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Greifswald Das steckt hinter Protest-Parolen von Impfgegnern in Greifswald
Vorpommern Greifswald

Greifswald: Das steckt hinter Parolen von Impfgegnern wie "Nürnberg 2.0"

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13:03 09.01.2022
Das Plakat „Dexter help“ war bereits mehrfach auf den Demonstrationen der Impfgegner in Greifswald und Wolgast zu sehen. Es wird als Aufruf zur Selbstjustiz verstanden und deswegen scharf kritisiert.
Das Plakat „Dexter help“ war bereits mehrfach auf den Demonstrationen der Impfgegner in Greifswald und Wolgast zu sehen. Es wird als Aufruf zur Selbstjustiz verstanden und deswegen scharf kritisiert. Quelle: wil/oz
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Greifswald

Gregor Kochhan, Sprecher des Bündnisses „Greifswald für alle“ kritisiert massiv inhaltliche Positionen, mit denen das Impfgegner-Bündnis „Mein Körper – meine Wahl“ öffentlich auftritt. „Man kann gegen bestimmte Coronamaßnahmen sein oder gegen eine Impfpflicht. Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut“, sagt Kochhan. „Wenn bei den Demos dann aber Sachen fallen wie ‚Nürnberg 2.0‘ und ein Plakat mit der Aufschrift ‚Dexter help‘ hochgehalten wird, dann hört die Toleranz auf“, sagt Kochhan. Solchen Veranstaltungen müsse ein inhaltlicher Gegenprotest entgegengesetzt werden, sagt Kochhan, der mit seinem Bündnis am Montag vor einer Woche eine Gegendemonstration organisiert hat. Aus seiner Sicht bestehe die Demobewegung vorrangig aus Querdenkern und Coronaleugnern.

Dexter ist die Hauptfigur einer Krimiserie und übt Selbstjustiz

Ein Plakat mit der Aufschrift „Dexter help“ wurde bereits mehrfach auf den Protestveranstaltungen in Greifswald und Wolgast hochgehalten. „Dexter“ ist eine US-amerikanische Krimiserie, bei der Dexter Morgan, der hauptberuflich bei der Polizei arbeitet, in seiner Freizeit Menschen umbringt. Es handelt sich bei seinen Opfern um Straftäter, die von der Polizei nicht gefasst werden konnten. Dexter übt also Selbstjustiz. Das Schild „Dexter help“, übersetzt „Dexter, hilf uns“, muss damit als Aufruf zur Selbstjustiz gegen amtierende Politiker, die für die Maßnahmen in der Coronakrise verantwortlich gemacht werden, verstanden werden.

Orga-Team berät über Umgang mit dem Plakat

Auf OZ-Anfrage bestätigt Versammlungsleiter Andreas Pieper, dass das Schild mehrfach bei seinen Demonstrationen aufgetaucht ist, er selbst jedoch nicht wisse, was der Spruch bedeutet. Nachdem er sich über die Hintergründe informiert habe, wolle er nun mit seinem Team darüber beraten, wie künftig mit diesem Schild umzugehen sei.

Redner auf Demo fordert ein Nürnberg 2.0

Bei der Impfgegner-Demo am vergangenen Montag forderte der Redner Martin Klein ein Nürnberg 2.0. Dahinter verbirgt sich die in der Querdenker- und Coronaleugner-Szene weit verbreitete Forderung nach einer Neuauflage der Nürnberger Prozesse.

Während der Nürnberger Prozesse wurden etliche Verantwortliche für die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges zum Tode verurteilt. „Da wird mehr oder weniger implizit gesagt, dass die Regierung vor ein Tribunal gestellt gehört wie es bei den Nürnberger Prozessen gemacht wurde“, zeigt sich Gregor Kochhan erschüttert.

Andreas Pieper kommentiert: „Die jetzige Regierung sollte sich einer transparenten Aufarbeitung stellen.“ Das stecke aus seiner Sicht hinter Nürnberg 2.0 und sei für ihn vertretbar.

Versammlungsleiter bezeichnet Impfung als Pharmaexperiment

Er selbst ist überzeugt, dass bei der Coronaimpfung der Nürnberger Kodex, der 1947 als Reaktion auf unmenschliche medizinische Experimente während des Dritten Reichs verabschiedet wurde, missachtet werde. „Die Impfung mit mRNA-Kapseln von Biontech/Pfizer ist aus meiner Sicht ein Pharmaexperiment. Bei der Impfung wird synthetisches Material verwendet, für das keine Toxizitätsstudien vorliegen“, sagt Pieper.

Er bezieht sich damit auf eine Behauptung, die seit Mitte Dezember im Netz kursiert. Demnach enthalte das Vakzin zwei Inhaltsstoffe, die nicht für den Einsatz am Menschen zugelassen seien. Die spendenbasierte unabhängige journalistische Rechercheplattform Correctiv hat einen Faktencheck gemacht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die beiden Inhaltsstoffe sehr wohl überprüft wurden. Laut EMA seien keine Sicherheitsprobleme zu erwarten.

Am Montag ab 19 Uhr demonstrieren die Impfgegner wieder in Greifswald auf dem Marktplatz. Versammlungsleiter Andreas Pieper hat 600 Teilnehmer angemeldet.

Von Katharina Degrassi