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Greifswald Greifswalder fordern Enteignung von Denkmalhaus
Vorpommern Greifswald Greifswalder fordern Enteignung von Denkmalhaus
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19:55 23.05.2019
Manifestation am Sibylla-Schwarz-Haus aus Anlass des 70. Geburtstages des Grundgesetzes. Monika Multhauf will helfen, den Verfall zu stoppen
Manifestation am Sibylla-Schwarz-Haus aus Anlass des 70. Geburtstages des Grundgesetzes. Monika Multhauf will helfen, den Verfall zu stoppen Quelle: Eckhard Oberdörfer
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Greifswald

„Enteignung jetzt“, fordert Peter Multhauf mit Blick auf den Eigentümer des Denkmalhauses Baderstraße 2. Der kulturinteressierte Greifswalder sprach auf einer Manifestation vor dem Geburtshaus der bedeutenden Barockdichterin Sibylla Schwarz. „Eigentum verpflichtet, Enteignung ist möglich“, zitierte Multhauf aus dem Grundgesetz, das gerade seinen 70. Geburtstag feierte.

Das Sibylla-Schwarz-Haus steht seit über zwei Jahrzehnten leer. Nur dank städtischer Gelder fürs Dach gilt es nicht als akut einsturzgefährdet. Laut Stadt liegen bis heute keine genehmigungsfähigen Planungsunterlagen für die Sanierung des Giebelhauses vor. Es ist ein herausragendes Denkmal und „ist im besonderen Maße stadtbildprägend“ wie der Greifswalder Kunsthistoriker Felix Schönrock einschätzt.

Manifestation am Sibylla-Schwarz-Haus aus Anlass des 70. Geburtstages des Grundgesetzes. Peter Multhauf spricht, daneben Felix Schönrock und Ines Yitnagasgaw von der Altstadtinitiative Quelle: HGW

Seine Forderungen klebte Multhauf an die Hauswand ebenso wie ein derzeit nicht vorhandenes Denkmalzeichen: „Greifswald muss handeln. OB muss endlich aufwachen“, kann man dort nachlesen. Multhauf gestand Oberbürgermeister Stefan Fassbinder Grüne zwar zu, dass er sich bemühe, aber eben nicht genug. „Er ist nicht energisch genug.“

Enteignung war schon beschlossene Sache

Dabei hatte Fassbinder noch als Fraktionsvorsitzender der Grünen vor vier Jahren einen Beschluss zur Enteignung auf den Weg gebracht. Bis auf eines stimmten alle Bürgerschaftsmitglieder zu. Allerdings signalisierte das zuständige Innenministerium, dass es so einem großen Eingriff in das grundgesetzlich geschützte Eigentum wahrscheinlich nicht zustimmen werden. Mit dem von Schwerin empfohlenen Instandsetzungs- und Modernisierungsverfahren ist Greifswald nicht weitergekommen.

Manifestation am Sibylla-Schwarz-Haus aus Anlass des 70. Geburtstages des Grundgesetztes. Quelle: eob

Mit dem OZ-Plakat „Denkmalhaus ,darf’ weiter verfallen“, verwies Monika Multhauf auf den aktuellen Stand. „Der Rechtsprofessor Joachim Lege hat in einem Gutachten gezeigt, dass eine Enteignung aufgrund des Denkmalgesetzes möglich sein kann“, so Peter Multhauf. Sein Wunsch: Zum 400. Geburtstag von Sibylla Schwarz im Februar 2021 präsentieren sich der vordere und der hintere Giebel in frisch restauriertem Glanz. Im Innern haben die Arbeiten zur Rettung des Hauses begonnen. Ein Nutzer steht bereit. Der 2013 gegründete Sibylla-Schwarz-Verein will hier ein Zentrum zur Förderung von Wissenschaft, Kunst und Kultur mit Sibylla-Schwarz-Lesearchiv einrichten. Vereinsmitglied Monika Schneikart verteilte während der Manifestation bereits ein Papier mit den Planungen zum Jubiläumsjahr. Die Greifswalder sind zum Mittun aufgerufen.

„Man könnte eine ganze Stadtführung in diesem Haus machen“, verdeutlichte Felix Schönrock die Bedeutung des Gebäudes. „Es dokumentiert fast die gesamte Stadtgeschichte.“ Schönrock sprach im Namen der Greifswalder Altstadtinitiative, die vor wenigen Tagen die Rubenowmedaille, die höchste Auszeichnung der Stadt, für ihr Wirken in den letzten 30 Jahren erhielt.

Stadt suchte im 18. Jahrhundert erfolgreich Investor

Schon am Ende des 13, Jahrhunderts ließ ein Kaufmann auf dem Grundstück Baderstraße 2 ein Giebelhaus errichten. „Bis ins 19. Jahrhundert haben hier Großhändler gewohnt. Das heutige Gesicht erhielt das Haus vor etwa 600 Jahren“, so Schönrock. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erfolgten 1685/86 gründliche Sicherungsarbeiten.

„Und nach dem Ende des Großen Nordischen Krieges 1720 übernahm die Stadt aus Steuergründen das Haus und bemühte sich um einen Investor“, führte Schönrock aus. „Sie wollte verhindern, dass es abgerissen und durch ein kleines Fachwerkhaus ersetzt wird.“ Die Bemühungen waren erfolgreich. Aus dieser Zeit stammen zum Beispiel Kellerdecke und große Teile der Innenausstattung. Damaligen Vorstellungen von Wohnkomfort entsprechend wurde im zuvor sehr hohen Erdgeschoss eine Zwischendecke eingezogen. Die Ladeneinbauten stammen aus dem 19. Jahrhundert und sind ebenfalls zeittypisch. „Das Haus Baderstraße 2 ist ein Kernstück der Greifswalder Überlieferung“, fasste der Kunsthistoriker zusammen.

Großes Interesse der Politik

Zur Manifestation waren auch vergleichsweise viele kulturinteressierte Greifswalder gekommen, darunter der Schwarz-Biograph Hans-Jürgen Schumacher und Michael Gratz, dessen Werkausgabe zum Wirken der Dichterin 2021 vorgestellt werden soll. Die Anwesenheit einiger Bürgerschaftskandidaten ist wohl ein Zeichen, dass sich das Stadtparlament auch nach der Wahl mit dem Problem auseinandersetzen wird.

Das Sibylla-Schwarz-Haus in der Baderstraße Quelle: HGW

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Eckhard Oberdörfer