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Greifswald Graffiti-Künstler gestalten Flächen in Greifswald
Vorpommern Greifswald Graffiti-Künstler gestalten Flächen in Greifswald
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17:00 15.08.2019
Der Künstler „Moon“ bemalt mit Pinsel und Spraydose eine Garagenwand an der Dompassage. Das Werk entsteht spontan beim Zeichnen. „Ich lasse mich von der Wand inspirieren“, sagt der Künstler aus der Region. Quelle: Christopher Gottschalk
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Greifswald

Es riecht nach Lack, es zischt, Dosen klackern und der Wind weht um die Ohren. Wer ein Wandgemälde auf einem Neubaublock erschafft, steht – wie Steffen Fell – schon mal fast 20 Meter hoch in der Luft. Höhenangst? „Ich habe keine“, sagt der 40-Jährige und lacht. Das Baugerüst ist in der Stilower Wende 3 – 8, hier entsteht zum „Urban-Art-Fest“ Kunst im öffentlichen Raum. Auch im Ostseeviertel und der Innenstadt werden Flächen neu gestaltet. „Wenn Städte nur grau wären, wäre es langweilig. Eine Stadt lebt durch solche Bilder!“, sagt Fell.

Graffiti-Künstler arbeiten eine Woche in Greifswald

Für das Greifswald-Bild in der Stilower Wende soll es maritim werden: Ein Seemann wird unter Wasser gedrückt von einer Meerjungfrau. „Für den Hintergrund haben wir uns an einem Bild von Caspar David Friedrich orientiert, „Mondaufgang am Meer“, das passt zu Greifswald“, sagt Nils Bieda (38). Der Berliner Requisiteur und der selbstständige Tätowierer Steffen Fell aus Bad Hersfeld (Hessen) nennen sich „Brain Paint Circle“. Sie tragen eine schwarz-braune Grundierung auf, an der die Sprühfarbe besser haftet, 30 Liter Farbe gehen an die Hauswand. Insgesamt 100 Dosen haben die beiden im Repertoire. An ihrem Werk arbeiten sie eine Woche lang.

Sie teilen sich die Hausfassade mit Sebastian Volgmann aus Rostock. Er zeichnet drei Figuren, die je einen Fisch in der Hand haben. Die Figuren sind von der Seite zu sehen, sie haben etwas von Hieroglyphen gemischt mit Comics. „Die Figuren stehen auf Wolken. Der Hintergrund wird dunkel mit Sternen und die Figuren bekommen ein helles Türkis. Ich hatte einfach Bock auf dieses Motiv“, sagt der freischaffende Künstler.

Anwohnerinnen in Schönwalde loben Straßenkunst

Die Schwierigkeit ist das Baugerüst. Volgmann hat die gesamte Hausfassade in Quadrate eingeteilt und zeichnet die Skizze in großen Linien nach einer DIN A4 großen Vorlage, Ebene für Ebene arbeitet er sich vor. Der Aufwand sei es wert. „Es geht darum, wie wir als Gemeinschaft den öffentlichen Raum gestalten. Beschweren könnte man sich auch über Werbung, die überall zu sehen ist“, sagt er und zeigt auf ein Plakat mit einer Anzeige für ein Fitnessstudio und eine Litfaßsäule mit Werbung für Fast Food. Die Ironie ist, dass das Gebäude in der Stilower Wende 3 – 8 abgerissen wird. Daran stören sich zwei ältere Anwohnerinnen. „Ich finde es schade, dass es an einem Haus gemacht wird, das sowieso verschwindet. Grundsätzlich finde ich solche Kunst an Hausfassaden gut“, sagt eine der Damen.

Sehen Sie hier unsere Bilderstrecke zum Urban-Art-Fest

Sehen Sie hier eine Auswahl der Werke

Auch illegale Graffiti, wie Schriftzüge und Namenskürzel, genannt Styles, lehnen die drei Künstler nicht ab. Styles waren der Anfang der Graffitiszene, später kamen auch Figuren dazu, statt der Dose wird heute auch der Pinsel eingesetzt. „Wir machen hier Kunst im öffentlichen Raum. Leute aus dem Untergrund würden bestimmt sagen, es ist gar kein Graffiti“, sagt Steffen Fell. Der Untergrund sprühe nachts und auch illegal, die Schriftzüge seien wie ein Geheimcode und es hätte etwas mit Aktion zu tun, das gefalle ihm immer noch, sagt „Rogge“. Selbst sprühe er nicht mehr auf diese Art. „Ob es dann schön ist oder nicht, darüber kann man streiten“, sagt Nils Bieda, Spitzname „Cany“. Alle drei Künstler wuchsen auf in den 1990er Jahren, Graffiti, Hip-Hop und Partys gingen Hand in Hand. Viele von damals seien heute nicht mehr dabei, so „Cany“.

Organisator des Urban Art Fests will mehr legale Sprühflächen schaffen

Den Abschwung bestätigt Steffen Wikner, Mitorganisator des Urban-Art-Fests. Vor zehn Jahren hätte es kaum noch Sprüher in Greifswald gegeben. Die sozialen Medien hätten die Begeisterung bei Jugendlichen neu geweckt. Die Szene wachse, so dass auch das Urban-Art-Fest größer werden soll. „Wir wollen im nächsten Jahr mehr Hausfassaden machen. Leider gibt es in Greifswald zu wenige Flächen für zu viele Künstler. Stellen Sie sich das so vor, als gäbe es nur einen Sportplatz für alle Sportler in Greifswald“, sagt Wikner. Legale Flächen gibt es derzeit auf dem Hof im Jugendzentrum Klex oder in der Hafenstraße. Weitere sollen folgen in der Stralsunder Straße und im Schuhhagen, so Wikner.

Das Urban-Art-Fest feiert seinen Abschluss am Samstag, 17.8., im Jugendzentrum Klex mit einer Graffiti-Jam für jedermann und Open-Air-Konzerten (siehe Infokasten unten). Partner des Urban-Art-Fests sind unter anderem die Stadt Greifswald und die Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft WVG. An diesen Orten entstehen die neuen Graffiti: Roald-Amundsen-Straße 18 – 20, Stilower Wende 3 – 8 (beide Giebel), Baustraße, Domcenter – Seite Friedrich-Loeffler-Straße, Jugendzentrum Klex.

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Für eine Übersicht zu legalen Graffitiflächen klicken Sie hier oder hier (Sie werden auf externe Seiten weitergeleitet).

Open Air und Graffiti im Klex

Das Urban-Art-Fest lädt am Samstag, 17.8., zu seinem Abschlussfest ein. Im Jugendzentrum Klex wird ab 10 Uhr ein Open-Air-Festival gefeiert. Die Musik läuft draußen bis 22 Uhr, die After-Show-Party dauert im Klex bis um 4 Uhr. Mehr als 10 Künstler treten auf und spielen Musik zwischen Hip-Hop, Soul und Techno.

Ebenfalls ab 10 Uhr stehen Freiflächen zum Sprühen zur Verfügung. Vor Ort werden Dosen verkauft, für Essen und Trinken ist gesorgt. Kinder bis 14 Jahre haben freien Eintritt, ansonsten wird um eine Spende zwischen 4 und 6 Euro gebeten. Graffiti-Künstler treten im K.o.-System gegeneinander an, das Publikum entscheidet mit. Um 15 Uhr startet eine Auktion.

Adresse: Lange Straße 14, Kontakt: graffitijamhgw@gmx.de

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Von Christopher Gottschalk

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