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Greifswald Generationen-Duell über Greta Thunberg und Arndt
Vorpommern Greifswald Generationen-Duell über Greta Thunberg und Arndt
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09:12 07.05.2019
Die Bürgerschaftskandidaten Hulda Kalhorn (Alternative Liste) und Eckhard Ehrke (Kompetenz für Vorpommern) im Streitgespräch. Quelle: Peter Binder
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Greifswald

Hulda Kalhorn ist 18, Eckard Ehrke ist 80 Jahre alt. Frau gegen Mann. Jung gegen Alt. Sie engagiert sich für die Alternative Liste. Er ist Mitglied der konservativen Wählergruppe Kompetenz für Vorpommern. Mehr Gegensätze gehen eigentlich nicht. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Die Abiturientin und der ehrenamtliche Fußballlehrer treten am 26. Mai erstmals für die Bürgerschaft an, wollen sich in der Stadt kommunalpolitisch engagieren. Die OZ brachte die Beiden zu einem Streitgespräch zusammen.

Ostsee-Zeitung: Herzlich willkommen. Schön, dass Sie unserer Einladung zu dieser ungewöhnlichen Gesprächsrunde gefolgt sind. Meine erste Frage, was sagt Ihnen der Name Greta Thunberg?

Eckard Ehrke: Ich hab das gelesen und im Fernsehen gesehen, dass die Schüler fürs Klima auf die Straße gehen. Von der Sache ist das gut, dass die Jugend ihre Probleme in die Weltöffentlichkeit bringt. Das ist ihr Leben. Ob das auf die Dauer gut ist, die Schule zu schwänzen, ist die andere Seite.

Hulda Kalhorn: Greta ist eine Art Ikone einer neuen Jugendbewegung. Das ist toll. Dass sich so eine große Masse an Unterstützern angeschlossen hat, zeigt was für ein wichtiges Problem der Klimawandel für uns Junge geworden ist. Ich kann total verstehen, das sich manche Leute Gedanken über das Schuleschwänzen machen. Aber im Endeffekt ist das unsere Sache. Es geht um unsere Zukunft.

Worum ging es Ihnen in der Jugend, Herr Ehrke?

Ehrke: Ich habe die Bombenangriffe miterlebt, es war grauenvoll. Wir wurden rausgeschmissen aus Stettin nach Kriegsende. Die erste Aufbruchstimmung kam für uns Ende der 1940-er Jahre. Dieses Frei-Leben. Ich weiß auch noch, was Hunger heißt. Das geht mir auch heute alles noch sehr nahe.

Was verbindet Sie eigentlich mit der Generation, die Ihnen gegenüber sitzt?

Ehrke: Die Jugend ist mein Leben. Ich habe gerne mit Jugendlichen zusammengearbeitet und mache das heute auch noch. Ich bin seit 1968 im Fußball tätig, habe in meiner Laufbahn zu DDR-Zeit über 30 Kader zu Hansa delegiert. Toni Kroos, den ich von 2000 –2002 im DFB-Stützpunkt trainiert habe, war immer ein gelehriger und lenkbarer Spieler gewesen. Mein Gott, Toni Kroos – kennen Sie den eigentlich?

Kalhorn: Doch natürlich! Wenn Sie mich fragen, was mich mit der Generation von Herrn Ehrke verbindet, dann sind das meine Großeltern. Gerade mit meiner Großmutter habe ich lange Gespräche darüber, in denen ich versuche, die Zeit ihrer Jugend zu verstehen. Das ist soweit weg von meiner Lebensrealität. Das ist ein unglaubliches Privileg, dass wir noch Zeitzeugen haben wie Sie. Deshalb fände ich es gut, wenn wir in Greifswald Angebote schaffen könnten, wo Jugendliche den Älteren begegnen und sich austauschen.

Eckard Ehrke lacht, streckt die Hand zum Abklatschen aus. High Five!

Sie treten das erste Mal für die Bürgerschaft an. Sie, Herr Ehrke, für die KfV, Sie, Frau Kalhorn, für die Alternative Liste? Was ist ihre Motivation?

Kalhorn: Ich bin in Greifswald geboren. Ich finde, in der Stadt mit 60 000 Einwohnern hat man tolle Möglichkeiten, etwas zu bewegen in der Kommunalpolitik. Ich war damals vor einem Jahr viel in der Bürgerschaft, weil es den Kinder- und Jugendbeirat geben sollte. Und ich hab gedacht, okay, vielleicht würde es der Bürgerschaft ganz gut tun, wenn hier mal mehr Jüngere und Frauen mitwirken.

