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Greifswald Traurige Bilanz: Trennung von Arm und Reich in Greifswald besonders strikt
Vorpommern Greifswald Traurige Bilanz: Trennung von Arm und Reich in Greifswald besonders strikt
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20:03 17.05.2019
Die Greifswalder Innenstadt. Hier wohnen vor allem Wohlhabende Quelle: OZ
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Greifswald

In womöglich keiner anderen deutschen Stadt sind Arm und Reich so ungleich verteilt wie in Greifswald. Hier wohnen in einigen Bereichen extrem viele Hartz IV- Empfänger, in anderen ganz wenige. Die Probleme konzentrieren sich in den großen Plattenbaugebieten.

Bereits in einem Vergleich aus dem Jahre 2014 von 31 Städten lag Greifswald vor Schwerin, Rostock, Erfurt, Potsdam, Weimar und Kiel. Die Situation hat sich nach Einbeziehung der Daten von 2017 nicht verbessert. „Aber es kam es zu Verschiebungen“, informiert Prof. Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) für Sozialforschung. Nur in Schwerin ist die Trennung von Arm und Reich jetzt noch stärker ausgeprägt.

Die Entmischung ist weit fortgeschritten

Die Stadt am Ryck wird gegenwärtig wie Neubrandenburg, Wismar und Stralsund im Auftrag des Infrastrukturministeriums des Landes genauer untersucht. In Schwerin und Greifswald gebe es „eine starke Armutsballung in den Plattenbaugebieten“, heißt es als Zwischenfazit der Präsentation für das Kabinett. „Die Entmischung in den Innenstädten ist schon weit fortgeschritten.“ Für die Studie wird insbesondere die Verteilung von Harz IV-Empfängern inklusive der Kinder in den Stadtgebieten seit 2005 herangezogen.

Wismar und Stralsund stehen besser als Greifswald da, obwohl auch hier die Tendenz zur wohnungsmäßigen Trennung von Arm und Reich zu beobachten sei. In Neubrandenburg gibt es eine „starke Armutsballung in den Plattenbaugebieten.“

Wohnungsmarkt besonders angespannt

Rostock und Greifswald haben noch ein anderes Problem: Hier sei der Wohnungsmarkt besonders angespannt, heißt es in der Initiative der Landesregierung zur Zukunft des Wohnens in MV. Soziale Entmischung bedeute ungleiche Chancen und Lebensbedingungen, da ist sich die Wissenschaft einig.

Das Land MV plant Modellprojekte in Rostock, Schwerin, Greifswald und einer touristischen Region, um den Trend zur Entmischung aufzuhalten und womöglich umzukehren. Das verheißt Fördermittel für Wohnungsbau, Schulen, Kultur, Jugendarbeit, die gesamte soziale Infrastruktur und anderes mehr.

Vorrang für Humboldtgymnasium

Anlass für die Mitglieder der Greifswalder Arbeitsgruppe Bezahlbares Wohnen auf ihrer Sitzung, schon mal eine Wunsch- beziehungsweise Forderungsliste zu „schreiben“. Vorrang für Investitionen in das sanierungsbedürftige Humboldtgymnasium, mehr Geld für Schulsozialarbeiter gehören dazu. „In diesen Vierteln muss es die besten Schulen geben“, forderte der Vorsitzende, der Bürgerschaftabgeordnete Erik von Malottki (SPD). Auch sollte Schönwalde I künftig in den Genuss des Förderprogramms „Soziale Stadt“ kommen.

Jörg Raddatz, Geschäftsführer des Kreisdiakonischen Werks, forderte, die Richtlinie für Kosten der Unterkunft für Hartz IV-Empfänger an die Greifswalder Verhältnisse, das heißt nach oben anzupassen. Nur dann könnten Betroffene in Wohnungen in der Innen- oder den historischen Vorstädten, ziehen. „Die Richtlinie darf nicht so starr sein wie bisher.“

Sozialer Wohnungsbau an Stralsunder Straße gefordert

Monique Wölk (SPD) forderte deutlich mehr Engagement der Stadt für den sozialen Wohnungsbau auch im Zentrum und in zentrumsnahen Bereichen. Der B-Plan 55 an der Hafenstraße sei ein gutes Beispiel für die Förderung des sozialen Wohnungsbaus, das Schule machen müsse. „Ich denke da an das Veolia-Gelände am Hafen“, sagte Wölk. Das ist die große Fläche westlich der Stralsunder Straße.

Dass es in Greifswald so ganz besonders schlimm um die Aufteilung von Arm und Reich steht, mochten nicht alle Ausschussmitglieder glauben. Schließlich wurde insbesondere im Ostseeviertel Parkseite, aber auch in Schönwalde I nach der Wende viel Fördergeld investiert. Andreas Koch, Leiter der Wohnungswirtschaft bei der Wohnungsbau und Verwaltungsgesellschaft Greifswald (WVG) erinnerte an die erheblichen Investitionen in das Quartier „Wohnen mit Her(t)z“, das gute Voraussetzungen für eine Durchmischung biete. „Das ergänzen wir gerade durch sozialen Wohnungsbau in der Gaußstraße.“

Auch in der Makarenkostraße klappe das gut. „Wir sind jetzt wegen der Umgestaltung des Ostseeviertels-Ryckseite im Gespräch“, informierte Koch. „Ein Drittel soll über öffentliche Förderungen laufen, ein Drittel frei finanziert und ein Drittel so, dass die Mieten über die Richtlinie zur Unterkunft bezahlbar sind.“

Infrastruktur stärken

Die Arbeitsgruppe Bezahlbarer Wohnraum hat folgende Empfehlung beschlossen: Sie „empfiehlt der Stadtverwaltung dem Land Mecklenburg-Vorpommern Vorschläge zur Umsetzung der Leitlinien zur Zukunft des Wohnens in MV zu erarbeiten und bis spätestens Oktober 2019 in der Bürgerschaft und in der AG Bezahlbarer Wohnraum vorzustellen. Hierbei ist unter anderem die Änderung der Kosten-der-Unterkunft-Richtlinie, der Ausbau der Betreuungsangebote, bezahlbarer Wohnraum in Stadtteilen mit zu hohen Mieten, die Stärkung der sozialen und schulischen Infrastruktur in Stadtteilen mit einem hohen Anteil an SGB 2-Empfängern und die Neuausrichtung des Programms soziale Stadt zu betrachten.“

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Eckhard Oberdörfer

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