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Greifswald „Greifswald braucht ein neues Hotel“
Vorpommern Greifswald „Greifswald braucht ein neues Hotel“
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00:00 22.11.2017
Marketingchef Maik Wittenbecher am Greifswalder Museumshafen. Quelle: Foto: Peter Binder
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Greifswald

Trotz steigender Übernachtungszahlen sieht Maik Wittenbecher, Geschäftsführer der Greifswald Marketing GmbH, dringenden Handlungsbedarf für den Tourismus in der Hansestadt.

Die Übernachtungszahlen sind in den ersten acht Monaten des Jahres um 7,8 Prozent gestiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Woran liegt das?

Maik Wittenbecher: Das liegt zum einen daran, dass der Städtetourismus boomt. Solange die internationale Sicherheitslage ist, wie sie ist, entscheiden sich Viele bewusst für einen Urlaub in Deutschland. Davon profitieren insbesondere die Städte. Sie verzeichnen Zuwächse gerade bei den Übernachtungen, bei uns glücklicherweise auch bei den Ankünften. Auch da haben wir ein Plus von über fünf Prozent. Unser Erfolg liegt auch ein Stück weit an den Marketingaktivitäten, die längst vor meiner Zeit begonnen haben. Wir haben im Segment Gruppenreisen zusätzliche Zielgruppen erschlossen.

Die Netzwerkarbeit mit den touristischen Leistungsträgern wurde intensiviert. Dass uns das gelingt, ist schön. Ein tieferer Blick in die Zahlen zeigt auch, dass das Wachstum in erster Linie in der Nebensaison erfolgt und nicht in der Hauptsaison, weil potenzielle Gäste in der Hauptsaison Probleme haben, überhaupt ein Hotelzimmer in Greifswald zu finden.

Sie haben bereits vor einem Jahr gesagt, dass Greifswald dringend ein zusätzliches Hotel benötigt.

Ich möchte sogar konkretisieren, dass wir ein Hotel in der Innenstadt brauchen. Ich habe mittlerweile viele Gespräche mit Innenstadthändlern und Gastronomen geführt, die eine zurückgehende Frequenz im Zentrum beklagen. Ein Hotel ist eine Möglichkeit, den Handel zu beleben. Genauso profitiert der Bäcker, der die Brötchen fürs Buffet liefert. Die Gäste werden ihr Bier abends in einer Kneipe im Zentrum trinken. Wir haben tolle Hotels in der Innenstadt, nur die Menge an Betten reicht nicht aus.

Die Arcona-Gruppe will am Hansering ein Vier-Sterne-Hotel mit 123 Zimmern bauen. Manche Hotelbesitzer aus der Innenstadt sehen das mit Sorge.

Ich kann das nachvollziehen. Wenn ein neuer Anbieter auf den Markt kommt, macht man sich in erster Linie Sorgen. Man sollte aber auch die Vorteile im Blick behalten. Wenn wir im Sommer Kapazitätsgrenzen haben, kommen die Gäste nicht. Sie kaufen dann auch nicht ein und nutzen unsere tollen Kulturangebote nicht. Das sollten wir ändern. In erster Linie befördert das Angebot die Nachfrage. Wenn wir das Angebot schaffen, wird die Nachfrage folgen.

Mehr Auslastung im Sommer könnte auch größeren Leerstand in der Nebensaison bedeuten.

Sie müssen bedenken, dass Greifswald mit der Universität und der Vielzahl an wissenschaftlichen Instituten für Tagungstourismus ein großes Potenzial hat und der findet insbesondere in der Nebensaison statt. Derzeit gehen viele Anfragen an uns vorbei, weil wir nicht genügend Kapazitäten haben. Das größte Hotel in der Innenstadt ist der Kronprinz mit 31 Zimmern. Wenn sie das gesamte Hotel buchen, können Sie gerade mal 31 Tagungsteilnehmer unterbringen. Es gibt Tagungen mit bis zu 500 Teilnehmern, wie zum Beispiel bei der Konferenz der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte in Greifswald. Die Teilnehmer waren über sämtliche Hotels in Greifswald bis hin zur Jugendherberge verstreut und mussten teilweise in anderen Städten untergebracht werden. Die entscheidenden Multiplikatoren aus Universität und Wirtschaft sagen uns ganz klar, dass wir mit einem größeren Hotel ganz anders akquirieren können.

Geplanter Standort des Hotels ist die Fläche zwischen Hansering und Roßmühlenstraße. Der Parkplatz dort würde wegfallen, was für Unmut bei den Anwohnern sorgt.

Ich kann die Bedenken der Anwohner verstehen. Das ist ein Problem, das gelöst werden muss. Die Kollegen in der Stadtverwaltung arbeiten sehr intensiv daran, Alternativen zu schaffen. Es gibt ein Parkplatzkonzept, das den Ausbau von Stellflächen im innenstadtnahen Bereich vorsieht. Das muss umgesetzt werden. Wenn das Hotel nicht kommt, weil Parkplätze fehlen, ist der Ansatz falsch. Sollten Hauptausschuss oder Bürgerschaft dem Verkauf zustimmen, was ich sehr hoffe, haben wir zwei Jahre Zeit, um genau diese Konzepte umzusetzen. Das heißt, den Museumshafenparkplatz zu erweitern, das Parkhaus am Nexöplatz zu bauen, Parkplätze in der Innenstadt zu Anwohnerparkplätzen umzuwidmen. Die Anwohner müssen mit- und ihre Bedenken ernst genommen werden. Wenn das geschieht, bin ich optimistisch, dass aus der Skepsis auch Verständnis erwachsen kann.

