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Greifswald 920 Menschen arbeiten für Johanna-Odebrecht-Stiftung
Vorpommern Greifswald 920 Menschen arbeiten für Johanna-Odebrecht-Stiftung
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Das Hauptgebäude der Odebrechtstiftung liegt in der Gützkower Landstraße.
Das Hauptgebäude der Odebrechtstiftung liegt in der Gützkower Landstraße. Quelle: Christopher Gottschalk
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Greifswald

 Die Johanna-Odebrecht-Stiftung hilft Menschen: vom Schüler mit Lernproblemen bis hin zur selbstmordgefährdeten Patientin in der Psychiatrie. Die Stiftung beschäftigt 920 Mitarbeiter in einem Krankenhaus, einem Altenhilfezentrum, der inklusiven Martinschule und in Außenstellen in ganz Vorpommern und zählt damit zu den größten Arbeitgebern der Region. In ihrer mehr als 100-jährigen Geschichte wuchs die Stiftung stetig, bis sie heute in manchen Bereichen zu einem bundesweiten Vorbild werden konnte.

Ambulante Angebote sind die Zukunft für Patienten

Im evangelischen Krankenhaus „Bethanien“, zu dem in Greifswald eine Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie gehört, außerdem eine Tagesklinik und ein psychiatrischer Ambulanzdienst, arbeiten 510 Mitarbeiter. Hinzu kommen Suchtberatungen mit 25 Mitarbeitern in ganz Vorpommern, eine Fachklinik in Gristow, ein intensiv betreutes Wohnen und weitere Tageskliniken. Mit seinen Platzierungen im Ranking des Nachrichtenmagazins „Focus“ zählt das Krankenhaus in der Gützkower Landstraße zu den besten seiner Art in der gesamten Republik. 194 vollstationäre sowie 106 teilstationäre Betten stehen bereit. 3700 Fälle werden jährlich betreut, drei Viertel davon vollstationär. Noch zur Wendezeit hatten die Ärzte nur Platz für 43 Patienten.

Im „Bethanien“ geht es um kranke Psychen: Süchtige, schizophrene, depressive Menschen werden behandelt, auch zeitweise in geschlossenen Bereichen. Doch statt die Menschen im Krankenhaus zu behalten, sollten sie besser ambulant betreut werden, wünscht sich Geschäftsführer Hanns-Diethard Voigt. „Das muss die Zukunft sein“, sagt er. Schon heute behandelt die psychiatrische Institutsambulanz 8000 Fälle jährlich. Betroffene würden mit ihrer Zeit im Krankenhaus ein Stück Lebensqualität verlieren, was es zu verhindern gelte. Gewinnt der Patient sie zurück, spricht Voigt von einem Behandlungserfolg. Das könne für den einen Patienten bedeuten, gar nicht mehr in die Klinik zu müssen, für einen anderen könne es heißen, statt vier nur noch zwei Mal im Jahr zu kommen. Zwar hätte die Klinik noch keinen Patienten abgelehnt, manchmal ist dennoch jede Hilfe zu spät. Not und Verzweiflung gehören zum Alltag. Deswegen bekommen Mitarbeiter ein Training in Deeskalation, lernen Grundtechniken der Selbstverteidigung und können sich stets an Psychologen im Haus wenden oder geistliche Hilfe durch Martin Wilhelm suchen.

Glaube ist bei Bewerbungnebensächlich

Martin Wilhelm ist Pfarrer und seit vier Jahren Vorsteher der Odebrechtstiftung. Seine Aufgabe ist es, das christliche Profil der Einrichtung zu schärfen und als Geistlicher für die Mitarbeiter da zu sein. Menschliche Nähe ist für die Arbeit unabdingbar, aber eben auch Distanz zwischen Patient und Pfleger. Stirbt ein Bewohner im Altenhilfezentrum „Paul Gerhardt“ oder begeht ein Patient Selbstmord in der Klinik, hält Wilhelm auf Wunsch Andachten. Er hält zudem Glaubenskurse ab, als Angebot für diejenigen, die „keine Kirchlichkeit mitbringen.“ Das müssen sie auch nicht, da bei der Einstellung nur die Qualifikation entscheide und auch Muslimas und Atheisten unter dem Dach der Stiftung arbeiten.

