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Greifswald Greifswalder Bürgerschaft künftig ohne Multhauf
Vorpommern Greifswald Greifswalder Bürgerschaft künftig ohne Multhauf
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16:16 17.05.2019
Peter Multhauf hat in Schönwalde I viel bewegt. Hier steht er an der Sportlersäule am Thälmannring Quelle: Eckhard Oberdörfer
Greifswald

„Auch wenn ich am 26. Mai nicht mehr wählbar bin. Ich bin noch da!“ Mit diesem für ihn eher untypisch nur einem Satz bedankte sich Linken-Politiker Peter Multhauf beim diesjährigen Stadtempfang für die Ehrung mit dem Silbernen Greifen. In diesem Jahr feiert er sein 29. Bürgerschaftsjubiläum. Multhauf sitzt seit der ersten nachwendischen Wahl ununterbrochen im Greifswalder Stadtparlament. Keiner hat so oft das Wort ergriffen und hakte – immer gut vorbereitet – auch nach über vier Stunden Sitzung manchmal noch nach. Der aktuelle Alterspräsident der Bürgerschaft hat viele Freunde, aber auch einige Gegner. Aber über mangelnde Unterstützung einer großen Zahl von Bürgern musste er sich nie beklagen. Erstmals seit 1990 holte die Liste der Linken mit Multhauf bei der letzten Bürgerschaftswahl 2014 in einem Wahlbereich mehr Stimmen als die CDU. In seinem Ortsteil Schönwalde I/Südstadt ist er seit vielen Jahren ein anerkannter „Bürgermeister“, der sich um große Dinge wie den Neubau der Fischerschule, die Erhaltung der Post und kleine Dinge wie die Absenkung eines Bordsteins am Liebknechtring kümmert. Er hat erfolgreich gemeinsam mit anderen gegen die Privatisierungspläne von Teilen der Wohnungsbau und Verwaltungsgesellschaft Greifswald in der Zeit von OB Arthur König eingesetzt, aber auch für die Umwandlung der Lomonossowallee in eine richtige Allee. Aktuell kümmert er sich um die für Juni geplante Neugestaltung der Beton-Bushaltestelle in der Krullstraße. Die Liste seiner Themen ist lang.

Sie haben sich auf der Zusammenkunft zur Nominierung der Kandidaten noch einmal der Wahl gestellt, erhielten in geheimer Abstimmung aber nicht genug Stimmen. Sind Sie enttäuscht?

Von dieser Erfahrung spreche ich eigentlich nicht so gerne. Aber wenn Sie nun mal danach fragen: Ich habe bis einen Tag vor dem Nominierungstreffen gezögert, ob ich noch mal eine Legislaturperiode Verantwortung übernehmen will. Ich bin jetzt 75 und nicht mehr so fit wie in meiner Sportlehrerzeit. 2014 war ich schon Alterspräsident der Bürgerschaft. Dann hatte ich mich doch auch auf Drängen vieler Greifswalderinnen und Greifswalder für die Kandidatur entschieden. Dass eine Mehrheit der anwesenden Genossinnen und Genossen auf dem Parteitag den Eindruck erweckten, es ginge besser ohne mich, hat mich damals schon getroffen.

Lag die Ablehnung womöglich an Ihren wiederholt abweichenden Meinungen im Vergleich mit der Fraktionsmehrheit? Beispielsweise bei ihrem Kampf für den Namen Ernst-Moritz-Arndt-Universität? Im Gegensatz zur Fraktion unterstützten sie auch den Verkauf der Campingplatzflächen an Betreiber Carsten Becker. Sie sind jetzt sogar auf dem Werbeplakat der Einzelbewerberin und Sprecherin der Bürgerinitiative „Ernst Moritz Arndt bleibt“, Grit Wuschek, zu sehen. Manche sprechen schon von einer Achse Multhaufs mit CDU-Fraktionschef Axel Hochschild.

