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Greifswald Greifswalder Grypsnasen: „In jedem steckt ein Clown …“
Vorpommern Greifswald Greifswalder Grypsnasen: „In jedem steckt ein Clown …“
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17:41 05.11.2019
Seit 2005 muntern die Grypsnasen in wechselnder Besetzung die kleinen Klinikpatienten der Uniklinik auf. Quelle: Stefanie Broocks
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Greifswald

„Ein Clown darf sich Raum nehmen. Also, es ist schön, dass ich da bin“, sagt Felix Klimm und öffnet seine Arme. Aus seiner Tasche holt der 28-Jährige eine Tüte voller roter Nasen hervor. Aus 15 erwachsenen Menschen werden plötzlich 15 Spaßmacher, die herumspringen, sich auf dem Boden wälzen, Grimassen schneiden und ihre Emotionen pantomimisch darstellen.

Vor 13 Jahren ebneten Greifswalder Medizinstudenten den Weg der Grypsnasen. Zweimal im Monat gehen die derzeit zwölf festen Mitglieder des Vereins in Zweier- oder Dreiergruppen in die Kinderklinik, um die kleinen Patienten aufzumuntern und abzulenken. Abzulenken von den eigentlichen weniger spaßigen Umständen, in denen sich die Kinder befinden.

Als Clown auf die Kinder reagieren

Offenheit und Achtsamkeit seien Grundvoraussetzungen für die Arbeit als Klinikclown, sagt Felix Klimm, der seit 2012 bei den Grypsnasen ist und heute als Vereinsvorsitzender agiert. Zwar freue sich der Großteil der Kinder, sobald ein Clown durch die Tür komme, doch einige Kinder, besonders die ganz kleinen, sind manchmal etwas scheu, sagt Klimm: „Darauf müssen wir dann reagieren.“

Zum Schnuppertraining, das einmal im Jahr stattfindet, sind vier neue potenzielle Clowns gekommen. Eine von ihnen ist Nici. Die Referendarin ist neu in Greifswald und momentan „freizeitarbeitslos“, wie sie es nennt. „Ich war 20 Jahre bei den Pfadfindern und suche nun nach einem neuen Hobby.“ Ein Freund von Mannschaftssport sei sie nicht. „Ich suche etwas mit Bewegung und etwas, das mit Menschen zu tun hat.“

Klinikclowns nehmen kleinen Patienten Angst vor Operationen

An Bewegung mangelte es beim Schnupperkurs nicht. Nach ein paar stimmlichen Aufwärmübungen nutzt Kursleiter Felix Klimm Elemente aus dem Improvisationstheater. Zu zweit oder zu dritt sollen die Spaßmacher nur mit Ja und Nein kommunizieren. Kurze Zeit später klebt Klimm ein Kreuz auf den Boden. Eine Fläche steht für eine Emotion, darunter Wut oder Verliebtheit. Wer eine Linie überschreitet, muss von der Wut sofort in Liebe überspringen. Und das ohne viele Worte. „Man neigt dazu, bei den Visiten zu viel zu sprechen. Weniger ist aber mehr“, erklärt Klimm. Zudem „lieben Clowns das Scheitern. Das ist besonders schön anzusehen.“ Heißt: Will ein Clown vom Boden aufstehen, darf ihm das nicht gleich gelingen. Übertriebene Dramaturgie ist ein wichtigstes Stilmittel, erklärt Klimm.

Lachen ist sprichwörtlich die besten Medizin. Und tatsächlich konnte wissenschaftlich bewiesen werden, dass Klinikclowns die Angst vor Operationen mindern. Vor vier Jahren untersuchten Greifswalder und Berliner Mediziner die Wirkung von Klinikclowns in einer Pilotstudie. Das Ergebnis: Bekamen kranke Kinder vor ihrer OP Besuch von einem Klinikclown, wiesen sie im Durchschnitt 30 Prozent mehr Oxytocin, auch Kuschelhormon genannt, auf. Sie hatten somit weniger Angst und weniger Stress.

Lachen ist sprichwörtlich die beste Medizin: Zwei Mal im Monat heitern die Grypsnasen die kleinen Patienten der Uniklinik auf. Dafür wird einmal pro Woche trainiert.

Ein Klinikclown darf keine Maske tragen

„In jedem streckt ein Clown. Man muss ihn nur herauslassen“, ist Brit Wünsche sicher. Die 50-Jährige gehört zu den älteren Spaßmachern. Die meisten sind Studenten. Auch wenn sich die Greifswalderin mehr ältere Clowns wünschen würde: „Es macht sehr viel Spaß mit den jungen Menschen, obwohl ich bei manchen Übungen auf dem Boden schlechter mithalten kann.“ Die Technische Zeichnerin hat ihrem clownigen Alter Ego dem Namen „Bubu“ verpasst hat. Nicht nur den Namen suchen sich die Klinikclowns selbst aus. Auch das Outfit bestimmt jeder selbst.

Die rote Clownnase ist das wichtigste optische Hilfsmittel. „Ein Clown trägt keine Maske. Das Menschliche muss immer zu erkennen sein“, sagt Felix Klimm. Die Einsätze der Clowns sind oft eine Gratwanderung: „Ich weiß natürlich, um das enorme Leid der Kinder und vor allem auch der Angehörigen wie den Eltern und versuche, dies nicht auszublenden. Gleichzeitig hilft es weder den Kindern noch den Eltern, wenn ich mich als Clown von diesem Leid lähmen lasse“, erklärt Klimm.

Lachen nicht das primäre Ziel

Es gibt sie: Begegnungen, die noch lange nachhängen. „Wenn mich eine Begegnung emotional sehr berührt hat, dann probiere ich, einerseits meiner Dankbarkeit für die schöne Begegnung und andererseits meiner Trauer Ausdruck zu verleihen“, sagt Klimm.

Das primäre Ziel von Klimm ist es nicht unbedingt, die Kinder zum Lachen zu bringen. „Klar freue ich mich, wenn es gelingt. Aber ich möchte den Kindern durch mein Spiel und meine Interaktion mit ihnen Achtung und Wertschätzung vermitteln. Ob dabei viel gelacht wird oder nicht, steht für mich nicht im Vordergrund.“

Lust aufs Mitmachen?

Das Training der Grypsnasen findet dienstags von 19 bis 21 Uhrin der Ellernholzstraße statt. Neben Übungen aus dem Improvisationstheater erstellt sich jeder Neuankömmling eine eigene Clownfigur mit passendem Outfit. Zunächst hospitieren neue Clowns den alteingesessenen Spaßmachern bei einer Visite, bis sie dann in ihrer eigenen Clownrolle die Kinder belustigen dürfen. Zweimal im Monat gehen die Grypsnasen in Zweier- oder Dreiergruppen zur Visite ins Krankenhaus. Kontakt: info @grypsnasen.de oder www.grypsnasen.de

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