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Greifswald Greifswalder Forscher suchen das Super-Moos
Vorpommern Greifswald Greifswalder Forscher suchen das Super-Moos
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09:44 08.07.2019
Auf der Suche nach dem produktivsten Moos. Prof. Hans Joosten, Anja Prager und Mira Kohl. Quelle: Anne Ziebarth
Greifswald

Des einen Leid ist des anderen Freud. Während Terrassenbesitzer versuchen, mit verschiedenen Chemikalien dem Moosbewuchs zwischen den Steinen Herr zu werden, wird sich in der Botanik liebevoll um die Aufzucht der grünen Gewächse gekümmert. Hierbei handelt es sich um ganz spezielle Moose, nämlich Torfmoose, die auch für den Aufbau der Torfmoore verantwortlich sind (Infokasten). Viele Moorflächen in Deutschland allerdings sind bereits trockengelegt und wandern schließlich abgepackt in den Gartenbau: Torf ist der überwiegende ein wesentlicher Bestandteil von in Baumärkten erhältlichen Hobby-Blumenerden (65 Prozent) und von Substraten für Profi-Gartenbau (90 Prozent).

Torfmooszucht statt Torfmoorabbau

Die Greifswalder Wissenschaftler rund um Projektleiter Prof. Hans Joosten wollen dem Torfabbau entgegenwirken und forschen an der Kultivierung von Torfmoosen, um einen Ersatz für den Torf zu gewinnen. „Es gibt verschiedene Ansätze für einen Ersatzstoff, die Herstellung aus Kokos- oder Holzfasern zum Beispiel“, erzählt Hans Joosten. „Aber das Problem ist, dass kein Ersatz die Eigenschaften von Torf hat.“ Der geringe Nährstoffgehalt sei der Schlüssel. Was erst widersprüchlich klingt – schließlich sollte man meinen, Gartenbausubstrat sollte randvoll mit Nährstoffen sein – erklärt sich aus den Anforderungen der modernen Pflanzenzucht. „Torf ist großporig und hat ausgezeichnete Wasserspeichereigenschaften“, so Joosten. „Die Nährstoffe aber möchte jede Pflanzenzucht individuell nach dem Bedarf der jeweiligen Kulturpflanze und des Standortes bestimmen. Die werden dann dem nährstoffarmen Torf zugesetzt.“ Selbst Substrate wie Wolle oder Watte würden mit ihren enthaltenen Nährstoffen „störend“ wirken.

Gehäckseltes Torfmoos ersetzt das fossile Moor

Die Greifswalder Wissenschaftler haben daher einen anderen Ansatz gewählt. „Wir haben überlegt, aus was Torf besteht und probiert, ob nicht der Grundstoff, nämlich das Torfmoos, auch ohne den Prozess der Verrottung als Ersatz in Frage kommt“, so Joosten. Und tatsächlich: Tests verliefen positiv, Getrocktnetes und gehäckseltes Torfmoos kann als Substrat verwendet werden. Doch welches Tormoos ist geeignet? Das wollen die Forscher der Uni Greifswald wissen.

Internationale Moosarten im Test

Jede Moosart wird auf ihr Wachstum untersucht. Quelle: Anne Ziebarth

In rund 220 Kästen wachsen Moose unterschiedlichster Herkunft heran, von Uppsala bis Budweis über Irland reicht die Spannweite der Länder. „Moos ist ja keine Kulturpflanze wie etwa Getreide, die über zehntausend Jahre gezüchtet wurde“, erklärt Projektleiter Hans Joosten. „Wir sind auf der Suche nach Wildformen, die besonders viel Biomasse entwickeln.“ Und so zeigt sich in den Kästen ein abwechslungsreiches Bild.

Jedes Moos wächst anders

Jede der zwölf Moosarten hat einen ganz eigenen Grünton, aus manchen Kästen wuchern die weichen Polster bereits heraus, andere entwickeln ein eher kompaktes Wachstum. „Vielversprechend haben sich zum Beispiel die Arten Sphagnum fallax und das Sphagnum squarrosum entwickelt“, sagt Projektmitarbeiterin Mira Kohl und deutet auf einen Kasten mit eher hellgrünem Moos. „Squarrosum bedeutet so etwas wie sparrig, also mit vielen abstehenden Blättchen ausgestattet.“ Allen der schwarzen Kästen ist der hohe Wasserstand gemein, denn das brauchen die Torfmoose zum gedeihen.

Gewebekulturen werden zu Saatgut

Die vom Landwirtschaftsministerium des Bundes unterstützte Forschung der Greifswalder nach dem „Super-Moos“ ist in einem Verbundprojekt mit den Universität Freiburg und des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) angelegt. „Dort wird in sogenannten Bioreaktoren weitergezüchtet“, erzählt Projektkoordinatorin Anja Prager. „Torfmoose können sich vegetativ vermehren, das nutzt man aus. Reine Gewebekulturen werden dort unter idealen Bedingungen in Tanks weitergezüchtet, die Klone, die dort entstehen, können dann als ,Saatgut’ auf den Anbauflächen verwendet werden.“

Moos wird auf Masse gezüchtet

Auch gekreuzt und optimiert wird an der Uni Freiburg, dort experimentiert man im Rahmen des „smart breeding“ mit Plasmatransfer, Genomverdopplung und Protoplastenfusion zwischen den Moosarten. Alles für mehr Wachstum des Mooses, denn auch wenn die ersten erfolgreichen Ernten auf sechs Hektar Test-Anbauflächen in Niedersachsen erfolgt sind, brauchen künftige Moor-Bauern Geduld. Rund fünf Jahre dauert es, bis ein kultiviertes Torfmoos erntereif ist. Als Anbauflächen nutzen die Wissenschafter ehemaliges Hochmoorgrünland und bereits abgetorfte Moore, auf die der Moos-Nachwuchs nach Wiedervernässung der Flächen wieder ausgebracht wird. Rund fünf vier Tonnen Trockenmasse-Ertrag pro Hektar und Jahr liefert das Experiment, was wegen der besseren klimatischen Verhältnisse in Niedersachsen angesiedelt ist.

Moosanbau als neue Einnahmequelle für die Landwirtschaft?

Ein Modell für die Zukunft? „Wir würden uns wünschen, dass Landwirte zu uns kommen und uns fragen, welches Moos sie für welche Anbaufläche verwenden könnten“ sagt Anja Prager „Das große Ziel wären 35 000 Hektar Anbaufläche von Torfmoos. Damit könnte Ersatz für etwa ein Drittel des Torfabbaus geschaffen werden.“ Doch der Anbau von Torfmoosen habe noch mehr positive Seiten: Nicht nur den Moorschwund könne man aufhalten und ein klimafreundliches Produktionssystem schaffen, es könnten auch völlig neue Einkommensquellen im ländlichen Raum entstehen.

Torfabbau in Deutschland

8 Millionen Tonnen Torf werden in Deutschland pro Jahr abgebaut, Verwendung findet das Material vor allem in Blumen- und Gartenbauerde. Torfabbauflächen sind trockengelegte Moore, die über lange Zeit durch Abbauprodukte von Torfmoosen entstanden sind. Greifswalder Forscher versuchen durch Auswahl von geeigneten Arten, Torfmoosanbau statt Moorabbau zu fördern.

Dabei spielt nicht nur der Abbau von Ressourcen eine Rolle: Intakte Moore binden große Mengen an Co², trockengelegte Moore hingegen geben das Kohlendioxid an die Atmosphäre ab. Nur noch rund 5 Prozent der Moore in Deutschland sind intakt.

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Anne Ziebarth

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