Was würde es für Greifswald bedeuten, wenn das Hotel nicht kommt?

Ich werbe sehr dafür, dass es kommt und bin optimistisch. Wenn sich die Politiker dagegen entscheiden, wird es weiter keinen Zuwachs an Tagungen geben und wir werden perspektivisch über einen Rückgang der Übernachtungszahlen sprechen. Wenn sich die internationale Sicherheitslage entspannt, wird der Boom des Städtetourismus nachlassen. Die heutigen positiven Zahlen werden uns mittel- bis langfristig nicht helfen können. Das Hotel ist positiv für die Entwicklung Greifswalds, auch für die Hoteliers, die es jetzt schon gibt. Wir reden über einen Anbieter, der 21 Hotels in ganz Deutschland und in der Schweiz betreibt, der mit seiner Arcona-Gruppe allein durch sein Marketing sehr viele Gäste nach Greifswald locken kann. Das wird kein Verdrängungs-, sondern ein Belebungswettbewerb.

Die Belebung der Innenstadt war in diesem Sommer ein zentrales Thema. Viele Händler beklagen einen Rückgang der Besucherzahlen im Zentrum. Nun soll es einen Leerstandsmanager geben. Nach Vorstellungen der Bürgerschaft könnte er bei der Greifswald Marketing GmbH angesiedelt werden. Was halten Sie davon?

Es ist sehr wichtig und sinnvoll den Fokus auf die Innenstadt zu legen. Sie ist das Herz und der Magnet einer Stadt. Wenn dieses Herz nicht mehr im kraftvollen Rhythmus schlägt, hat die Stadt als Ganzes ein Problem. Ein Leerstands- und Eventmanager könnte helfen, allerdings nicht alleine. Der Manager braucht Unterstützung von den Einzelhändlern, Kulturschaffenden und Immobilienbesitzern. Es müssen Konzepte entwickelt werden, da sind wir gerne dabei.

Sie haben vor einem Jahr im November Ihren Posten als Geschäftsführer der Greifswald Marketing GmbH angetreten. Wenn Sie zurückblicken, was war für Sie das wichtigste Thema?

Der Überzeugungsprozess für die Bedeutung des Tourismus und die Bedeutung des Stadtmarketings. Mir sind immer wieder Menschen begegnet, die sagten, dass Stadtmarketing das Gleiche ist wie Tourismusmarketing. Das stimmt aber nicht. Tourismusmarketing versucht, Gäste nach Greifswald zu locken. Stadtmarketing versucht, die Einwohner zu überzeugten Greifswaldern und Botschaftern der Stadt zu machen. Der Caspar-David-Friedrich-Tag ist ein Angebot, das sich an Greifswalder und Gäste gleichermaßen richtet. Die Aktion „Greifswald blüht auf“ mit hunderten Pflanzen im Stadtbild richtet sich an die Einheimischen, ebenso das Konzept für Mehrwegbecher nach einem Pfandsystem, das wir erarbeitet haben und das im kommenden Jahr startet.

Ist der Überzeugungsprozess abgeschlossen?

Das wird er nie sein. Es ist wirklich wichtig, jeden Einzelnen mitzunehmen, auch die, die eher dazu tendieren, das Negative zu sehen. Ihnen wollen wir sagen: Hey, in was für einer wunderschönen Stadt lebt ihr eigentlich? Ich hab immer gesagt: Wir leben am A der Welt. Aber es ist der Schönste der Welt. Wo finden Sie eine Stadt, deren Marktplatz mit seinen historischen Bauten nur einen Steinwurf vom größten Museumshafen Deutschlands mit seinen Traditionsschiffen entfernt liegt? Wo finden Sie eine Stadt, die so ein junges Durchschnittsalter hat und so ein pulsierendes Kulturangebot? All diese Vorteile müssen wir noch viel deutlicher nach außen tragen. Ich habe ein tolles Team, das mich bei diesem Anliegen aus voller Kraft unterstützt.

Wir haben seit diesem Jahr einen geschlossenen Campingplatz in Eldena. Warum wirkt sich das nicht auf die Tourismuszahlen aus?

Die Zahlen des Campingplatzes sind nicht in der aktuellen Statistik enthalten. Sie sind damit für die Übernachtungszahlen nicht ausschlaggebend. Es ist unstrittig, dass der Campingplatz ein wichtiger touristischer Anbieter ist, der für die Entwicklung der Stadt von großer Bedeutung ist. Ich hoffe, dass es zeitnah eine Lösung gibt.

Ein Leerstandsmanager für die Innenstadt

Im Kampf gegen den zunehmenden Leerstand in der Greifswalder Innenstadt soll ein Leerstandsmanager helfen.

Bis zum ersten Quartal 2018 soll ein Konzept vorliegen. Die Erarbeitung eines solches Konzeptes hat die Bürgerschaft im Oktober auf Antrag der Fraktion Grüne/Forum 17.4 beschlossen. „Es geht um drei Säulen. Das sind: ein gemeinsamer Marktauftritt, ein Flächen- und Leerstandsmanagement sowie ein Event-, Kultur- und Kunstmanagement“, erklärt Grünen-Fraktionschef Alexander Krüger. Aufgabe des Managements soll sein, die Kommunikation zwischen potenziellen Gewerbetreiben und Eigentümern von Gewerbeflächen zu verbessern. Weiter sagt Krüger, der Manager soll eine Netzwerkfunktion übernehmen.

Neben dem Onlinehandel als immer stärker werdene Konkurrenz für die Geschäfte, werden die vielen Einkaufszentren außerhalb des Zentrums zunehmend als Problem gesehen.

Interview: Katharina Degrassi

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