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Greifswald Greifswald schreibt Klimaschutz groß
Vorpommern Greifswald Greifswald schreibt Klimaschutz groß
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15:43 01.11.2018
Klimaschützer in Greifswald Michael Busch (rechts) und Dr. Stephan Braun
Klimaschützer in Greifswald Michael Busch (rechts) und Dr. Stephan Braun Quelle: Peter Binder
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Greifswald

Energiesparprojekte, Radverkehr, Fernwärme-Ausbau, CO2-Reduktion, Elektromobilität... Der Klimaschutz hat viele Gesichter. Die Hansestadt Greifswald bekannte sich spätestens 2010 mit dem Bürgerschaftsbeschluss zum Klimaschutzkonzept zu dieser großen Herausforderung. Im Sommer 2016 schließlich erhielt Greifswald als einzige Stadt in MV die Zusage für das Förderprogramm „Masterplan 100 Prozent Klimaschutz“, der Bund fördert es über vier Jahre mit 389000 Euro. Seither agieren im Rathaus auf diesem Feld Klimaschutzbeauftragter Stephan Braun (38) und Masterplanmanager Michael Busch (35). Die OSTSEE-ZEITUNG erkundigte sich in einem Interview, wie es um die Greifswalder Klimaschutzziele steht und um welche konkreten Projekte sie sich kümmern.

Das Klimaschutzkonzept beinhaltet auf 200 Seiten eine Fülle von Aufgaben. Der Masterplan listet noch einmal 55 konkrete Maßnahmen auf. Können Sie das zu zweit überhaupt leisten?  

Stephan Braun: Klimaschutz ist eine Querschnittaufgabe. Das bedeutet, dass viele Ämter von den Zielen tangiert werden. Mit der schrittweisen Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED ist zum Beispiel das Tiefbau- und Grünflächenamt befasst. Im Immobilienverwaltungsamt geht es um nachhaltiges Bauen, bei den Verkehrsplanern um Radwege. Wir arbeiten also mit vielen Kollegen Hand in Hand zusammen.

Die Bürgerschaft verabschiedete den „Masterplan 100 Prozent Klimaschutz“ vor genau einem Jahr. Was wurde erreicht?

Braun: Als Haupterfolg werte ich, dass Greifswald einen beschlossenen Masterplan hat und wir auf dieser Basis arbeiten. Und da gibt es sehr viele Baustellen: Öffentlichkeitsarbeit, Bildungsauftrag, Carsharing, der Klimaaktionstag, das Stadtradeln, das übrigens noch nie so erfolgreich war wie in diesem Jahr. Oder auch die erste Klima-Sail auf dem Ryck ...

Busch: Ich freue mich am meisten über die Wärmestrategie der Stadtwerke, die in Abstimmung mit uns erarbeitet wurde und vorsieht, Solarthermie bei der Fernwärme mit einzubinden. Das war ein ganz großer Brocken. Und wir freuen uns, wenn wir feststellen, dass wir mit unseren Zielen auf dem richtigen Weg sind, die Tendenz zumindest stimmt, wie bei der Co2-Reduzierung. Die erste große Hürde im Klimaschutz ist doch, Ziele überhaupt zu beschließen, die zweite Hürde, die ganze Sache messbar zu machen, und die dritte, diese Ziele irgendwie zu erreichen.

Braun: Wobei das natürlich auch immer die Erfolge der Partner sind – die Stadtwerke etwa mit ihrer Energieerzeugung und die Wohnungsgesellschaften mit den Sanierungsmaßnahmen, die sich auf den Wärmebedarf positiv auswirken.

Busch: Das ist manchmal das Unbefriedigende am Klimaschutz: Wenn es denn Erfolge gibt, sind das nicht richtig unsere Erfolge, weil wir gar nicht in der Zuständigkeit sind. Wir können nur mit den Partnern reden, Argumente liefern, sind am Ende die Strippenzieher im Hintergrund.