Der Fachkräftemangel macht der Odebrechtstiftung noch nicht zu schaffen. Manchmal wird es dennoch eng, bestätigt Stephan Helbig, Leiter des Altenhilfezentrums „Paul Gerhardt“ mit 168 Plätzen und 205 Mitarbeitern. „Bei den Azubis ist die Menge der Leute kleiner geworden, bei denen wir sagen, dass sie qualifiziert sind, Altenpfleger zu werden.“ Pfleger und Ärzte für das Krankenhaus zu finden, werde ebenfalls schwieriger, so Geschäftsführer Voigt. Aber: „Insgesamt ist es uns immer gut gelungen, ausreichend Leute einzustellen.“ Das liege auch am Standort Greifswald, Kooperationen mit der Uni und dem guten Ruf der Odebrechtstiftung. Ein Quell für neue Mitarbeiter könnten auch Geflüchtete sein. Um sie zu integrieren, brauche es Geld vom Staat für Sprachkurse und die Vergütung erster Hilfstätigkeiten sowie interne Fortbildungen. Für die Attraktivität des Pflegeberufs allgemeine gelte, dass es letztlich auch immer am Geld liegen werde.

Die verschiedenen Einrichtungen der Stiftung vom Krankenhaus bis zur Schule finanzieren sich aus verschiedenen Töpfen: Das Vermögen der Stiftung bestehe heute hauptsächlich aus den Gebäuden in der Gützkower Landstraße, so Geschäftsführer Voigt. Sozialkassen, das Land, die Landkreise und die Stadt Greifwald zahlen Geld für den Betrieb, hinzu kommen Beiträge wie im Altenhilfezentrum oder dem freien Evangelischen Schulzentrum Martinschule.

Deutscher Schulpreis 2018 geht an die Martinschule

Mit dem Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung 2018 als Vorbild für Inklusion geehrt und von der Schweriner Politik gelobt, wollen die Verantwortlichen um Schulleiter Benjamin Skladny ihre gute Arbeit fortsetzen. „Leider kann man den Schulpreis nicht verteidigen, sonst würden wir das in Angriff nehmen“, sagt er. Das Schulzentrum startete 1976 als Fördertagesstätte für geistig behinderte Kinder, ehe es über die Jahre zu einer inklusiven Schule mit gymnasialer Oberstufe wurde. Rund 550 Schüler lernen in Schönwalde I, davon über 100 mit Behinderungen. 180 Erwachsene sind an der Schule angestellt – Lehrer, Sonderpädagogen, Unterrichtshilfen, Integrationshelfer, Verwaltungsmitarbeiter. Bald, so Benjamin Skladny, wolle man eine Turnhalle und auf lange Sicht mit den Schülern ein Schullandheim bauen. Auch auf dem Gelände in der Gützkower Landstraße wird die Zukunft gestaltet: Im Herbst wurde dort Richtfest für einen 1,6 Millionen teuren Neubau für das Ergotherapieangebot des Krankenhauses gefeiert.

Die Geschichte der Odebrechtstiftung

Johanna Odebrecht (1794 –1856) war eine Tochter des Ratsverwandten und späteren Greifswalder Bürgermeisters Johann Hermann Odebrecht (1757–1821). Sie begründete und leitete unter anderem eine Armenschule in Greifswald.

1856 stiftet Johanna Odebrecht ihr Vermögen zur Gründung eines Rettungshauses. Von dem Geld werden von 1902 bis 1904 Gebäude auf dem Gelände in der Gützkower Landstraße in Greifswald errichtet. Dort leben zunächst Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren.

1936 besetzen die Nationalsozialisten die Stiftung. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges bildet sich im Mai 1945 die Leitung der Stiftung neu. 1953 entsteht das Krankenhaus Bethanien, das 1984 zur Fachklinik für Psychiatrie wird.

1976 wird die Fördertagesstätte für geistig behinderte Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen, aus der später das Schulzentrum Martinschule hervorgeht.

1996 eröffnet das Altenhilfezentrum Paul-Gerhardt-Haus, zwei Jahre später die Fachklinik für Abhängigkeitsrehabilitation, die seit 2006 in Gristow sitzt.

2018 erhält die Martinschule den Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung. Die Stiftung feiert Richtfest für ein 1,6 Millionen Euro teures Haus für das Krankenhaus.

Christopher Gottschalk

06.02.2019
07.02.2019