In der Bürgerschaft sollte es doch eigentlich vor allem zuerst um die Sache gehen und nicht, wie oftmals zu erleben, um Partei- bzw. Fraktionszugehörigkeiten. Es gibt keine „Achse“ Hochschild/Multhauf, auch wenn ich einige Beschlussvorlagen mit der CDU, der Kompetenz für Vorpommern, der Bürgerliste und der FDP eingebracht habe, weil ich die Sache, zum Beispiel den Einsatz für die Ernst-Moritz-Arndt-Universität, richtig finde. Eine gewisse Zusammenarbeit in Einzelfragen mit der CDU-Fraktion ist doch nicht per se schlecht. Als es darum ging, dass die Post, der heutige „Grieche“, an der Lomo ersatzlos geschlossen werden sollte, hat sich der damalige Bundestagsabgeordnete der CDU Ulrich Adam, ebenfalls dagegen eingesetzt. Wir hatten Erfolg.

Sie traten vor 50 Jahren der SED bei. Haben Sie das je bereut?

Nein. Ich war übrigens 1989 erstmals Delegierter eines Parteitags, dem Sonderparteitag im Dezember. Dort habe ich für das Weiterbestehen der SED/PDS gestimmt und Gregor Gysi zum Vorsitzenden gewählt. Selbst wenn ich die Partei Die Linke verlassen würde, ich bleibe immer ein Linker.

Warum ist das so?

Vor allem ist Die Linke ist die einzige Partei, die wirklich konsequent in der Frage von Krieg und Frieden ist. Die Grünen haben vor 20 Jahren mit ihrem Außenminister Joseph Fischer dazu beigetragen, dass Jugoslawien zum dritten Mal im 20. Jahrhundert (auch) von Deutschen überfallen wurde. Von der SPD und den anderen Parteien ganz zu schweigen.

Trifft es Sie denn, wenn Sie in einem Blog der Alternativen Liste als „rotlackierter Royalist“ bezeichnet werden? Immerhin ist der Autor dieses Artikels, Ulrich Rose, in einer Zählgemeinschaft mit den Linken in der Bürgerschaft.

Wenn es nur diese Dümmlichkeit wäre, könnte ich damit leben. Schlimmer ist es, dass dieser Herr aus der Steinbeckerstraße sogar das Brecht-Zitat aus„Arturo Ui“, das sonst nur zur Bezeichnung im Zusammenhang mit Aktionen von Neonazis verwendet wird, auf mich bezieht. Das ist mehr als unakzeptabel.

Hat sich denn das Klima in der Bürgerschaft seit 1990 verändert? War damals eine Zusammenarbeit der zunächst aus der SED hervorgegangenen PDS bzw. mit Ihnen mit der CDU denkbar?

Nein, man war sich gegen uns einig. Obwohl ich eigentlich fast keine Chance hatte, irgendwie durchzukommen, habe ich mich gemeldet. Das sollte vor allem auch deutlich machen, „dass wir noch da“ und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Immerhin war die PDS, dann die Linkspartei/PDS und nun Die Linke, immer die zweitstärkste Fraktion. Heute ist das ganz anders und wir sind nicht mehr die „Schmuddelkinder“. In dieser Legislaturperiode ergab sich sogar die bislang einmalige Situation, dass ein einziges Bürgerschaftsmitglied in manchen Sach- und Personalfragen entscheidend sein konnte. Eine große, verantwortungsvolle, manchmal auch reizende Aufgabe.

Wer ist denn der beste Bürgermeister seit der Wende?

Alle haben sich bemüht bzw. bemühen sich, da möchte ich keine Wertung abgeben. Vielleicht eines: Der zweite, aus dem Westen gekommene Nachwendebürgermeister Joachim von der Wense war keiner, der nicht mit der PDS gar nicht reden wollte, im Gegenteil.

In der Laudatio für den Silbernen Greifen wurde ausdrücklich ihr großer, langjähriger Einsatz für den Neubau der Fischerschule gewürdigt. Aber Sie haben auch um die Schreibweise Paepke oder Päpke gekämpft. Ist das denn wichtig?

Auch scheinbar kleine Dinge sind mir oftmals wichtig. Ich interessiere mich sehr für Bildung, Geschichte und Kultur. Da muss man oft einen langen Atem haben. Um das Caspar-David-Friedrich-Denkmal habe ich mehr als zehn Jahre gerungen. Bei diesem erfolgreichen Kampf sind sich auch der CDU-Mann Egbert Liskow und ich sympathischer geworden. Bei der von mir initiierten Wiederbenennung des Bahnhofsvorplatzes nach Carl Paepke, mit ae wie es auf Denkmal und Grabstein steht, ging es mir auch um Einheitlichkeit der Schreibweise. Ich bin froh, dass ich die Mehrheit der Bürgerschaft entgegen dem Verwaltungsvorschlag Päpke von Paepke überzeugen konnte. Das Sahnehäubchen war, dass wir auch die Wiederherstellung seiner Büste erreichen konnten.