Braun: Aber es gibt auch eigene, städtische Projekte, die wir beeinflussen. Ich erinnere an den Neubau der Kollwitzschule. Sie hat die goldene Klimaschutz-Plakette der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen erhalten. Grundlage bildete der Bürgerschaftsbeschluss zum nachhaltigen Bauen. Um den beneiden uns durchaus andere Städte, wie etwa Rostock.

Eines der großen Masterplan-Ziele Greifswalds ist es, den CO2-Ausstoß bis 2050 um 95 Prozent gegenüber dem Wert von 1990 zu senken. Wie ist der Stand?

Busch: Den letzten belastbaren Wert haben wir für das Jahr 2016, wonach Greifswald grob über den Daumen gepeilt 300.000 Tonnen emittierte. Damit liegen wir genau zwischen den definierten Zielen des Masterplans und des Klimaschutzkonzeptes von 2010 – oder besser gesagt – im Zielkorridor. Das Konzept beinhaltete, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 14 Prozent gegenüber dem Wert von 2005 zu senken. Heißt: Wir übertreffen zurzeit das 14-Prozent-Ziel, erreichen aber noch nicht den Masterplan-Wert. Zwischendurch verzeichneten wir sogar etwas ansteigende Emissionen, bewegen uns jetzt aber wieder nach unten. Und verschiedene Maßnahmen, wie etwa die Wärmestrategie der Stadtwerke, wirken ja erst noch.

Glauben Sie denn, dass Greifswald die 95 Prozent-Reduktion schaffen kann?  

Braun: Wir haben ein Konzept, in dem steht, dass es funktioniert. Aber es ist sehr sportlich.

Busch: Das denke ich auch. Kritisch sehe ich hingegen die geplante Energieeinsparung. Der Verbrauch soll bis 2050 im Vergleich zu 1990 halbiert werden. Das ist der eigentlich schwierige Punkt. Denn bundesweit geht der Energieverbrauch hoch, gerade bei privaten Haushalten.  

Braun: Das ist ja auch sehr knifflig: Installiere ich zum Beispiel eine Wärmepumpe, spare ich Heizkosten – zunächst gut für den Wärmesektor. Allerdings heize ich dann mit Strom, also geht das zu Lasten des Stromsektors. Deshalb muss der einzelne individuell schauen, was in der Summe besser ist.  

Beraten Sie die Bürger zu diesen kniffligen Fragen?  

Braun: Auf Veranstaltungen wie dem Klimaaktionstag geben wir schon mal Tipps, wenn wir gefragt werden. Aber wir nehmen keine Energieberatung vor. Das ist Sache der Verbraucherschutzzentren, die zertifizierte Energieberater haben. Wir sehen uns eher als Vermittler.  

Ein Klimaschutzziel ist es, den Fahrzeugverkehr zu reduzieren, etwa mit Hilfe des Carsharings. Das Angebot gibt es in Greifswald seit April 2014. Nehmen die Greifswalder es gut an?  

Busch: Die Zahl der Standorte wurde mittlerweile auf fünf erhöht. Der Anbieter ist wohl relativ zufrieden. Aber Greifswald hat nicht die besten Voraussetzungen fürs Carsharing, wir sind nun mal eine kleine Fahrradstadt.  

Stichwort Fahrradstadt: Das Rad ist zweifelsfrei beliebtes Fortbewegungsmittel der Greifswalder. Sehen Sie noch Potential?  

Braun: Unsere Klimaschutzziele werden wir nur erreichen, wenn wir auch einen sehr hohen Anteil am Fahrradverkehr haben. Nach der letzten Erhebung liegt der bei 39 Prozent.  

Das bedeutet?  

Busch: Von all ihren Wegen legen die Greifswalder laut einer Befragung 39 Prozent mit dem Fahrrad zurück. Das ist im Städtevergleich ein sehr hoher Wert.  

Braun: Wir hatten aber bei einer früheren Befragung auch schon mal 44 Prozent und waren damals bundesweit Spitzenreiter. Insofern ist noch Luft nach oben und 50 Prozent sind durchaus machbar.  

Glauben Sie denn, dass die Greifswalder grundsätzlich sehr offen sind für die ambitionierten Klimaschutzziele?

