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Greifswald Greifswald: Wie klingt Zukunftsmusik im Krankenhaus?
Vorpommern Greifswald Greifswald: Wie klingt Zukunftsmusik im Krankenhaus?
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18:55 23.05.2019
Claus-Dieter Heidecke, Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Greifswald
Claus-Dieter Heidecke, Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Greifswald Quelle: Anne Ziebarth
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Greifswald

 Fast täglich gibt es Meldungen aus der schillernden Welt der Digitalisierung und Vernetzung. Automatische Mähdrescher oder Kühlschränke die selbsttätig neue Milch ordern, sind schon lange keine Vision mehr. Auch in der Medizin haben die Roboter bereits Einzug gehalten. Über die Zukunft der Medizin, Grenzen und Chancen der Digitalisierung und das Knirschen während einer Sanierung sprach die OSTSEE-ZEITUNG mit Claus-Dieter Heidecke, dem Vorstandsvorsitzenden der Universitätsmedizin Greifswald.

Wie werden neue Technologien den Krankenhausalltag verändern?

Wir sind schon mittendrin im Zeitalter der Digitalisierung. Das bedeutet für uns weit mehr als Verzicht auf Papier. Der gesamte Prozess von der Patientenerfassung, -betreuung, Diagnostik und Therapie wird digital abgebildet. Aber auch Entwicklungen im Bereich der Robotik oder Navigation haben großen Einfluss auf die Klinik der Zukunft. Alles was denkbar ist, wird in absehbarer Zeit auch umsetzbar werden. Wir dürfen dabei den Anschluss nicht verlieren.

Was ist denn vorstellbar?

Wenn Sie mich als Chirurgen fragen, denke ich als erstes an den OP-Roboter. Man operiert an einer Art Konsole, sieht das OP-Geschehen in 3D. Der Chirurg führt die Bewegungen wie Schneiden, Koagulieren (Anm: chriurg. Methode durch Hitzeeinwirkung) oder Klemmen aus - genau so wie bei einer richtigen OP. Der Roboter setzt es dann eins zu eins am Patienten räumlich entfernt um. Spezialisten können theoretisch dank Datenübertragung von jedem Ort der Welt aus operieren. Allerdings sind diese Instrumente sehr groß - es sind regelrechte Kraken. Die tatsächlichen Vorteile sind nach den vorliegenden Erkenntnissen noch überschaubar. Wenn die Apparate in der nächsten Generation aber kleiner und handlicher werden, sind wir mit dabei. Ein Vorteil liegt in der besseren Beweglichkeit und Abwinkelbarkeit der Instrumente.

Gibt es weitere Potenziale im Krankenhaus im Bereich der Digitalisierung?

Ein Thema in einem auch räumlich großen Haus ist immer die Frage „Wie bekomme ich Verbrauchsmittel von A nach B?“ . Hier haben wir bereits ein automatisches Warentransportsystem in Form von kleinen Robotern, die auf virtuellen Schienen durch die Universitätsmedizin fahren. Das funktioniert sehr gut. Tätigkeiten im Bereich der Pflege, die physisch sehr belastend sind, könnten irgendwann von einem Pflegeroboter assistiert werden. Immer in Verbindung mit einer Pflegekraft, versteht sich.

Leidet unter der Automatisierung nicht die persönliche Versorgung der Patienten?

Nur für die Bereiche, in denen es sich um rein technische Vorgänge handelt, macht eine Automatisierung Sinn. Man könnte zum Beispiel Essen automatisch verteilen, in Frage kommen auch Prozesse, die besonders personalintensiv sind und keinen unmittelbaren pflegerischen Bezug haben. Die Bereiche, in denen der persönliche Kontakt im Mittelpunkt steht, nicht. Eher im Gegenteil: Die Arbeitszeit der Personals soll zurück zum Patienten, das ist unser Ziel. Dafür brauchen wir diesen ganzen IT- Robotischen Schnickschnack nämlich eigentlich – damit wir unseren Kernaufgaben wieder besser nachkommen können. Das wollen ja auch die Patienten: ein persönliches Arzt-Pflege-Patientenverhältnis.

Es will wohl niemand von einem Pflegeroboter versorgt werden. Gibt es eine Art ethisches Bekenntnis, dass sich das Krankenhaus nicht weiter von einer persönlichen Patientenbetreuung entfernt?

Ich denke schon. Wir sind derzeit dabei, ein neue strategische Ausrichtung für das gesamte Haus zu erarbeiten. Die umfasst Bereiche wie Forschung, Lehre, Krankenversorgung, Kommunikation, Logistik sowie Digitalisierung und Infrastruktur. Im Thema Vision/Mission wird nicht nur das Bekenntnis zur der Qualitätsführerschaft, zur Qualitätsmedizin enthalten sein, sondern auch das zur Empathie. Zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Patienten und seinen Beschwerden. Wir sind derzeit noch in der Erstellung, aber eines zeichnet sich bereits ab: Am Ende ist der Faktor Mensch und eben auch die Menschlichkeit ein ganz wichtiger Bereich. Gerade mit – und wegen Hightech.

