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Greifswald Greifswald will Internat für Hochbegabte einrichten
Vorpommern Greifswald Greifswald will Internat für Hochbegabte einrichten
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15:33 12.09.2019
Im Greifswalder Humboldtgymnasium lernen viele Kinder, die für ihren Schulweg eine Stunde und mehr benötigen. Quelle: HGW
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Greifswald

Wohnort Insel Hiddensee, Schulort Greifswald: Das dritte Jahr schon besucht Jochen Storbecks Sohn das Alexander-von Humboldt-Gymnasium. Denn es ist die einzige Einrichtung im gesamten Schulamtsbereich, die eine Hochbegabtenförderung anbietet. Für den Neuntklässler bedeutet das, morgens um 5 Uhr von zu Hause aufzubrechen, um pünktlich 7.45 Uhr zum Unterricht zu erscheinen. Theoretisch. Denn praktisch suchten und fanden die Eltern eine andere Lösung. Da keinem Kind dauerhaft ein solcher Schulweg zuzumuten sei, „haben wir ihn in der Woche bei Freunden in Stralsund untergebracht“, sagt Jochen Storbeck. Weitaus besser wäre ein Internat in Greifswald, so der Vater. Schließlich gebe es viele weitere Schüler, darunter auch Fünftklässler, die ähnlich lange Wege haben. Doch bislang Fehlanzeige. Dabei schreibt das Schulgesetz dies sogar vor.

Die Hansestadt Greifswald als Schulträger des Humboldtgymnasiums will dieses seit Jahren bestehende Problem daher endlich anpacken und initiierte deshalb Ende vorigen Jahres ein Interessenbekundungsverfahren. Ziel ist es, einem Dritten die Aufgabe der Unterbringung von Schülern zu übertragen. Das Rennen machte die Berufsfachschule Greifswald gGmbH, mit der ein Vertrag über die Einrichtung und den Betrieb eines Internats für das Humboldtgymnasium mit einer Kapazität von zunächst 15 Plätzen geschlossen werden soll. Geplante Eröffnung: 1. Januar 2020. Der Bildungsausschuss der Greifswalder Bürgerschaft stimmte dem zu. Am Montag sollte das Stadtparlament entscheiden. Indes: Dazu kommt es nicht mehr. Oberbürgermeister Stefan Fassbinder (Grüne) wird die Beschlussvorlage der Verwaltung zu Sitzungsbeginn zurückziehen. Seine Begründung: „Wir wollen versuchen, mit dem Landkreis Vorpommern-Greifswald eine Einigung zu erzielen“, sagt er auf OZ-Anfrage. Im Klartext: Zwischen Hansestadt und dem Kreis gibt es Differenzen. Ein Start des Internats zu Jahresbeginn? Eher unwahrscheinlich.

Fachkräftegebot treibt Kosten in die Höhe

Das Problem sind die mit einem Internat verbundenen hohen Kosten. Kosten, die von den Landkreisen zu zahlen sind, in denen die Internatsschüler leben. Während sich Vorpommern-Rügen offenbar mit den zusätzlichen Ausgaben arrangieren kann, tut sich Vorpommern-Greifswald schwer. Barb Neumann, Geschäftsführerin der Berufsfachschule Greifswald, rechnet mit 1500 bis 2000 Euro pro Schüler und Monat. Preistreiber seien nicht etwa die Mietkosten, sondern das Personal. „Ich kann nicht einfach einen Nachtwächter dort postieren, sondern muss Fachkräfte einsetzen, die eine Betreuung der Minderjährigen sicherstellen. Dafür gibt es Vorschriften – je nach Alter der Schüler“, verdeutlicht sie. Zwar müssten auch Eltern einen Beitrag zahlen, der um die 150 Euro liege, „die Hauptlast aber tragen die Kreise“.

Für Vorpommern-Greifswald bedeute das je nach Interesse betroffener Familien zusätzliche Ausgaben von bis zu 200 000 Euro pro Jahr. Ein dicker Brocken, der dem eisernen Sparwillen des hochdefizitären Landkreises im Wege steht. Finanzdezernent Dietger Wille teilte Greifswalds Oberbürgermeister daher bereits im Mai per Brief mit, dass er der Vorgehensweise der Hansestadt widerspreche. Zwar habe der Kreis im Zuge der Gebietsreform die Schulträgerschaft des Humboldtgymnasiums an die Stadt übertragen. Da ein Internat jedoch finanzielle Folgen für den Kreis habe, halte er ein „kooperatives Miteinander“ für unabdingbar. Daran ändere auch nichts, dass mit einem Internat zumindest teilweise Beförderungskosten für den Kreis wegfallen würden. „Wir haben auch ein Interesse daran, dass sich mit einem Internat das Schulangebot verbessert“, versichert Wille. „Allerdings möchten wir gern einbezogen werden und mitgestalten“, betont der Vizelandrat. Die von der Stadt beabsichtigte Lösung sei seines Erachtens nach sehr teuer.

Fahrkosten ja, Unterkunftszuschuss nein

Das findet selbst Jochen Storbeck als Vater, der kein Problem mit individuellen Lösungen hätte. Nur, die seien vom Gesetzgeber nicht gewollt. „Wir hatten eine monatliche Beihilfe von 200 Euro für die Unterbringung unseres Sohnes beantragt. Die wurde vom Landkreis Vorpommern-Rügen abgelehnt. Aber als wir zwei Tage Hin- und Rückfahrten mit dem Wassertaxi in Rechnung stellten, um die Kostenrelation mal zu verdeutlichen, wurden die 300 Euro pro Tag anstandslos übernommen“, zeigt sich Storbeck fassungslos.

„Das Interesse von Eltern für ein Internat gibt es schon über zehn Jahre.“ Schulleiter Ulf Burmeister Quelle: Thomas Meyer

Fakt ist: „Das Interesse von Eltern für ein Internat gibt es fast so lange wie unsere Hochbegabtenklassen, also über zehn Jahre“, sagt Schulleiter Ulf Burmeister. Derzeit besuchen 169 Schüler in den Jahrgangsstufen 5 bis 12 diese A-Klassen. Ein Teil wohne in oder um Greifswald. „Doch es gibt auch Schüler, die von Rügen, Usedom oder aus dem südlichen Vorpommern-Greifswald kommen. Ihre Bus- oder Taxianfahrten überschreiten das zumutbare Maß, dauern länger als eine Stunde“, sagt Burmeister. Ein Internat sei daher aus Sicht der Schule wünschenswert. Melanie Lakämper, Vorsitzende des Gesamtelternrates, kann das nur unterstreichen: „Seit Jahren bemühen sich Elternvertreter um ein Internat. Letztlich geht es um Kinder, die nicht nur jeden Tag viele Stunden in Bus oder Taxi sitzen wollen, sondern vielleicht auch mal auf dem Spielplatz.“

Von Petra Hase