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Greifswald Nach dem Krieg: Greifswalder Rektor hingerichtet
Vorpommern Greifswald Nach dem Krieg: Greifswalder Rektor hingerichtet
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12:41 29.04.2019
Das Gebäude der Theologischen Fakultät trägt Ernst Lohmeyers Namen Quelle: Oberdörfer Eckhard
Greifswald

 Am 30. April 1945 erfolgte im Greifswalder Rathaus die kampflose Übergabe der Stadt an die Rote Armee. Es war eine Tat mutiger Männer ganz unterschiedlicher politischer Ausrichtung von Kommunisten bis zu Mitgliedern der NSDAP.

Im Rathaus erinnert seit 2011 eine Tafel an diese Greifswalder Helden wie den Kampfkommandanten Rudolf Petershagen, dessen Stellvertreter und Leiter der Parlamentärsdelegation Otto Wurmbach, den Direktor der Medizinischen Kliniken Prof. Gerhardt Katsch und den Unirektor Prof. Carl Engel. Letzterer kam später wie auch der amtierende Oberbürgermeister Siegfried Remertz und der Bürgermeister Richard Schmidt im sowjetischen Internierungslager Fünfeichen um.

Verhaftung am Tag vor der Wiedereröffnung der Uni

Geehrt wird auch der kommissarische Nachfolger Engels im Rektorenamt, der Theologieprofessor Ernst Lohmeyer (1890 bis 1946). Der Neutestamentler wurde am 14. Februar 1946 verhaftet, einen Tag vor der Wiedereröffnung der zur Entnazifizierug geschlossenen Universität. Im September des gleichen Jahres erfolgte die Hinrichtung. Nach der Wiedervereinigung hat Russland den Theologen rehabilitiert. Eine Besonderheit des Falls Lohmeyers: Über seinen Tod wurde zunächst nichts bekannt.

Seine tragische Geschichte beschäftigt die Historiker bis heute, vor allem seit Beginn der Vorbereitung von Veranstaltungen zu seinem 100. Geburtstag durch die Greifswalder Theologen noch in der DDR. Das bisherige Wissen fasst das von Christfried Böttrich herausgegebene Buch „Ernst Lohmeyer Beiträge zu Leben und Werk“ zusammen, das auch die Vorträge eines Symposiums aus Anlass seines 70. Todestages in Greifswald enthält. Es enthält ebenfalls biographische Materialien zu Lohmeyer und die Studie „Es ist unheimlich still um ihn...“ von Prof. Thomas Kuhn, der den Weg zur Rehabilitierung beschreibt.

Der Theologe Prof. Ernst Lohmeyer Quelle: Sammlung Christfried Böttrich

Konflikt um den Weg der Hochschule

Die Universität hatte am 4. Mai 1945 ihren Lehrbetrieb wieder aufgenommen. Am 29. Mai wurde die Hochschule auf Anweisung der sowjetischen Behörden aber wieder geschlossen. Lohmeyer arbeitete geradezu leidenschaftlich für einen Neustart der Universität. Kuhn beschreibt den Konflikt, der sich vor allem um den Umgang mit den früheren Mitgliedern der NSDAP an der Hochschule und deren künftige Ausrichtung entwickelte.

Lohmeyer wollte an die Tradition der Selbstverwaltung und Hochschulautonomie anknüpfen. Um die Arbeitsfähigkeit der Uni zu ermöglichen, hielt der nach dem Krieg der CDU beigetretene Theologe an belasteten Lehrkräften fest. Er trat für eine differenzierte Sicht auf seine Kollegen ein. Gänzlich unbelasteter Ersatz war kaum vorhanden. Lohmeyer wurde daraufhin vorgeworfen, die Entnazifizierung nicht konsequent zu betreiben.

