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Greifswald Boxer aus Greifswald: „Ohne Training fehlt etwas“
Vorpommern Greifswald

Greifswald: Warum Boxen die Jugendlichen positiv beeinflusst hat

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21:37 20.12.2021
Maxi Weiße (links) und Mohammed Daghsh gehören zum Boxverein Greifswald.
Maxi Weiße (links) und Mohammed Daghsh gehören zum Boxverein Greifswald. Quelle: Christopher Gottschalk
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Greifswald

Für Mohammed Daghsh (19) und Maxi Weiße (17) ist ihre Woche erst komplett, wenn das Training vorbei ist. Die beiden Schüler schwitzen so oft wie möglich in den Räumen des Greifswalder Boxvereins, wo sie nicht nur ihre Schlagtechnik, sondern auch die allgemeine Fitness verbessern. „Danach fühle ich mich befreit und gut. Wenn ich nicht trainieren kann, dann fehlt etwas“, sagt Mohammed Daghsh.

Er boxt seit er 13 Jahre alt ist. Die Stunden zwischen Sandsäcken, Medizinbällen und im Ring haben sein Leben zum Positiven verändert. „Ich habe hier Leute kennengelernt und Kontakt gesucht. So hat sich mein Deutsch verbessert und ich habe es geschafft, mich sofort zu integrieren“, blickt der junge Mann zurück, der aus Syrien 2015 über den Libanon nach Greifswald kam. Der Boxklub sei ihm zur zweiten Familie geworden.

Durch Sport rationaler geworden

Noch 2015 habe er ein paar Kilo zu viel auf den Rippen gehabt und Probleme im Alltag erlebt. Laut Daghsh wurde er in der Schule gemobbt, weil er aus Syrien stammt und kaum Deutsch gesprochen hat. Eine kurze Leine, körperliche Auseinandersetzungen, weil er sich nicht anders zu helfen wusste.

Erst ein Probetraining bringt ihn auf seinen neuen Kurs. „Dabei hat mir Frau Femfert geholfen, die mit mir das Gespräch gesucht und mich zum Boxen eingeladen hat. Es war Zufall. Heute bin ich froh, dass es so gekommen ist“, sagt er. Renate Femfert war bis zu ihrem Tod im Frühjahr 2020 langjährige Schatzmeisterin und die gute Seele des Boxvereins.

Sie habe Daghsh erklärt, wie das Training läuft und wie er seine Emotionen besser kontrollieren könne, indem er sich beruhigt, erinnert er sich. Er lernt, sich beim Krafttraining zu verausgaben, beim Seilspringen, Schattenboxen und Sparring.

Der Gymnasiast sei durch den Sport rationaler geworden und habe gelernt, Probleme sittlich zu lösen, sagt er. „Im Ring lernt man auch, ruhig zu bleiben, obwohl man angegriffen wird.“ Heute hat er bereits 30 Kämpfe hinter sich und zählt das Boxen fest zu seinem Leben.

Schnelle Fortschritte

Die Elftklässlerin Maxi Weiße stammt aus Dargelin und ist zum Boxen gestoßen, weil sie fitter werden wollte. Ihren Entschluss abzunehmen, habe sie Ende 2019 gefasst, sagt sie. Ihr Vater hatte einst selbst trainiert und habe sie auf den Boxverein aufmerksam gemacht – zunächst erfolglos.

„Ich dachte erst: Boxen? Als Mädchen? Aber dann wollte ich es doch machen, habe es ausprobiert und es war cool“, sagt die 17-Jährige, auch wenn sie nicht direkt im Ring stehen wollte. Es sei keine Pflicht, dass man in den Ring steigen muss, sagt sie. Sie trainiere, wenn möglich, jede Woche.

Das Boxen sei im Januar 2020 der Anfang gewesen, mit dem die Pfunde zu purzeln begannen. Innerhalb eines Jahres verlor sie mit dem Sport und besserer Ernährung 20 Kilogramm. „Es hat mich verändert und mir mehr Selbstvertrauen gegeben“, sagt sie.

Am gemeinsamen Training möge sie, dass sich die Vereinsmitglieder gegenseitig motivieren. So falle der anstrengende Sport leichter. „Und nach dem Training ist man richtig schön ausgepowert und glücklich“, sagt sie.

OZ sammelt für Sportferienlager

„Wir bekommen es hin, hier ein familiäres Umfeld aufzubauen, in dem sich jeder wohlfühlen kann und willkommen ist“, sagt Cheftrainer Max Schröder (29). Immer wieder freue er sich, wenn er die positiven Veränderungen bei neuen Boxerinnen und Boxern sieht.

„Maxi kam hier als Mädchen rein, die ein paar Kilos zu viel hatte, und ist mittlerweile eine gestandene Frau. Das ist der Wahnsinn, wie schnell das alles geht. Sie hat nie aufgegeben“, sagt Trainer Schröder.

Max Schröder (29) ist Cheftrainer des Greifswalder Boxvereins. Quelle: Christopher Gottschalk

Wenn das Training wegen Stress in der Schule ausfällt, entgeht das Cheftrainer Schröder nicht. Er frage nach, wenn jemand plötzlich nicht mehr kommt und wolle seine Schützlinge nah am Verein halten, sagt der Nachfolger des langjährigen Trainers Horst Femfert.

Diese Arbeit leisten auch die Trainer bei den Jüngsten, die mit sieben Jahren zum Verein stoßen. Eine eigene „Bambinigruppe“ für das Alter bis 10 Jahre wurde dafür eingerichtet.

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Damit schon Grundschulkinder erleben, wie schön Bewegung ist, sammelt die OSTSEE-ZEITUNG in diesem Jahr Spenden für ein Sportferienlager des Stadtsportbundes. Kinder aus einkommensschwachen Familien sollen im Sommer 2022 im Jugenddorf Peenemünde eine Woche lang verschiedene Vereine kennenlernen und ungetrübte Freude am Sport erleben.

Diese Freude stehe trotz anstrengender Übungen auch beim Boxverein im Vordergrund, betont Max Schröder.

Von Christopher Gottschalk