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Greifswald Greifswalder ergründen Mythos Norden
Vorpommern Greifswald Greifswalder ergründen Mythos Norden
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13:28 20.12.2018
Nico Anklam (links) und Kilian Heck organisieren eine Tagung zur nordischen Kunst Quelle: Eckhard Oberdörfer
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Greifswald

Heute ist der Norden, sind schier endlose Wälder und Felder einer hügeligen Landschaft und das raue Meer Sehnsuchtsort, seine Landschaft ist ein beliebtes Thema bildender Künstler. „Das war nicht immer so“, stellt der Greifswalder Kunstgeschichtsprofessor Kilian Heck fest. „Außer den Seestücken gab es vor dem 19. Jahrhundert kaum einheimische, als malwürdig erachtete Motive“. Das änderte sich nach 1800. Die entstehenden Nationalstaaten erfanden sozusagen ihre eigenen Landschaften in der Kunst als Bezugspunkt. Aber das war nicht von Dauer.

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Greifswalds großer Sohn Caspar David Friedrich, heute ein Künstler von Weltrang, wurde nach 1830/40 wieder weitgehend vergessen. Erst 1906 wurde sein Werk mit der „Jahrhundertausstellung“ in Berlin wieder populär. Auch der Gründer der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, hat sich stark für die Romantiker engagiert. Er reiste nach Vorpommern, um in Privatbesitz befindliche Werke Friedrichs aufzukaufen. Künstlerkolonien wie Ahrenshoop und Schwaan entstanden im Kaiserreich.

„Wir wollen wissen, wie der Norden zum Bildmotiv wurde“, sagt Heck. „Welche Stereotype prägen überhaupt unser Bild vom Norden?“ 2017 wurde mit Landesgeld die Forschungsgruppe „Romantic Painting in Northern Europe – transcultural connections and receptions“ etabliert, um das herauszufinden. Jana Olschewski befasst sich hier mit Künstlerkolonien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere mit Schwaan. Nico Anklam und Christel Bair erforschen in Zusammenarbeit mit Birte Frenssen die dänische Kunst dieser Zeit. Basis ihrer Arbeit ist die Schwenkung Christoph Müllers an das Pommersche Landesmuseum. Kilian Hecks Thema ist die Geschichte der Forschung zur nordischen Bildwelt. Erste Ergebnisse werden ab 10. Januar 2019 auf der internationalen Fachtagung „Inventing the pictorial North“ im Krupp-Kolleg vorgestellt. Was ist der Norden überhaupt, und für wen ist er wo? „Im 19. Jahrhundert war Russland geographisch im Norden verortet und nicht wie heute im Osten“, verdeutlicht Heck die Wandelbarkeit dessen, was wir unter Norden verstehen. Ist dieser ein Sehnsuchtsziel, der Reines und Unberührtes verkörpert? Steht er gar für das Ziel weltweiter Migrationsbewegungen, wie man heutzutage denken könnte, fragen die Wissenschaftler. Schmilzt er im Klimawandel buchstäblich weg oder verlagert er sich nur weiter Richtung Nordpol? Wenn von Norden die Rede ist, dann zugleich von der nordischen, durch die Eiszeit geprägten Landschaft, die sich fortlaufend verändert. „Sind es heute der bedrohte Eisbär und das schmelzende Eis, die das Bild prägen“, fragt Heck weiter. „Unsere Idee vom Norden kommt aus den Bildern und es kommt immer darauf an, wohin man schaut“, ergänzt Anklam.

Aus der Sicht der Dänen ist Pommern Süden. „Die skandinavische Kunst wurde in der Romantik sehr stark wahrgenommen“, erzählt Heck, der gemeinsam mit Anklam die Tagung leitet. „Mit dem deutsch-dänischen Krieg 1864 endet das allerdings.“ Dank der Müller-Schenkung für Greifswald besteht die Chance, sich eingehender mit der Kunst der Nachbarn, ihrem Bild vom Norden zu befassen. Hygge, soviel wie Gemütlichkeit, so heißt es, ist der Grund dafür, warum die Dänen als eines der glücklichsten Völker gelten. Den Begriff gibt es erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als der Norden, die Heimat, zum Sehnsuchtsort wird. „Dargestellt wird Hygge durch Räume mit schönen Möbeln, Kerzen, dem Kamin, Familienmitgliedern“, beschreibt Heck. Diese allerdings nur auf den ersten Blick „heile Welt“ der Innenräume müsse immer wieder mit der undefinierten Weite des Nordens in Verbindung gebracht werden. Daraus entsteht ein weiteres Spannungsverhältnis.

Greifswald ist nicht nur als Geburtsort Friedrichs und wegen des Landesmuseums ein guter Ort für die Tagung. Es gibt eine lange und widersprüchliche Forschungstradition. „In den 1920er und 1930er Jahren wurde die Forschung zu Friedrich sehr nationalistisch“, beschreibt Heck. Als Gegenmodell zur Renaissance wurde in der Forschung zur Romantik ein Bezug auf spezifische Landschaften und den dort lebenden „Volksstämmen“ entwickelt. Prof. Kurt Wilhelm-Kästner bot diverse Lehrveranstaltungen zu Friedrich in diesem Sinne an. Die Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus gipfelte in der Greifswalder Feier zum 100. Todestag Friedrichs 1940. Dadurch war die Romantikforschung nach 1945 lange diskreditiert. Das war auch noch in den 1960er Jahren so, änderte sich erst nach 1970 auf beiden Seiten der Mauer. In der DDR spielten dabei die Greifswalder Romantikkonferenzen eine wesentliche Rolle, 1974 fand die erste aus Anlass des 200. Geburtstags Friedrichs statt. Die Befreiungskriege galten in der DDR als wichtiger Teil der eigenen Tradition, daran ließ sich anknüpfen. Friedrich und Ernst Moritz Arndt waren freundschaftlich miteinander verbunden. Insgesamt fanden fünf Romantikkonferenzen unter Leitung von Prof. Hannelore Gärtner statt. „Die Beschäftigung mit Friedrich in der NS-Zeit wurde hierbei aber unterschlagen“, stellt Heck fest.

Eckhard Oberdörfer

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