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Greifswald Greifswald: 800 Parkplätze statt Salzwiese?
Vorpommern Greifswald Greifswald: 800 Parkplätze statt Salzwiese?
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18:20 24.07.2019
Entwurf „Hanseyachts-Parkplatz“ Quelle: Benjamin Barz
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Greifswald

Wirtschaft oder Grün, Parkplatz oder Weide – welche Interessen wiegen schwerer? Dieser Frage wird sich die Greifswalder Bürgerschaft früher oder später stellen müssen, wenn sie über den B-Plan 116 entscheidet. Es geht um ein Gelände nördlich des Rycks, auf dem das Greifswalder Unternehmen Hanseyachts knapp 800 Parkplätze für seine rund 800 Mitarbeiter bauen will. Die Kapazitäten des bisherigen Parkplatzes würden bei weitem nicht mehr ausreichen, argumentiert das Unternehmen. Wichtiger sei es aber noch, weitere Gebäude für Mitarbeiter, Büros und Lager zu errichten. Dafür wäre eine Bebauung des jetzigen Parkplatzes auf dem Firmengelände nötig.

Selten: Erdbeer-Klee und Stranddreizack

Der Haken: Das Gelände gilt als Salzwiese, ein Lebensraum für seltene Pflanzen. 2018 wurde sogar ein Biotop auf der Fläche registriert, auf dem typische Arten von Salzstandorten, wie der Erdbeer-Klee oder der Stranddreizack, wachsen. Große Teile der Fläche, die in Besitz der Hansestadt Greifswald ist, waren bislang an einen Landwirt verpachtet, der die Salzwiese als extensives Weideland für seine rund 20 Mutterkühe nutzte. Künftig muss er auf einen Großteil seines Pachtlandes verzichten. „Wenn der Parkplatz tatsächlich kommt, werde ich meine Existenz aufgeben müssen“, sagt der Pächter, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Das verbliebene Land reicht nicht aus, außerdem weiß ich nicht, wie ich die Kühe auf die hinteren Weiden bringen sollte – über den Parkplatz?“ Auch Kleingärtner der unmittelbar an die Wiese anschließenden Kolonie Rosental können dem Parkplatzbau nichts abgewinnen. „Muss denn das sein?“, fragt sich Detlef Müller. „Überall wird auf den Klimawandel hingewiesen, in Greifswald herrscht ja sogar der Klimanotstand. Und hier wird eine der letzten Wiesen mit Biotop einfach für einen Parkplatz plattgemacht. Das Gelände um die ehemalige Mülldeponie ist so schön geworden. Es wäre schade um die Natur.“

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Versiegelung könnte Wasserregime weiter beeinflussen

Rückenwind bekommen die Anlieger vom Greifswalder Landschaftsökologen Felix Reichelt der Universität Greifswald. „Ich sehe das Bauvorhaben problematisch, da sich in unmittelbarer Nähe zwischen dem geplanten Parkplatz und Ladebower Chaussee eine der wenigen übrigen Binnensalzstellen in Greifswald befindet“, so Reichelt. Durch umfangreiche Entwässerungsmaßnahmen seien diese Biotope sehr selten geworden. „Sie gelten heute als prioritärer Lebensraumtyp, welches mit die stärkste Schutzkategorie darstellt und für deren Status ein Verbesserungsgebot besteht!“, so Reichelt. Auch wenn die Geometrie des Parkplatzes mittlerweile die unmittelbare Salzstelle freilasse, werde die Hydrologie durch die Flächenversiegelung vermutlich erneut negativ verändert. „Übrig bleibt ein kleiner Grünlandabschnitt mit Salzstelle, welche für ihren Erhalt auf Bewirtschaftung angewiesen ist, bei der jedoch durch die geringe Flächengröße keine rentable Nutzung mehr möglich ist“, so der Landschaftsökologe. „Im Falle der tatsächlichen Umsetzung des Parkplatzbaus muss daher unbedingt ein Pflegekonzept für diese Salzstelle erstellt werden.“

