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Greifswald Gewerkschaft kritisiert: Riemser zahlt nicht nach Tarif
Vorpommern Greifswald Gewerkschaft kritisiert: Riemser zahlt nicht nach Tarif
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00:00 23.05.2013
Die Riemser Pharma GmbH konzentriert sich vor allem auf die Herstellung von Arzneimitteln in therapeutischen Nischen mit hohem medizinischem Bedarf. Quelle: Riemser AG
Greifswald

Johannes Blanken fordert eine bessere Bezahlung der 550 Mitarbeiter der Riemser Pharma GmbH. Der Sekretär der Industriegewerkschaft Chemie, Bergbau und Energie in MV findet es skandalös, dass das extrem erfolgreiche Unternehmen seine Angestellten unter Tarif entlohnt. „2011 wurde bei Riemser pro Beschäftigtem ein Umsatz von rund 280 000 Euro erzielt“, argumentiert er. „Bei einer so hohen Wertschöpfung sollten die Mitarbeiter Tariflohn bekommen können.“

Wer nach dem Tarifvertrag für die chemische Industrie im Osten Deutschlands bezahlt wird, bekommt als Neueinsteiger in der niedrigsten Berufsgruppe 2245 Euro brutto im Monat, in der höchsten 4726 Euro. Bei der Riemser Pharma GmbH verdienen die Mitarbeiter weniger als der Tarifvertrag vorsieht. Wie viel weniger, will die Geschäftsführung nicht verraten. „Die Gehälter sind angemessen und wettbewerbsfähig“, meint Claudia Kerber, Sprecherin der Riemser Pharma GmbH. Mehr sagt Kerber auch auf Nachfrage nicht. Die Bitte, mit dem Betriebsrat sprechen zu können, lehnt Kerber ab. „Wir haben unserer Stellungnahme nichts hinzuzufügen“, erklärt sie. Besitzer der Riemser Pharma GmbH ist seit 2012 die Axa Private Equity, eine große europäische Kapitalbeteiligungsgesellschaft.

Aus Sicht Blankens kann sich Riemser nicht mit schlechter Wirtschaftslage herausreden. Er verweist auf die Erfolgsmeldungen der letzten Jahre. 2012 steigerte die Firma ihren Umsatz um zehn auf 110

Millionen Euro.

In Vorpommern ist die Riemser Pharma GmbH unter den Privatunternehmen kein Einzelfall. Auch der Elektronikdienstleister ml&s und die Firma HanseYachts zahlen keine Tariflöhne. Beide Unternehmen zählen zu den wenigen großen Firmen in Greifswald und Umgebung. „Wir müssen als mittelständischer Dienstleister flexibel sein“, sagt Udo Possin von ml&s. Das habe man der Belegschaft von Anfang an gesagt. Wenn möglich, dann zahle die Firma Tarif. „Wir bieten zum Teil aber auch höhere Leistungen“, betont Possin, nennt Urlaub und Schichtzuschläge.

Im öffentlichen Sektor ist Tariflohn normal. So zahlen die Stadtverwaltung, die Stadtwerke, die Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft Greifswald und die Universität nach eigenen Angaben Tariflöhne. Gleiches gilt auch für die Universitätsmedizin und große Forschungseinrichtungen wie das Max-Planck- sowie das Friedrich-Loeffler-Institut. Auch die Sparkasse Vorpommern, die Wohnungsgenossenschaft Greifswald und die Johanna-Odebrecht-Stiftung halten es so. Die bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN) zahlen ihren 875 Beschäftigten ebenfalls Tariflöhne — nach Angaben der Geschäftsführung durchschnittlich über 3000 Euro brutto im Monat.

Dass Riemser keine Tariflöhne zahle, habe die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie erst kürzlich durch die Versetzung eines Kollegen bemerkt, sagt Gewerkschafter Blanken. Bei Riemser hat sie nur ganz wenige Mitglieder. „Die Bezahlung bei der Riemser Pharma GmbH erfolgt über eine Betriebsvereinbarung.“ Er hält diese Praxis für gesetzwidrig. Auch zu den Einzelheiten der Bezahlung gibt es keinen Kommentar von der Geschäftsführung. Betriebsratsvorsitzende des Unternehmens ist Marion Heinrich, langjähriges Bürgerschaftsmitglied der Linken. Ohne Zustimmung des Arbeitgebers will sie nicht Stellung nehmen. „Die Belegschaft ist verängstigt“, kommentiert Blanken. Er hätte gerade von der Linken-Politikerin Heinrich erwartet, dass sie die Gewerkschaft unterstützt. „Ich habe schon mehrere vergebliche Anläufe für den Beginn einer Zusammenarbeit unternommen“, sagt Blanken. „Marion Heinrich blockiert das.“

Firmengeschichte
1991erwirbt die Familie Braun die Riemser Tierarzneimittel GmbH. Norbert Braun bleibt bis 2009 Vorstandsvorsitzender der Riemser Arzneimittel AG, wie sie jetzt heißt. Neuer Chef wird Michael Mehler .

2012erfolgt der Verkauf an die Kapitalbeteiligungsgesellschaft Axa Private Equity.

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