Greifswald: Holzfachhandel investiert trotz Corona-Krise
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Greifswald Greifswald: Holzfachhandel investiert trotz Krise – Steigende Preise belasten Verbraucher
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Greifswald: Holzfachhandel investiert trotz Corona-Krise

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10:27 15.05.2021
Gesellschafter Jörg Schmidt, Geschäftsführer Peter-Uwe Winkel und Zimmerermeister Reiner Poschkamp (v. l.) in der neuen Lagerhalle auf dem Firmenstammsitz von Schmidt & Thürmer in Stresow-Siedlung. Der Dachstuhl ist gerichtet.
Gesellschafter Jörg Schmidt, Geschäftsführer Peter-Uwe Winkel und Zimmerermeister Reiner Poschkamp (v. l.) in der neuen Lagerhalle auf dem Firmenstammsitz von Schmidt & Thürmer in Stresow-Siedlung. Der Dachstuhl ist gerichtet. Quelle: Petra Hase
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Behrenhoff

Große Wirtschaftsunternehmen und kleine Handwerksbetriebe ächzen unter enormen Preissteigerungen auf dem Materialmarkt. Insbesondere beim Holz gehen die Preise seit Wochen durch die Decke. „Sie sind mittlerweile bis zu 300 Prozent gestiegen. So etwas habe ich in den 30 Jahren unseres Bestehens noch nicht erlebt“, sagt Jörg Schmidt, früherer Geschäftsführer und heutiger Gesellschafter des Holzfachhandels Schmidt & Thürmer.

Hintergrund sind die drastisch gestiegenen Exporte in die USA und nach China. Mengen, die auf dem heimischen Markt fehlen. Dem gegenüber steht der Bauboom in Deutschland. Die Branche gerät zunehmend in die Krise.

Unternehmen hält an Investitionsplänen fest

Trotzdem hält das mittelständische Unternehmen an seinen Investitionsplänen fest: Gerade feierte es in kleiner Runde Richtfest einer neuen, 1600 Quadratmeter großen Lagerhalle auf dem Stammsitz in Stresow-Siedlung, Ortsteil der Gemeinde Behrenhoff. 1,5 Millionen Euro fließen in den Neubau. Damit nicht genug.

„Eine weitere Halle von gleicher Größe ist geplant, der Bauantrag bereits gestellt“, sagt Peter-Uwe Winkel, seit März 2019 Geschäftsführer der Firma. Die ist all die Jahrzehnte stetig gewachsen, beschäftigt derzeit rund 130 Mitarbeiter.

Schmidt & Thürmer verfügt in Stresow-Siedlung mittlerweile über zwölf große Hallen. Quelle: Petra Hase

Einkauf wird zur Herausforderung

Während Holz in allen Varianten auf dem Markt zunehmend knapper wird, die ersten Produzenten Beschäftigte in Kurzarbeit schickten, setzt die Schmidt & Thürmer GmbH für ihre Kunden weiter auf Lieferfähigkeit. Langjährige Erfahrungen und Geschäftsbeziehungen sowie ein immenses Potenzial an Lagerkapazität machen’s möglich.

Das Holz komme aus Deutschland, Skandinavien, Russland, Polen, aber auch Österreich ... Trotzdem werde der Einkauf zunehmend zur Herausforderung, betragen Lieferzeiten zum Teil bereits bis zu fünf Monaten. „Aktuell versuchen täglich drei bis vier unserer Mitarbeiter, Ware einzukaufen, obwohl es derzeit eigentlich wichtiger wäre, Konzepte zu schreiben“, verdeutlicht Winkel.

Der 57-Jährige kennt sich mit dem Rohstoff aus. Er ist seit über vier Jahrzehnten im Holzgeschäft zu Hause. Doch die derzeitige Entwicklung habe auch er noch nicht erlebt: „An nur einem Tag hatten wir bei unseren Lieferanten gleich drei Preiserhöhungen“, sagt er. „Beim Konstruktionsvollholz waren es seit Anfang März insgesamt neun Erhöhungen“, fügt Schmidt hinzu. Kostete ein Kubikmeter noch zu Jahresbeginn zwischen 350 und 400 Euro, seien es jetzt um die 1000 Euro. „Und es ist kein Ende abzusehen“, sagt er. Das Dilemma: Die Preise müssen weitergereicht werden, um wirtschaftlich zu bleiben.

Umsatzausfälle bei Handwerkern

Für weiterverarbeitende Handwerksbetriebe, wie die Zimmerei von Reiner Poschkamp, ein zunehmendes Problem. Mehrere potenzielle Kunden seien bereits von avisierten Aufträgen abgesprungen. „Wenn junge Familien für den Eigenheimbau mit 300 000 Euro rechneten und jetzt wegen der gestiegenen Preise 350 000 Euro zahlen sollen, überlegen sie sich das“, sagt der Firmenchef aus Waren/Müritz, der den neuen Dachstuhl bei Schmidt & Thürmer richtete.

„Bei den Familien platzt der Traum vom eigenen Haus. Und die Firmen erleiden riesige Umsatzausfälle“, verdeutlicht Poschkamp. Die kommenden Auswirkungen auf Betriebe, wie Türen-, Fenster- und Küchenbauer sowie viele andere, sind noch gar nicht absehbar. Der Endverbraucher werde weit tiefer in die Tasche greifen müssen als bisher.

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Preise bei Dielen steigen auch

Auch Parkettlegermeister Karsten Jäger aus Stresow-Siedlung spürt die Bewegung auf dem Holzmarkt, wenngleich noch nicht so drastisch wie der Zimmerer. „Wer bauen will und noch nicht begonnen hat, wird es sicherlich schwer haben. Auch die ersten meiner Lieferanten ziehen ihre Preise an“, sagt er. Kostete der Quadratmeter einfache Fichtendielen Anfang des Jahres noch 23 Euro, waren es Ende April schon 35 Euro“, nennt er ein Beispiel. Preissteigerungen von fünf bis acht Prozent gebe es ebenso bei der Bauchemie, zu der beispielsweise Kleber gehöre. Kunden, die ihre Fußböden in nächster Zeit erneuern lassen wollen, seien ihm zum Glück noch nicht abgesprungen. Wie sich die Lage entwickele, wisse aber auch er nicht, sagt Jäger.

Erik Harms, Marktleiter von Obi Greifswald, blickt ebenfalls mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Eine Verknappung der Ware sei nicht auszuschließen. „Noch bekommen wir von unseren Lieferanten Bauholz, Terrassendielen und anderes mehr. Wie sich die Lage entwickelt? Mal sehen. Auch die Preise wurden sporadisch schon erhöht“, sagt er.

Unternehmer Reiner Poschkamp appelliert daher an die Politik, das heißt die Player dieser Welt, für eine Kehrtwende zu sorgen „und sich wieder zu vertragen“. Wenn das so einfach wäre: Der immense Export von deutschem Holz nach Amerika und China floriert, weil die Länder aufgrund des Baubooms horrende Preise zahlen. Russland indes hat einen Exportstopp für Rundholz verhängt. „Dabei war Russland immer Holz-Exporteur Nummer eins“, gibt er zu bedenken. Ausbaden müssten den Streit der Großen wie immer die Kleinen.

Von Petra Hase