Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Greifswalder Schuster schließt sein Geschäft
Vorpommern Greifswald Greifswalder Schuster schließt sein Geschäft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:33 07.08.2018
Die Schuster Fred Kutschke und Olaf Discher (v.l.) bei der Arbeit. Bald wird der Laden schließen.
Die Schuster Fred Kutschke und Olaf Discher (v.l.) bei der Arbeit. Bald wird der Laden schließen. Quelle: Christin Weikusat
Anzeige
Greifswald

Olaf Discher kennt sie noch: Die Plateau-Hacken der 1970er Jahre aus Holz, die von Kunststoff-Pfennigabsätzen Anfang der 1990er abgelöst wurden. Nach über 30 Jahren in seinem Beruf ist an Discher kein Schuhtrend der vergangenen Jahrzehnte vorbeigegangen. Doch nun endet sein Handwerk – zumindest in Greifswald. Denn Mitte September schließt der Familienvater seinen Laden im Möwencenter. Es war ein kurzer Aufenthalt, den Discher allerdings nicht missen will. Nur knapp drei Jahre, nachdem er den Laden des verstorbenen Meisters Kaapke in Schönwalde I übernommen hat, ist es vorbei. Das liegt allerdings nicht an der fehlenden Nachfrage: „Zu uns kommen wöchentlich zwischen 100 und 200 Kunden. Allein schaffen wir die Arbeit aber nicht. Wir finden keine geeigneten Fachkräfte.“

Im Minutentakt bimmelt die Eingangstür der kleinen Werkstatt. Die Kunden fertigt Discher ruckzuck ab, um sich wieder seiner Arbeit zu widmen. Ohne ein bisschen Smalltalk oder einen flotten Spruch von Discher verlässt jedoch kein Kunde das Geschäft. Kaputte Absätze, gerissene Taschenhenkel, Reißverschlüsse, die ausgetauscht werden müssen. Die Aufträge des Schusters sind vielfältig. Das, sagt Discher, liebe er am meisten an seinem Beruf. Dabei wollte sich der gelernteMechaniker für Schuhmaschinen 1989 erst mit einer NähmaschinenWerkstatt im brandenburgischen Gransee selbstständig machen. Doch die Stadt hatte anderes mit ihm vor: „Sie haben mich gefragt, ob ich nicht einen Schuhreparatur-Service eröffnen möchte, weil der Schuster im Ort verstorben war.“ Nach einer Woche hatte Discher alles zusammen. Die Stadt stellte ihm Räume, er reparierte eine Singer-Armnähmaschine aus dem Jahr 1900, nähte und reparierte damit die ersten Schuhe oder Taschen. 2014 zog Discher zusammen mit seiner Familie nach Wolgast, wo er im vergangenen Jahr einen zweiten Laden in der Stadt an der Peene eröffnete. Zwei Geschäfte an unterschiedlichen Standorten und zu viele Aufträge für Dischers kleinen Betrieb – die Entscheidung, den Laden im Möwencenter zu schließen, fiel ihm nicht leicht. „Schon damals, während der Ausbildung, hat man uns gesagt, dass es diesen Beruf irgendwann nicht mehr geben wird“, erinnert sich Fred Kutschke, eine der wenigen Mitarbeiter von Discher. Mitte September wird der 62-Jährige zum letzten Mal in der Werkstatt arbeiten. Dann geht es für ihn in Rente: „Ich hätte gern noch ein bis zwei Jahre weitergemacht“, sagt Kutschke.

Doch der Beruf des Schusters ist nicht der einzige, der vom Aussterben bedroht ist. Polsterer, Kürschner oder Pinselmacher gibt es nur noch wenige in Deutschland. Es sind Berufe, die keinen Nachwuchs finden. Auch Fachkräfte werden teils vergebens gesucht. So fehlen laut der Bundesagentur für Arbeit auch in den Bereichen der Altenpflege, Mechatronik oder in der Elektrotechnik geeignete Arbeitgeber oder Azubis. Discher selbst hätte gern ausgebildet. „Ohne Meistertitel geht das allerdings nicht“, beklagt der Schuster, der weiß, dass sich nicht nur die Mode verändert hat. „Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Wenn eine Reparatur über zehn Euro kosten wird, sagen wir es dem Kunden. So kann er entscheiden, ob sich das für den Kaufpreis lohnt.“ Echtleder sehen Discher und Kutschke seltener. „Dabei ist das viel stabiler als Kunststoff und hat eine höhere Qualität“, sagt Kutschke, der sich auch über die älteren Schätze der Kunden freut. Wie etwa eine Schulmappe aus DDR-Zeiten, an der die Lasche neu gemacht werden musste. Auch wenn sein Chef den Laden im Möwencenter schließen wird, das Geschäft in Wolgast wird Discher weiterhin betreiben. „Ich werde das solange machen, bis es wirklich nicht mehr geht.“ Und dann wird es wieder einen Schuster weniger geben.

Christin Weikusat

07.08.2018
07.08.2018