Gab es auch große Enttäuschungen?

Ja, das war, als mich ein Mitglied der Bürgerschaft und des Theateraufsichtsrats wegen angeblichem Geheimnisverrat anzeigte. Damals war ich Mitglied des Theateraufsichtsrates und Intendant Prof. Anton Nekovar als Intendant fristlos entlassen worden. Dabei wollte ich nur den Intendanten in den Prozess der Veränderungen mit einbeziehen. Der Umgang mit ihm war sehr unfair gewesen. Die Anzeige gegen mich wurde erwartungsgemäß zurückgewiesen.

Sie haben als Berufsschullehrer und nun als Rentner unheimlich viel Zeit für das Ehrenamt eingesetzt. Wie schafft man das?

Sehr oft machte diese Arbeit auch Spaß und zeitigte Erfolge. Meine Frau, sie war Lehrerin für Deutsch und Kunst, stand immer hinter mit und hielt mir den Rücken frei. Mit ihr teile ich auch die Liebe zu Kunst, Literatur und Geschichte. Jetzt wollen wir noch mehr von der Welt sehen und die sieben Enkel auf ihrem Weg intensiver begleiten.

Der Satz „Ich bin noch da“, heißt, dass ich weiter ansprechbar bleibe und mich „einmischen“ werde. Sportpolitik, der Name der Universität, der Erhalt von Denkmalen und die Kunst in Greifswald, dafür will ich mich auf jeden Fall weiter engagieren.

Würden Sie gern Vorsitzender der Ortsteilvertretung Schönwalde I/Südstadt bleiben, das war Ihnen ja immer eine Herzensangelegenheit?

Ich stehe dafür eventuell zur Verfügung, wenn es gewünscht ist und sich die Möglichkeit eröffnet. Nach meinen Erfahrungen wünschen sich das viele im Ortsteil. Wir haben hier wirklich zusammen viel erreicht. Aber auch ohne mich wäre bestimmt viel umgesetzt worden. Die WVG mit Klaus-Peter Adomeit, die WGG um Jörn Roth und die Stadtverwaltung um Thilo Kaiser, Beate Schinkel u. a. haben sich sehr oft für Schönwalde I eingesetzt. In vielen Städten verfallen Neubauviertel, in Greifswald ist das so nicht der Fall.

Ein spannendes Leben

Peter Multhaufwurde 1944 in Heilgenstadt/Eichsfeld geboren. Dem Abitur folgte 1992 eine Schriftsetzerlehre in Bad Langensalza. 1964 begann Multhauf ein Studium für Geschichte und Sport an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität.

Seine Abschlussarbeitschrieb er bei Prof. Alfried Krause über ein geschichtsmethodisches Thema. Peter Multhauf blieb in Greifswald und war bis 1993 Lehrer für Geschichte und Sport an der Erwin-Fischer-Schule (damals noch in der Feldstraße) und dann bis 2009 an der Kaufmännischen Berufsschule der Hansestadt für Sport und Sozialkunde.

1990 wurde der Pädagoge für die PDS in die Bürgerschaft gewählt und Vorsitzender des damaligen Sport- und Jugendhilfeausschusses. Er hat in drei Jahrzehnten in mehreren Ausschüssen gewirkt, war lange im Aufsichtsrat des Theaters, ist Mitglied im Zweckverband der Sparkasse Vorpommern, des Stadtsportbundes, zu dessen Gründern er gehört, und des Sportrates. Peter Multhauf wurde 2000 „Sportler des Jahres“, erhielt 2014 die Ehrennadel des Kreissportbundes, 2016 die Sportplakette des Landes und 2017 die Ehrennadel des Stadtsportbundes.

Seit 2001 ist er Gründungsmitglied der Ortsteilvertretung Schönwalde I/ Südstadt, seit 11 Jahren ihr Vorsitzender. 2019 ehrte ihn die Stadt für sein außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement mit einem Silbernen Greifen. Peter Multhauf ist in zweiter Ehe verheiratet, Vater zweier Söhne und Großvater von sieben Enkeln, die älteste ist 25, der jüngste drei Jahre alt.

Eckhard Oberdörfer

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