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Greifswald Greifswalder Wohnprojekt „Straze“: Wie eine Familie, die man sich aussuchen kann
Vorpommern Greifswald

Greifswalder Wohnprojekt „Straze“: Wie eine Familie, die man sich aussuchen kann

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20:00 17.02.2020
Mitglieder des Wohnprojektes HKB in der Stralsunder Straße Quelle: Eckhard Oberdörfer
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Greifswald

„Eine Wohngemeinschaft ist mit einer großen Familie vergleichbar“, sagt Thomas Schmidt. „Der Unterschied ist der, dass man sich aussuchen kann, mit wem man wohnt.“ Thomas Schmidt ist ein Urgestein der „Straze“, der Stralsunder Straße 10/11, dem bekanntesten der mittlerweile drei großen Wohngemeinschaften in der Steinbeckervorstadt. „Immer, wenn Menschen zusammenleben, gibt es natürlich auch Probleme.“

Die können ziemlich trivial sein. Denn wer putzt, saugt Staub und wäscht ab? „Das machen wir gemeinsam, es gibt Pläne“, sagt Laura Freitag. Auch wenn es immer mal Probleme gebe, wenn mehr als 30 Leute Gemeinschaftsräume nutzen. Es klappe insgesamt gut. „Ich habe das Aufräumen hier gelernt“, ergänzt Ralf Borowy. „In meiner früheren kleinen WG habe ich häufig was liegen gelassen.“

Demokratie braucht Zeit

Wie Laura Freitag lebt er im Haus der Kultur- und Bildung (HKB), Stralsunder Straße 46, der ältesten der drei Gemeinschaften in der Steinbeckervorstadt. Als bisher letzte kam Ende letzten Jahres die „Stra35“ im früheren Gesundheitsamt hinzu. Das Gebäude wurde über einen Verein von der Stadt gekauft.

„Das HKB wurde vor 22 Jahren gegründet“, erzählt Anja Matz. Sie kommt aus Neubrandenburg. Von ihr stammt die Idee, den Namen des Kulturzentrums der Vier-Tore-Stadt nach Greifswald auf ein Wohnprojekt zu übertragen. Ein Jahr dauerte die Ideenfindung, Demokratie braucht Zeit.

Seit über 20 Jahren ein Zuhause

Anja Matz ist von Anfang an dabei und kehrte nach einigen Jahren im Iran in die Stralsunder Straße zurück und organisiert von hier aus Reisen in den Iran. Das HKB, die Steinbeckerstraße 46, ist ihre Heimat. „Ohne klare Strukturen geht es nicht“, ergänzt Anja Matz. „Wir haben viele Pläne und auch einen Einkaufsdienst.“ Es gibt einen E-Mail-Verteiler. „Wenn zum Beispiel ein Pullover gefunden wurde, lässt sich darüber leicht der Besitzer finden.“

Ein Zimmer in der Stralsunder zu bekommen, ist nicht ganz einfach. Es gibt eine Warteliste, obwohl im letzten Sommer viele HKB-Bewohner in die gerade fertiggestellten Wohnräume der Straze gezogen sind. Die Gruppe entscheidet, wer ein freies Zimmer bekommt.

Familien mit Kindern und auch Geflüchtete

„Es geht uns um soziales, bezahlbares Wohnen“, erläutert Laura Freitag einen Reiz der Gemeinschaft. „Da geht es nicht bloß um den Preis, sondern um gegenseitige Unterstützung, um gemeinsames Eigentum.“ So eine Gemeinschaft bietet beispielsweise Unterstützung bei der Betreuung der Kinder, die in den Gebäuden der Stralsunder Straße 46 leben. Für sie gibt es Spielzimmer und Spielplatz.

Die Gemeinschaft ist eine Art Ersatzfamilie für alle, die keine Großeltern Vor Ort haben. „Für mich ist unsere Art des Zusammenlebens genau die richtige“, ergänzt Silke Schnabel. Die Mischung der Bewohner im HKB sei toll, Studenten, Mitarbeiter von Freiwilligen-Diensten, Frauen und Männer, die schon im Erwerbsleben stehen, Familien mit Kindern und auch Geflüchtete wohnen mehr oder weniger lange hier.

HKB sorgt sich um Zukunft

Es gibt ein gemeinsames Wohnzimmer für alle. „Auf unserer Couch entstehen so viele gute Ideen“, schildert Laura Freitag. Einmal im Monat treffen sich alle Bewohner. Ihr größtes Problem derzeit: Der Eigentümer des HKB hat 2019 gewechselt. Die Gruppe hätte selbst gern gekauft und nötige Sanierungen und Umbauten in Angriff genommen. Nun hofft das HKB, dass es bleiben kann.

Anders als die Straze ist es ein reines Wohnprojekt. Dieses setzt auch auf Kultur und Bildung, saniert dafür gerade den Saal des ehemaligen Gesellschaftshauses. Es soll wieder zu einem der kulturellen Zentren der Stadt werden.

Aufnahme nur bei Mitarbeit

„Wir haben im Moment mit Kindern 38 Bewohner“, informiert Thomas Schmidt, der die Arbeiten in der Stralsunder Straße koordiniert. Die Altersspanne reicht von sechs Monaten bis etwa 60 Jahre. Alle Zimmer seien belegt. Wenn eines frei wird, stellen sich Bewerber vor. Von ihnen wird erwartet, dass sie sich in eines der öffentlichkeitswirksamen Vorhaben einbringen. Es sind immerhin 25, die die Straze tragen. Viele Projekte sind durch studentische Kultur geprägt. „Sie schaffen sich mit dem Haus eine gemeinsame dauerhafte Zukunft“, sagt Thomas Schmidt. „Diese gemeinsame Vision hilft uns über Alltagsprobleme hinweg.“

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Von Eckhard Oberdörfer

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