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Greifswald Greifswalder OZ-Leser spenden knapp 30 000 Euro für Tagesstätte
Vorpommern Greifswald

Greifswalder Tagesstelle bringt Weihnachten zu Menschen in Not

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19:10 23.12.2020
Roswitha Holtz (67) bekommt eine Geschenketüte von Julia Züge (28) von der Tagesstelle. Quelle: Anne Ziebarth
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Greifswald

Die Spendenbereitschaft der Greifswalder zugunsten der Tages- und Beratungsstätte des Kreisdiakonischen Werks ist überwältigend. Knapp 30 000 Euro sind bei der diesjährigen OZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ zusammengekommen (Stand 23. Dezember). Die Freude darüber ist bei Sozialarbeiterin Petra Werner und dem Team unbeschreiblich: „Ich freue mich riesig. Vor allem weil neben dieser stolzen Summe auch so nette kleinere Geschichten passiert sind“, sagt Werner und erzählt, wie eine Dame beispielsweise Kaffee und Plätzchen vorbeibrachte, während einer der Klienten der Tagesstätte sein gesammeltes Kleingeld spendete.

Das Geld, das bei der Weihnachtsaktion auf dem Spendenkonto eingegangen ist, möchte die Einrichtung in einen neuen Kleinbus investieren, der für Ausflüge und Umzüge benötigt wird. Seit etlichen Jahren kümmern sich die Mitarbeiter der Tagesstätte um Menschen, die in Not geraten oder verschuldet sind, keine Wohnung finden oder unter Suchtproblemen leiden. Auch über die Feiertage hat die Einrichtung geöffnet.

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Weihnachten ganz allein – das ist für viel mehr Menschen in Greifswald traurige Realität. Wenn das Leben ins Schlingern geraten ist und sich der Abgrund in seinem ganzen Grauen präsentiert, bleiben häufig nur noch wenige Sozialkontakte. Wenn Freunde und Familie sich zurückgezogen haben, gibt es immer noch die Tagesstelle in der Lomossowallee.

Keine Weihnachtsfeier in diesem Jahr

Zu Weihnachten trifft die Einsamkeit diese Menschen besonders hart. „Sonst kommen alle zur Weihnachtsfeier, da ist die Hütte rappelvoll“, sagt Thomas Göttsche. „Wir suchen uns Geschichten zum Vorlesen. Ingo spielt den Weihnachtsmann und es gibt eine richtige Bescherung. Gesungen wird natürlich auch.“ Der charismatische Leiter der Tagesstelle sieht angesichts der coronabedingt absagten Feier etwas besorgt aus.

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Weihnachten ist ein schwieriges Fest für Menschen in Not

„Für die meisten Klienten ist das die einzige Weihnachtsfeier, die sie haben“, sagt Göttsche. „Familie haben nur wenige. Es ist schon traurig, dass wir darauf verzichten müssen. Dieses Jahr haben wir nicht mal einen Baum.“ Die meisten hätten sich darauf gefreut, ein bisschen Gesellschaft zum Fest zu haben.

Das Corona-Jahr mit seiner zweimonatigen Schließung der Tagesstelle sei für viele sehr hart gewesen. „Für andere ist dieser Tag so vorbelastet, dass sie sich komplett zurückziehen“, so Göttsche. „Man merkt, dass Weihnachten Emotionen auslöst. Silvester ist das nicht so schlimm.“

„Man gewöhnt sich dran“

Gerald zum Beispiel redet so abgeklärt über Weihnachten, dass der Schmerz umso deutlicher zutage tritt. „Ist ein Tag wie jeder andere“, sagt der 58-Jährige kurz angebunden. „Man gewöhnt sich dran.“ Nach einer kurzen Pause ergänzt er dann doch: „Was soll ich denn machen? Ich kann ja nicht mal allein aus dem Haus mit diesen Krücken.“ Unfälle, Operationen und ein Leben voll harter Arbeit als Maurer haben den Körper ruiniert.