Der Vorwurf: Kriegsverbrechen

Lohmeyer wurde schließlich als Kriegsverbrecher beim Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD), dem sowjetischen Geheimdienst, denunziert und verhaftet. Als Schlüsselfigur gilt dabei der Greifswalder KPD-Funktionär und spätere Kurator der Uni, Franz Wohlgemuth. Nach seiner Verhaftung am 14. Februar 1946 saß Lohmeyer zunächst in dem nach der Wende abgerissenen Greifswalder Gefängnis in der Domstraße. Ihm wurden Kriegsverbrechen in seiner Zeit als Ortskommandant in der Ukraine vorgeworfen, wie aus den Protokollen hervorgeht. Belege für die Anschuldigungen werden dort nicht genannt, so Kuhn. Beim Prozess habe Lohmeyer auf seine „oppositionelle Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus seine christliche Existenz“ und seine zahlreichen antifaschistischen Freunde hingewiesen. Der Professor trat nach 1933 der Bekennenden Kirche bei und setzte sich für jüdische Kollegen ein.

Typische stalinistische Justizpraxis

Lohmeyer wurde zum Tod durch Erschießen verurteilt. Sein in deutscher Sprache verfasstes Gnadengesuch wurde wahrscheinlich nicht einmal gelesen. Der Fall Lohmeyer war ein „typisches Beispiel stalinistischer Justizpraxis“, erinnert Kuhn. Rechtsstaatlichen Prinzipien folgten diese Prozesse nicht. Auch die Geheimhaltung ist ein typisches Merkmal der NKWD-Prozesse. Gerüchteweise hieß es, er sei zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt worden.

So kommt es, dass sich viele Prominente für ein Freilassung Lohmeyers einsetzten, als dieser schon tot war. Erst 1950 erfuhr seine Frau zunächst inoffiziell, dass ihr Mann nicht mehr lebte. Zweifel blieben. 1957 teilte schließlich das sowjetische Rote Kreuz mit, dass Lohmeyer am 19. November in sowjetischem Gewahrsam verstorben war, ohne genauere Informationen zu Todesort und Todesumständen zu geben.

DDR-Geschichtsschreibung verschwieg Lohmeyer

Der Umgang mit Lohmeyer war in der DDR-Geschichtsschreibung extrem schwierig. In den Festschriften zur 500-Jahr-Feier 1956 und zur 525-Jahr-Feier der Hochschule 1981 wurde der Nachkriegsrektor nicht einmal erwähnt. Prof. Wolfgang Wilhelmus, der Leiter des Autorenkollektives des zweiten, 1982 erschienenen Buches, hat allerdings versucht, darüber im Rahmen des damals Möglichen zu schreiben. Im Gutachten des Institus für Hochschulbildung werden die von dem SED-Mitglied Wilhelmus verantworteten Passagen zu Lohmeyer als „Verstoß gegen die Parteilichkeit der marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung“ gewertet. Dieser habe versucht, dessen faschistische Vergangenheit, dessen Verbrechen als faschistischer Offizier und Ortskommandant in der Ukraine, zu vertuschen und seine oppositionellen Äußerungen als Theologe zu vertuschen. Das Gutachten wurde erst nach der Wiedervereinigung bekannt, vorher war das auch nicht möglich.

Theologieprofessor wird heute geehrt

Den ersten Antrag auf Rehabilitierung Lohmeyers stellte 1994 Otto Hennig, der selbst im sowjetischen Lager saß. Seitens der Theologischen Fakultät erwarb Prof. Günter Haufe besondere Verdienste und wurde auch von Rektor Prof. Jürgen Kohler unterstützt. Die Moskauer Militärstaatsanwaltschaft hat Lohmeyer 1996 schließlich vollständig rehabiliert. Das Gebäude der Theologischen Fakultät in Greifswald heißt heute Ernst-Lohmeyer-Haus. Eine Gedenktafel wurde enthüllt. Der Platz, um den sich die Gebäude des neuen geistes- und sozialwissenschaftlichen Campus an der Loefflerstraße gruppieren, wurde nach ihm benannt.

Christfried Böttrich (Hg.): Ernst Lohmeyer. Beiträge zu Leben und Werk. ISBN 978-3-374-07687-3: 44 Euro

Gedenktafel für Ernst Lohmeyer Quelle: eob

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