Busch: Auf jeden Fall. Wir leben hier sehr naturnah. Die Menschen sind sehr interessiert. Die Universität, aber auch Unternehmen wie das Max-Planck-Institut tragen dazu bei. Energie war schon immer ein Thema in dieser Region. In der Verwaltung haben sich vor Jahren Mitarbeiter wie Michael Haufe und Karl Hildebrandt den Klimaschutz auf ihre Fahnen geschrieben. Erst mit ihrem Engagement wurde es möglich, die Stelle eines Klimaschutzbeauftragten einzurichten und die Ziele konsequent fortzuschreiben. Andere Städte sind da noch nicht so weit.  

Woran arbeiten Sie zurzeit konkret?  

Braun: An einem Konzept für den städtischen Fuhrpark. Ziel ist es, diesen Bereich effizienter und klimafreundlicher zu gestalten, die Zahl der Fahrzeuge soll möglichst reduziert werden. Dazu wurde zunächst die Ist-Situation analysiert.  

Busch: Als nächstes werden wir die Ergebnisse mit den Mitarbeitern auswerten und dann eine Strategie entwickeln. Dabei geht es aber nur um die normalen Pkw, nicht um Spezialfahrzeuge.  

Braun: Ein zweites Mobilitätsthema, das uns gerade beschäftigt, sind die Lastenräder. Das Institut für Geographie und Geologie der Universität untersucht jetzt deren Einsatz wissenschaftlich, sie ist unser Hauptpartner im EU-Projekt Cobium – Cargo bikes in urban mobility. Die Stadt hat gerade ein Lastenrad angeschafft. Die Uni hat auch eins. Gemeinsam wollen wir schauen, welches Potential das hat, um künftig mehr Autofahrten zu ersetzen.  

Sie sprachen eingangs auch von Ihrem Bildungsauftrag.  

Braun: Ja, wir widmen uns auch Schulprojekten. Außerdem haben wir seit diesem Jahr einen ganzen Klassensatz Energiekoffer, den sich die Schulen in Greifswald, aber auch in den Landkreisen Vorpommern-Greifswald und Vorpommern-Rügen ausleihen können. Da geht es um Themen wie Photovoltaik, Windenergie, Brennstoffzelle und vieles mehr. Das wird sehr gut angenommen.  

Busch: Die Umweltbildung hängt ja auch mit öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen zusammen. Ich denke da zum Beispiel an die Fahrradluftpumpen, die es im Stadtgebiet gibt beziehungsweise mal gab. Damit haben wir unsere Erfahrungen gesammelt und sind jetzt dabei, für die Zukunft eine bessere Variante zu entwickeln.  

Im Masterplan ist auch von der Einführung einer „grünen Hausnummer“ zu lesen. Wie steht es darum?  

Busch: Das ist bisher nur eine Idee. Sie soll symbolhaft eine Art Zertifizierung für besonders energiesparende Haushalte oder nachhaltig errichtete Häuser darstellen. Doch das ist noch nicht ausgereift, der Teufel steckt wie so oft im Detail.  

Ein anderes Ziel ist die Förderung von Elektromobilität. Ein Fern- oder Nahziel?  

Busch: Wir haben gerade Fördermittel für ein Konzept beantragt, dass die Ladeinfrastruktur thematisieren soll. Damit wollen wir diese Frage weitsichtig angehen und schauen, wo es sinnvoll ist, künftig zu investieren.  

Vor zehn Jahren gründete die Hansestadt mit Partnern das „Klimaschutzbündnis 2020“. Was ist daraus geworden?  

Busch: Das ist praktisch unser Hauptnetzwerk an Akteuren, das heißt, darin sind alle wichtigen Einrichtungen, Unternehmen und Institutionen, die energieintensiv sind, vertreten. Momentan ist es ein eher loses Konstrukt. Wir versuchen, es zusammenzuhalten, wobei wir überlegen, wie wir es künftig besser gestalten können, vielleicht auch in Form eines Vereins.

Petra Hase

01.11.2018
01.11.2018