Warum ist eine neue Strategie jetzt notwendig?

Wir reflektieren die vergangenen Jahre und fragen uns, wie sich das Umfeld verändert hat, wie wir uns verändert haben und wo wir hinwollen. Und vor allem: „Was sind unsere inneren Werte und wie gehen wir damit um?“ Das betrifft nicht nur Patienten, sondern auch unsere Mitarbeiter. Wir haben im Rahmen der Sanierungen gemerkt, dass es dort auch mal knirscht, dass wir den Leuten viel abverlangt haben. Das wollen wir wieder auf in Einklang bringen.

Hat der Sparkurs Spuren hinterlassen?

Wissenschaftlich haben wir eine kleine Delle eingefahren. Da haben wir, was Verbundprojekte betrifft, etwas nachgelassen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass unsere Patientenversorgung nicht schlechter geworden ist. Aber was sich durchaus eingeprägt hat – aus Sicht des Patienten aber auch der Mitarbeiter – ist, dass die Kontaktzeiten oft zu kurz sind. Dass die Mitarbeiter auf einem höheren Stressniveau waren und möglicherweise mal nicht korrekt reagiert haben, zum Beispiel. Da müssen wir dran arbeiten und neben der qualitativen Versorgung die humanen Faktoren besser austarieren.

Was bedeutet das?

Verwaltung und Prozesse sind verschlankt worden. Das heißt nicht, dass wir weniger Personal beschäftigen, wir haben verschiedene Abteilungen neu zusammengeführt, die inhaltlich und logistisch zusammengehören. Dass die gesamte Tumormedizin jetzt im onkologischen Zentrum zusammengeführt ist, zum Beispiel. Solche Eingriffe in die Struktur haben zu erheblichen Veränderungen auch innerhalb einzelner Berufsgruppen und Aufgaben geführt, da gab es auch mal unerwartete Schwierigkeiten. Eingespielte Teams lassen sich nicht einfach schnell neu zusammensetzen. Am Ende ist die Entscheidung aber richtig, die Versorgung ist besser.

Wurde am Personal gespart?

Nein. Die Anzahl der Mitarbeiter hat sich in den vergangenen Jahren nicht groß verändert, einzelne Stellen im ärztlichen Bereich sind weggefallen, das dürften vielleicht zehn bis fünfzehn sein. Andererseits haben wir auch gerade neue Stellen für die Notaufnahme ausgeschrieben und bei Neuberufungen neue Stellen geschaffen. Gespart wurde beim Materialeinsatz, insbesondere der zentralen Beschaffung, von der Tablette bis zur Hüftendoprothese. Ansonsten ist Sparen auch die Summe vieler Kleinigkeiten. Angefangen von der Umstellung des Kopier- und Druckerwesens bis hin zum Kaffeeanbieter. Man wundert sich, was durch solche Maßnahmen zusammenkommt.

Nochmal zurück zur Digitalisierung. Die bringt ja nicht nur Vernetzung sondern auch Datenschutz mit sich...

Die neue Datenschutzgrundverordnung ist eine Nuss, an der wir immer noch zu knabbern haben. Alle hausinternen Prozesse datenschutzkonform auszurichten, ist die eine Sache. Auch die Einwilligung des Patienten zu unseren Datenschutzbestimmungen gilt für das ganze Haus. Komplizierter wird der Fall sofort, wenn externe Behandlungen eine Rolle spielen, bei einer ambulanten Bestrahlungstherapie bei Krebs etwa. Da braucht es natürlich eine neue Einwilligung. Wie wir solche Schritte einfach und schnell hinbekommen, ist eine Herausforderung. Am Ende geht es bei einer Tumorerkrankung ja auch um Zeit und man kann keine sechs Wochen warten, bis ein Blatt Papier hin und hergeschoben wird. Dieser Herausforderung stellen wir uns gerade.

Welche Veränderungen stehen im Baubereich an?

Wir planen ein neues Gebäude, das die Dialyse, ein ambulantes OP-Zentrum, das Rettungswesen und möglicherweise einige Praxen miteinschließt. Das ist aber noch in der Planung, im nächsten Jahr wird der Bau aber vermutlich nicht beginnen. Das alte Bettenhaus ist für uns aktuell problematisch – aufgrund baulicher Bestimmungen können wir im Moment nur das Parterre nutzen. Als Uniklinikum sind wir auf Maßnahmen des Landes angewiesen und können nicht selber bauen. Wir brauchen die Räume im alten Bettenhaus aber – es bedarf zeitnaher Lösungen mit dem Land. Die neurologische Tagesklinik zum Beispiel sollte dort ihren Platz finden, das muss bislang noch warten.

Anne Ziebarth