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Greifswald Dieser Greifswalder „Mauerflüsterer“ liest Geschichte aus Steinen ab
Vorpommern Greifswald Dieser Greifswalder „Mauerflüsterer“ liest Geschichte aus Steinen ab
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19:14 28.05.2019
Bauhistoriker André Lutze erläutert auf dem Ausgrabungsgelände des früheren Chores die Befunde zum Bau der Franziskanerkirche. Quelle: Eckhard Oberdörfer
Greifswald

 Die Greifswalder Franziskaner waren bescheidene Leute. Sie haben auf eine Anlage mit Unter- und Oberkirche wie im italienischen Assisi verzichtet. Dort liegt der 1226 verstorbene Ordensgründer Franziskus, der Namenspate des heutigen Papstes, begraben. Die These einer Ober- und Unterkirche in Greifswald stellte 1992 der Franziskaner Werinhard Einhorn auf. „Eine reizvolle Idee“, sagt der Bauhistoriker André Lutze, der die Ausgrabungen für den Bau der „Galerie der Romantik“ des Pommerschen Landesmuseums begleitet. Ein Scheingrab in der Unterkirche, das wäre schon etwas Besonderes gewesen. Aber die These stimme nicht.

Stattdessen haben die Mönche in der Kirche bis etwa 1300 etwa zwei Meter Boden aufgeschüttet. Portale des Ursprungsbaus der Kirche des 1262 gestifteten Klosters konnten danach nur noch kriechend durchquert werden, so Lutze. Ein solcher früher Portalbogen ist jetzt in den Mauerresten des Kirchenchores sichtbar. Aus wenigen Steinen, Funden und Daten entwickelte der Greifswalder „Mauerflüsterer“ seine Theorie zur Baugeschichte. Gegen Werinhard Einhorns Theorie spreche auch das Fehlen von Putz, Malerei, Fußboden oder anderer Ausstattung, führte Lutze aus.

Aufschüttungen für Umsetzung des Lübischen Rechts nötig

Von der 1789/90 wegen Baufälligkeit abgerissenen Kirche blieb ohnehin wenig erhalten. Dazu gehören ein Stück der südlichen Mauer auf dem Innenhof mit Teilen eines Torbogens und eines Rundfensters sowie Findlinge des Fundaments an den Mauern der heutigen Gemäldegalerie. Auch die schriftliche Überlieferung aus dem Mittelalter zur Baugeschichte ist dürftig.

Bei den Ausgrabungen auf dem Gelände hinter der heutigen Gemäldegalerie des Landesmuseums wurden nun die beachtlichen Ausmaße des im 13. Jahrhundert errichteten Chores sichtbar. Dass die Aufschüttungen erfolgten, hänge mit dem seit 1250 in Greifswald herrschenden Lübischen Recht zusammen, so Lutze. Der Bau von Kellern, in die die zwischen den Gebäuden zu errichtenden Brandmauern reichten war vorgeschrieben.

Reste der Feldsteine für die Gründung und des Teile des Sockels der abgerissenen Franziskanerkirche Quelle: eob

„Es musste aufgeschüttet werden, weil der Untergrund die Anlage von Kellern unmöglich gemacht hätte. Unter einer Mergelschicht liege wasserführender Sand. „Wir können uns das wie bei einer Goldgräberstadt vorstellen“, so der Bauhistoriker. „Am Anfang ist nicht klar, was daraus später wird.“ Erst mit dem Privileg zum Bau einer Mauer 1264 sei klar gewesen, dass aus Greifswald etwas wird. Die Aufschüttungen erfolgten danach. Die Marienkirche sei ein Beispiel, wo das nicht geschah. Darum gelangt man von der im 14. Jahrhunderts gebauten Annenkapelle auch nur über einige Stufen hinunter in die Kirche.

Städtebaulicher Missstand beseitigt

Für Lutze passt auch die 1348 bezeugte Stiftung des Neubaus eines Chores für das Kloster durch Familie Hilgemann zu seiner Theorie. „Zu diesem Zeitpunkt bestand hier ein städtebaulicher Missstand, der beseitigt werden sollte“, so der Bauhistoriker.