OZ-Leser spenden für einen Kleinbus

Bei der Tagesstelle des Kreisdiakonischen Werks in der Lomonossowallee 50 finden Menschen in Notsituationen Hilfe, beispielsweise bei Wohnungslosigkeit, Verschuldung oder Arbeitslosigkeit. Täglich können die Menschen hier einen geregelten Alltag erleben und bekommen Unterstützung bei den Aufgaben des täglichen Lebens. Wir sammeln Spenden für einen neuen Kleinbus, der für Ausflüge und Umzüge genutzt werden kann. Bitte helfen Sie mit, jede noch so kleine Summe zählt.

Empfänger: Kreisdiakonisches Werk Greifswald-Ostvorpommern e.V.

Verwendungszweck: Spende: OZ-WEIHNACHTSAKTION

IBAN: DE28 1505 0500 0112 2487 48

BIC: NOLADE21GRW

Mit der Angabe Ihres Namens auf dem Überweisungsträger willigen Sie ein, dass Ihr Vor- und Nachname sowie Ihre Spendensumme in der Zeitung veröffentlicht werden.

„Ich habe auf so vielen Baustellen in Greifswald gearbeitet, so viele Häuser gebaut“, blickt er durchaus stolz zurück. „Dabei ist einiges auf der Strecke geblieben.“ Zeit für Sozialkontakte oder eine Freundin habe er sich nicht genommen. „Kontakt zu meiner Familie habe ich auch nicht mehr“, sagt er. „Es gab Streit.“

Kleine Geschenke gibt es trotzdem

Nichtsdestotrotz strahlt sein Gesicht wie das eines kleinen Jungen, als Sozialarbeiterin Julia Züge (28) ihm nicht nur einen dampfenden Teller Gulaschsuppe auf den Tisch stellt, sondern auch noch eine kleine Tüte mit Weihnachtsgeschenken der Tagesstelle überreicht.

„Das mache ich erst zu Hause auf“, beschließt Gerald. Das Gulasch ist eine Spende vom Kesseltreff, der sonst mit seinem Angebot auf dem Greifswalder Markt zu finden ist. „Einige Läden haben uns unterstützt, dafür sind wir sehr dankbar“, berichtet Thomas Göttsche. „Jesske, Adler und der Modeladen 97 haben warme Sachen gespendet. Das kommt jetzt zum Winter gut an.“

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„Purzel“ leistet Gesellschaft

In einiger Entfernung von Gerald sitzt Roswitha Holtz. Auch sie kommt ab und an zur Tagesstelle, auch sie verbringt Weihnachten allein. Nein, nicht ganz. „Purzel“ ist natürlich mit dabei, ein 15-jähriger Chowchow-Mischling. „Ich telefoniere mit meiner Tochter aus Bremen“, sagt sie. „Sonst wohl etwas TV gucken, es bleibt ja nichts anderes übrig.“ Gerald lacht auf.

„Oh nee, da kommt doch nur Schrott.“ Er liest lieber, bevorzugt Krimis. Vielleicht ist in seiner Geschenktüte einer drin. Möglich, aber im Wesentlichen setzen die Tagesstellenmitarbeiter auf ähnliche Geschenke, es soll keiner bevorzugt werden.

Vor der Tagesstelle: Leiter Thomas Göttsche mit Waldemar „Waldi“. Quelle: Archiv

Nüsse, Schokolade und ein paar Extras

„In allen Tüten ist etwas Warmes zum Anziehen, ein paar Nüsse und Schokolade“, beschreibt Julia Züge. „Für die Frauen haben wir noch ein paar Kosmetika dazugelegt, Seifenspender oder Accessoires, für die Männer habe ich zum Beispiel auch irgendwo ein Schraubendreherset gesehen. Wo es sich anbietet, haben wir auch etwas nach Interesse ausgewählt. Wir hoffen, damit eine kleine Freude zu bereiten.“ Kleider oder Sachspenden werden unabhängig von Weihnachten und Neujahr gern genommen, eine telefonische Absprache ist aber unbedingt erforderlich.

Von Anne Ziebarth