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Greifswald Der Lieferant in der Nacht
Vorpommern Greifswald Der Lieferant in der Nacht
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16:36 25.12.2018
Nachtschicht: Sven Raedels Getränketaxi liefert täglich von 20 bis 4 Uhr morgens. Quelle: Christopher Gottschalk
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Greifswald

Sven Raedel packt Cola, Orangenlimo, Wasser und Kräuterschnaps in einen Korb. Er schließt die Tür seinen weißes Mercedes-Transporters, im Radio dudelt ein Chartlied, im Rückraum klirren Glasflaschen, Regentropfen fallen auf seinen gelben Kapuzenpullover mit dem Schriftzug „Getränketaxi“. Seit fünf Jahren liefert der 32-Jährige nachts Bier, Spirituosen und Snacks direkt an die Haustür. „Irgendwann schreibe ich ein Buch darüber, was nachts alles so passiert“, sagt er und lacht. Jeden Tag von 20 bis 4 Uhr ist das „Getränketaxi“ unterwegs, so auch an diesem Dezembertag, drei Tage vor Heiligabend.

„Mit Feiern und Alkohol lässt sich immer Geld verdienen“

Raedel, gelernter Kfz-Mechatroniker, Dreitagebart, schulterlange braune Haare zu einem Zopf gebunden, steht um kurz vor 21 Uhr in der Fleischervorstadt. Die 35-jährige Kati nimmt ihre Bestellung entgegen. „Wir rufen ihn, wenn wir keine Lust mehr haben, raus zu gehen oder mit Freunden sitzen und nichts mehr zu trinken da ist“, sagt sie. Sven Raedel ist nicht Greifswalds erster Nachtkurier für Bier und Co. Bereits 2003 entstand die Idee des „Biernotrufs“, gegründet von einem Greifswalder. Der gab das Unternehmen ab, es wurde von einem Taxiunternehmen übernommen. Damals seien Fahrer unfreundlich gewesen, Lieferzeiten zu lang, die Preise zu hoch gewesen, erfuhr Raedel von Kunden. Das Getränketaxi gehöre zu Greifswald, deswegen wollte er es vor fünf Jahren übernehmen, auch wenn es am Boden gelegen hätte. „Ich habe die ersten zwei Jahre jede Tour selbst gefahren. Es war ein Minusgeschäft.“ Doch es erholte sich, mittlerweile hat er zwei Mitarbeiter. Sein anderes Standbein ist ein Partyzeltverleih. „Mit Feiern und Alkohol lässt sich immer Geld verdienen.“

Getränketaxi liefert Bier, Zigaretten, Klopapier und Kondome

Quelle: Christopher Gottschalk

Das Telefon ist stumm, Raedel trinkt Kaffee aus einem Tankstellenpappbecher, die Autoheizung läuft, der Rauch seiner Zigarette zieht durch den Fensterschlitz nach draußen. Routine. In ruhigen Momenten erledige er Bankgeschäfte, Abrechnungen oder ziehe sich bei Langeweile auch mal in eine Spielothek zurück. Bis der nächste Kunde nach Bier ruft, aber auch Zigaretten, Katzenfutter, Marmelade, Tampons, Kondome oder Klopapier braucht.

Bei der nächsten Lieferung nach Ladebow kommt zu Zigaretten und zwei Flaschen Bier noch eine Geldkarte für Onlineeinkäufe dazu. Raedel begrüßt den 31-jährigen Johannes wie einen guten Bekannten. „Er ist goldwert!“, lobt der. „Preis-Leistung ist tipp-top. Ich bin oft auf Montage und mein Kühlschrank leer, deswegen bestelle ich gern bei ihm.“ In dieser Nacht beliefert das Taxi außerdem eine alte Dame mit lieblichem Wein, einen Stammkunden mit Flüssignahrung für seine Nacht in der Spielothek, eine Gruppe von Freunden mit Bier. Ein „Hartz IV Gedeck“ – sechs Flaschen Exportbier und eine Flasche Korn – gehen an einen wortkargen Mann in Jogginghose und Unterhemd nach Schönwalde. Der Reporter bekommt ruhig aber bestimmt gesagt, dass er statt zu fragen jetzt besser gehen sollte.

Ein Kunde kam nackt an die Tür, andere wollen Umarmungen

Viele der Kunden wohnen in Schönwalde. Doch vom Arbeitslosen bis zum Professor würden alle Gesellschaftsschichten bei Raedel bestellen, rund ein Fünftel sind Studenten. Dazu kommen Kunden wie der ältere Herr, der einmal wöchentlich eine Kiste Bier bestellt, weil er selbst nicht mehr einkaufen kann. Manche Kunden wollen Raedel auch umarmen. Ein anderer öffnete splitternackt die Tür. Raedel kann darüber lachen.

Durstlöscher für jeden Geschmack stehen im Getränketaxi bereit. Quelle: Christopher Gottschalk

Doch die Nachtschicht hat ihre Schattenseiten. „Ich habe gesehen, wie Leute in der Tür zusammenbrechen oder von Treppen geschmissen werden“, sagt Raedel. Den „brettervollen Kunden“, bei dem in der Wohnung die Kinder schreien, findet er schrecklich. „Aber selbst wenn es uns nicht geben würde, besorgen sich die Leute ihren Alkohol.“

Während der Schicht herrscht striktes Alkoholverbot für die Fahrer. Erst zum Feierabend gibt es ein Bier. Und während die ersten Greifswalder bald wieder aufstehen, nimmt Sven Raedel einen Schluck und macht sich auf den Weg ins Bett.

Christopher Gottschalk

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