Hanseyachts wünscht sich mehr Tempo

„Wir werden die notwendigen Ausgleichsmaßnahmen natürlich akzeptieren“, betont Hanseyachts-Geschäftsführer Sven Göbel. Hier wünscht man sich aber vor allem eines: mehr Tempo bei den Planungen und einen zügigen Baubeginn. „Wir sind der zweitgrößte Yachtbauer der Welt und arbeiten hier unter Bedingungen, die dem einfach nicht gerecht werden“, erklärt Sven Göbel. „Wenn wir weiterhin konkurrenzfähig bleiben wollen, muss etwas passieren.“ Die Flächen auf dem Firmengelände seien bereits jetzt viel zu klein, eine Neuordnung mit Gebäuden auf dem jetzigen Parkplatz sei die einzige Option. „Es geht unter anderem um Sozialräume, also Räume, in denen die Mitarbeiter ihre Spinde haben, duschen können“, erklärt Göbel. „Außerdem müssen wir neue Lagerkapazitäten schaffen, Büroräume haben wir bereits jetzt in Ladebow angemietet. Wenn die Entwickler von der Produktion abgekoppelt sind, ist das natürlich nicht ideal.“ Einige Mitarbeiterbüros auf dem Gelände seien sogar in Containern untergebracht. „Wir stehen im Wettbewerb um Fachkräfte mit Standorten weltweit. Damit können wir natürlich nicht punkten.“ Einen Showroom, wie ihn Kleingärtner wie Detlef Müller vermuteten, wird es in absehbarer Zeit nicht geben. „Das steht auf unserer Prioritätenliste ganz weit hinten. Klar wäre ein solcher Raum schön, aber zunächst kommt alles andere. Das Sozialgebäude würde rund 5 Millionen Kosten, der Parkplatz auch noch mal etwa eine Million.“

Hansestadt unterstützt Unternehmenspläne

In der Verwaltung möchte man das Unternehmen, das zu den größten Arbeitgebern der Stadt zählt, nicht vergrämen. „Wir sehen keinen Grund, die Planungen aufzugeben“, sagt Bausenatorin Jeannette von Busse. „Die weitere Entwicklung von Hanseyachts ist für uns als Wirtschaftsstandort wichtig.“ Dass das Vorhaben umstritten ist, sieht sie aber auch. „Es ist ohne Zweifel ein schwieriges Projekt im Grünflächengürtel, was auch in den vergangenen Jahren im Bauausschuss intensiv diskutiert wurde. Die Frage stellt sich natürlich, warum eine Stadt in die Landschaft hineinwächst und ob es keine andere Lösung gibt“, sagt Jeannette von Busse. „Allerdings sind auch verschiedene Standortvarianten geprüft worden, die sich aber als unpraktikabel herausgestellt haben oder mit noch größeren Eingriffen verbunden sind.“

Kein Parkhausbau am Standort möglich

Die Suche nach Alternativen zum Parkplatz gestaltete sich schwierig. Ein mehrstöckiger Parkhausbau kommt nach Aussagen der Bausenatorin nicht infrage. „Wir befinden uns im Außenbereich, da ist der Parkplatz bereits das Höchste der Gefühle.“ Eine unterirdische Parkmöglichkeit wiederum scheidet für das Unternehmen Hanseyachts aus. „Die Kosten für ein solches Vorhaben sind so hoch, dass man vermutlich ein ganzes Gewerbegebiet dafür bekommen kann“, merkt Göbel an. „Außerdem müsste ja die Fläche für eine solche Baumaßnahme auch aufgerissen werden, die Salzwiese wäre futsch.“ Auch die Idee von Carsharing bzw. Park-and-Ride-Parkplätzen gilt als ausgeschöpft. „Wir hatten mal angefragt, den Supermarktparkplatz in Neuenkirchen nutzen zu können, aber daraus wurde nichts“, sagt Göbel. „Mit rund 30 Prozent haben wir bereits einen großen Anteil an Fahrgemeinschaften, aber wir haben Fachkräfte bei uns, die in Rostock oder an der polnischen Grenze wohnen. Die brauchen den Parkplatz.“

Nutzung des Parkplatzes für die Öffentlichkeit

In einem Ort, in den viele Menschen aus dem ländlichen Raum einpendeln, brauche es auch künftig Parkplätze, meint auch Jeannette von Busse. „Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Antriebsart der Fahrzeuge in den kommenden Jahren ändert. Aber die Anzahl der Fahrzeuge wird nicht zurückgehen“, sagt sie. Der Parkplatz könnte auch für die Parkplatzsituation in der Hansestadt Greifswald ein Gewinn werden. Es ist geplant, den Parkplatz an den Wochenenden für die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Auch im Internet kann man sich den Entwurf zum B-Plan 116 ansehen und die Begründungen

Beteiligung der Öffentlichkeit

Der Entwurf zum Bebauungsplan 116 „Hanseyachts-Parkplatz“ liegt bis zum 12. August öffentlich aus. Die Pläne und Begründungen kann man sich im Stadtbauamt der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, Abteilung Stadtentwicklung (Markt 15) ansehen. Einwendungen von Einwohnern und den sogenannten Trägern öffentlicher Belange (TöBs) wie Vereinen oder Naturschutzorganisationen werden gesammelt und in den nächsten Entwurf eingearbeitet oder verworfen. Dieser wird erneut ausgelegt. Die endgültige Entscheidung für die Verabschiedung liegt bei der Bürgerschaft.

Anne Ziebarth