Ehrke: Das find ich toll. So eine Einstellung haben nicht alle Jugendlichen. Ich war schon als sachkundiger Bürger im Sportausschuss. Sport ist mein Leben. Das will ich einbringen. Spielsportarten holen die Jugendlichen von der Straße weg, die lehren das Soziale. Es geht darum, dass sich die Gesellschaft nicht spaltet. In der KfV sind zudem so feine engagierte Menschen, die mich von ihrer Persönlichkeit her begeistern. Die Lebenserfahrung bringt es mit sich, dass man mit dem Alter konservativer wird. Aber die Jugend zeigt mir, dass sich Gesellschaft immer wieder erneuert. Man könnte sagen: Ein Drittel ist Erneuerung, zwei Drittel ist Bestand.

Kalhorn: Mit ist wichtig, dass man mehr den Fortschritt feiert. Aber es ist eine tolle Sache, dass wir unterschiedliche Leute ansprechen. Es ist doch toll, dass man trotz unterschiedlicher Positionen zusammenarbeitet und das beste für die Stadt macht.

Die Diskussionen in der Bürgerschaft sind stark von Polemik geprägt. Wo hört die Toleranz der Zusammenarbeit auf?

Ehrke: Man muss Kompromisse finden. Wenn etwas gut ist von einer anderen Partei, dann lehnen wir das nicht ab. Wir sind an sachlichen Problemlösungen interessiert.

Kalhorn: Ich bevorzuge einen Diskurs. Natürlich ist es gut, den Standpunkt der anderen zu verstehen. Aber ich würde einige Parteien schon kategorisch ablehnen. Bei mir hört Toleranz bei superveralteten Grundwerten und mega-rechtspopulistischen Positionen auf. Ich bin mir sicher, dass ich mit der AfD nie auf einen grünen Zweig kommen werde.

Ehrke: Das finde ich gut. Aber, wenn Höcke und die anderen quatschen, dann muss man auch Argumente haben, dagegen zu halten. Da hilft auch ein Blick in die Vergangenheit, in die Weimarer Republik und teilweise in die DDR.

Wie bewerten Sie die Entwicklung in der Stadt?

Kalhorn: Ich finde, dass Greifswald eine sehr lebenswerte Stadt ist. Aber viele meiner Freunde sagen, dass sie, sobald sie ihr Abi haben, hier raus sind. Aber das hängt möglicherweise mit dem Alter zusammen. Greifswald hat Charme. Es gibt eine große alternative Szene, viele Studenten, viele Schüler. Aber ich finde, dass da noch mehr gemacht werden muss. In Schulgebäuden zu sitzen, wo Löcher in der Wand sind, ist nicht so toll. Es gibt ein riesiges Netzwerk von Burschenschaften, Identitären, das ist ein Problem. Die Stadt sollte dann eher die Gegenbewegung unterstützen. Am 1. Mai hat man gesehen, wie viele Leute sich für Demokratie engagieren.

Ehrke: Im Großen und Ganzen kann man sagen, Greifswald ist eine lebenswerte Stadt mit dieser tollen Lage und den vielen jungen Leuten. Aber ich finde, dass einige Straßen gemacht werden müssten, auch die Verbindungen mit den Radwegen ist nicht immer ideal, vor allem im Umland. Auf der Anklamer kann man nicht mit dem Fahrrad fahren. Schulen und Kindergärten müssen Schwerpunkte bleiben. Meines Erachtens wird zu wenig für die Jugend gemacht. Früher gab es das Volkshaus zum Tanz, das fehlt so ein bisschen. Angebote schaffen für Jugendliche, da muss mehr passieren.

Ich will zum Schluss ein paar Stichworte in die Runde werfen und fragen, wie Sie dazu stehen. Radwege in Greifswald?

Ehrke: Ein Thema, das uns immer beschäftigen wir. An einigen Stellen müssen wir nachbessern.

Kalhorn: Radwege müssen ausgebaut werden. Kinder müssen sicher zur Schule kommen können, dann hat man auch das Problem mit den Elterntaxen nicht mehr.

Mieten in Greifswald?

Ehrke: Mieten dürfen nicht ins Unermessliche wachsen, dann können sich das nur Wenige leisten.

Kalhorn: Vor allem für junge Leute ein großes Problem. Man müsste das Mietniveau in den Stadtteilen angleichen, damit es auch zu einer sozialen Durchmischung kommt. Es könnte am besten gelingen, wenn viel Wohnungseigentum in den Händen der Stadt ist.

Ernst Moritz Arndt?

Ehrke: Man muss Arndt in seiner Zeit sehen. Bei aller Kritik an seiner Person, Arndt hat sich für Abschaffung der Leibeigenschaft eingesetzt. Deshalb befürworte ich auch ein Denkmal.

Kalhorn: Ich finde, die Stadt kann sich von Arndt distanzieren. Arndt war eine Person, die in Greifswald eine Rolle gespielt hat, aber die Antisemitismus gelebt hat, Franzosen diskriminiert hat. Das passt nicht in die heutige Zeit.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Martina Rathke

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