Nach der Reformation ging das Franziskanerkloster 1556 in städtischen Besitz über. Der Rat der Stadt richtete eine Stadtschule und eine Armenanstalt ein. Eine zugehörige Kirchengemeinde gab es nicht. Das Gotteshaus wurde noch von Soldaten genutzt, die in der Stadt weilten, so denen der Schweden und Russen. Die Nutzung als Armenanstalt sei der Grund für die vielen Kinderskelette, die bei den archäologischen Ausgrabungen gefunden wurden, so Lutze. Die Kirche wurde von einer Bestattungsstätte der Wohlhabenden bis zur Reformation zu einer der Unterschicht in der Zeit danach. Das erkläre auch das weitgehende Fehlen von Beigaben. Insgesamt wurden 30 Skelette aus dem 16. bis 18. Jahrhundert entdeckt, wie der für Hansestadt-Grabungen zuständige Archäologe Heiko Schäfer sagte.

Das ungelöste Rubenow-Rätsel

Hier könnte sich Rubenows Grab befunden haben Quelle: eob

Die sterblichen Überreste des ebenfalls im Franziskaner-Chor bestatteten Bürgermeisters und Unigründers Heinrich Rubenow (um 1400 –1462) waren nicht darunter – obwohl sich die Grabungen, die etwa anderthalb Meter unter das jetzige Erd- und das seit dem 14. Jahrhundert unveränderte Kirchenbodenniveau reichten, in der Schicht bewegten, in der auch einst Rubenow bestattet wurde. Schäfer: „Entweder wurde das Grab durch spätere, in der Frühneuzeit angelegte Gräber gestört oder es befindet sich im weiter östlich gelegenen Chorbereich, an dem keine archäologischen Ausgrabungen stattfanden.“ Dass eine so bedeutende Persönlichkeit wie Rubenow in Nähe des Altarbereiches bestattet wurde, sei naheliegend. Aber auch dort, so Schäfer weiter, könnte das Grab durch spätere Bestattungen gestört worden sein.

Rubenows Erbe

In der Franziskanerkirche gab es noch 1702 an der Wand im Klostergang eine Platte, die an Rubenow erinnerte. Sie sollte auf Ratsbeschluss umgesetzt werden, vorgeschlagen wurde St. Nikolai. Das könnte eine zweite Platte sein oder es handelt sich um den Sühnestein, der heute in der Marienkirche steht.

Fenster mit Wappen der Familien Rubenow und Hilgemann (seine Frau war eine Hilgemann) werden ebenfalls in den Quellen erwähnt.

Die Stundenglocke aus dem Kloster befindet sich heute in der Nikolaikirche, dorthin gelangten auch viele Bücher (Bibliothek des geistlichen Ministeriums).

Holzfiguren der Apostelfürsten Peter und Paul von einem früheren Altar schmücken die nach 1955 entstandene Winterkirche in St. Jacobi.

Insgesamt haben die Ausgräber nur ein Viertel des archäologisch interessanten Bereiches im früheren Franziskaner-Chor freigelegt – nicht nur in der Ausdehnung. Auch in der Tiefe hätten sich noch weitere Grabgruben abzeichnet, die vermutlich ebenfalls aus der frühen Neuzeit stammen, wie Schäfer weiter ausführte.

Laut André Lutze wäre das Rubenowgrab eher in dem Schäfer genannten östlichen Bereich des Chores zu finden, wo überhaupt nicht gegraben wurde. Er bezweifelt allerdings, dass es beim Abbruch der Kirche 1789/90 noch vorhanden war. „Damals war nicht mehr die Rede von Rubenows Grab.“

Bauhistoriker André Lutze erläutert auf dem Ausgrabungsgelände des früheren Chores die Befunde zum Bau der Franziskanerkirche, hier der Portalbogen im Chor, für Lutze ein Fund von europäischer Bedeutung Quelle: eob

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