nur ein Hobby bleiben: Imad Asfari plant, Luft- und Raumfahrttechnik zu studieren. Rwan hat sich für Zahnmedizin entschieden. „Vielleicht mache ich aber auch erst ein Freiwilliges Soziales Jahr“, überlegt sie noch. Nur eines ist sicher: Die Vorfreude auf den Abiball – am Sonnabend wird gefeiert.

Petra Hase

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