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Greifswald 300 Jahre altes Greifswalder Gefängnis entdeckt
Vorpommern Greifswald 300 Jahre altes Greifswalder Gefängnis entdeckt
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17:43 02.07.2019
Bei den Arbeiten auf dem Gelände Ecke Baderstraße/Domstraße wurden Gefängniszellen aus dem 17. Jahrhundert gefunden. Quelle: Dirk Brandt
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Greifswald

Das ist eine archäologische Sensation. Auf dem früheren Gelände der Freiwilligen Feuerwehr wurden an der Greifswalder Domstraße Zellen eines Greifswalder Gefängnisses aus dem 17. Jahrhundert entdeckt: dunkle Löcher mit Ösen, an denen früher wahrscheinlich die Missetäter angekettet wurden. Dabei wurde auf größtmögliche Entfernungen zwischen den Häftlingen und der Tür geachtet.

„Ich kenne nichts Vergleichbares“, sagt Renate Samariter. „Das ist ein außergewöhnlicher Fund.“ Sie begleitet im Auftrage des Landesamtes für Kultur- und Denkmalpflege die Arbeiten für ein Wohnprojekt der Peter-Warschow-Stiftung auf dem früheren Feuerwehrhof Ecke Domstraße/Baderstraße. Die über 300 Jahre alten Zellen sind inzwischen weitgehend zerstört worden, die Gründungsarbeiten auf dem Gelände gingen ohne Pause weiter. Das sei sehr bedauerlich, so Samariter. Sie habe vergeblich versucht, die Mauer zu retten.

Dirk Brandt zeigt einen eisernen Anker und eine Öse aus dem Gefängnis. Die Putzreste stammen aus dem 17. Jahrhundert am historischen Ort Quelle: Eckhard Oberdörfer

Stadt: Alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt

„Es bestand nie die Notwendigkeit eines Baustopps“, stellt Stadtsprecherin Andrea Reimann fest. Mit der Dokumentation des Gefängnisses seien die gesetzlichen Forderungen erfüllt. Alle Planungen der Warschow-Stiftung seien genehmigt. „Die Mehrkosten einer Umplanung können dem Bauherren nicht auferlegt werden“, so Reimann.

Das Greifswalder „Regierungsviertel“

Historisch gesehen befand sich an der Ecke Baderstraße/Domstraße der sogenannte Stadthof mit einer ungewöhnlich großen Freifläche. In dem Bereich bis zum Wall und der Fleischerstraße lag das historische „Greifswalder Regierungsviertel“, konzentrierte sich unweit des Rathauses die Verwaltung. Das 1878 abgerissene Syndikatshaus, so etwas wie der Sitz des Rechtsamtsleiters, war nach dem Rathaus das zweitgrößte weltliche Gebäude. Im „Regierungsviertel“ standen auch die Ratsdienerhäuser und der städtische Pferdestall. Es stehen noch die Stadtschreiberei und das letzte Zeughaus. Viel spreche dafür, dass ein halbrunder Ziegelschacht aus dem 17. Jahrhundert zu einer zentralen Latrinenanlage für den Stadthof gehörte, so Renate Samariter.

Blick in eine Zelle Quelle: Dirk Brandt

„Auch die Frohnerei, also das Scharfrichterhaus, befand sich in diesem Bereich“, erzählt der Kunsthistoriker Felix Schönrock. Bis 1869 erinnerten Straßennamen wie Pferdestraße, Packhausstraße und Frohnerstraße an die früheren Nutzungen. Dann wurden sie Teil der Domstraße. Die Stadtschreiberei, das Haus des städtischen Buchhalters, die Domstraße 33, wurde 1374 errichtet. Das lasse sich sogar urkundlich belegen, so Schönrock.

Unter dem im 19. Jahrhundert abgerissenen Gebäude Domstraße 32 wurden wohl aus den 1370er Jahren stammende Keller nachgewiesen, erzählt Bauhistoriker Dirk Brandt. Hier wurden die Zellen gefunden und zwei freigelegt. „Es handelt sich um tonnengewölbte Räume, das Mauerwerk ist zum Teil mittelalterlich“, so Brandt. Es gab drei Ösen pro Zelle, man kann also von bis zu drei Gefangenen in einem Raum ausgehen. Massive Feldsteine trennten die Räume. Gefunden wurden auch sehr massive eiserne Zuganker. Flucht war nahezu unmöglich.

Mit so einem Rung wurden die Gefangenen angekettet. Dabei wurde der größtmögliche Abstand zu den anderen Gefangenen und der Tür eingehalten Quelle: Dirk Brandt

Hofgericht wollte Zellen auch nutzen

Dass es sich im Keller des Hauses Domstraße 32 tatsächlich um Gefängniszellen handelt, belegt eine Beschreibung des um die Stadtgeschichte außerordentlich verdienten Theodor Pyl aus dem 19. Jahrhundert. Er erwähnt „Kettenhaken“ also die Ösen, so Brandt. Auch in der Schwedenmatrikel von 1707/8 wird ein Gefängnis an dieser Stelle erwähnt.

Viel spricht dafür, dass die tonnengewölbten Räume um 1680 entstanden. Das Greifswalder Hofgericht wollte laut Akten dieses Greifswalder Untersuchungsgefängnis zeitweise nutzen, aber keine weiteren Verpflichtungen eingehen. Eine Anfrage von 1684 belegt das. Ob Gefangene im Keller der Domstraße 32 gefoltert wurden, lässt sich nicht mehr sagen.

Abrissbefürworter setzten sich im 19. Jahrhundert durch

Wenn das „Regierungsviertel“ noch stehen würde, wäre es sicher heute ein touristisches Highlight von überregionaler Ausstrahlung, sind Brandt und Schönrock überzeugt. Aber Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich die Befürworter von Neubauten nach Abriss der historischen Gebäude gegen die Denkmalbewahrer durch. Das Syndikatshaus und die Domstraße 32 wurden 1878 abgerissen. Gleiches geschah in den 1980er Jahren mit den Ratsdienerhäusern.

Von dem 1879 fertiggestellten Neubau des Gefängnisses ist namentlich der südliche Teil erhalten. In ihm wohnten zunächst wohl der Gefängnisdirektor und der Kommandant der Feuerwehr. Die Zellen der Häftlinge und Räume für das Wachpersonal befanden sich im nördlichen Teil. Erhalten ist die zusammen mit dem Gefängnis errichtete neugotische Mauer des Feuerwehrhofes. Das 1876/77 fertiggestellte Spritzenhaus wurde 1904 beträchtlich verbreitert, ein zweites Geschoss aufgestockt.

Abbruch des alten Dachstuhls war genehmigt

Bei der laufenden Neugestaltung des Geländes wurde bereits mehr historische Substanz beseitigt, als ursprünglich geplant und genehmigt. Die Dachkonstruktion über dem Gebäude an der Baderstraße wurde beseitigt. Auch das sei gesetzeskonform und in Abstimmung mit der unteren Denkmalschutzbehörde erfolgt, betont Stadtsprecherin Reimann. Das Holz sei schwer geschädigt und den künftigen Anforderungen nicht gewachsen gewesen.

Der Dachstuhl des Gebäudes an der Baderstraße wird durch einen neuen ersetzt Quelle: eob

Eine Ergänzung: Das noch in der DDR genutzte Gefängnis, das zum nach 1856 errichten Gebäudekomplex des Schwurgerichts Domstraße 7 gehörte, wurde auch erst in den 1990er Jahren abgerissen.

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Eckhard Oberdörfer

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