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Greifswald Greifswalder fordert: Nahverkehr muss billiger als Parken sein
Vorpommern Greifswald

Greifswalder fordert: Parken muss teurer als Busfahren sein

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09:26 04.02.2020
Der Greifswalder Busbahnhof Quelle: Oberdörfer Eckhard
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Greifswald

Busfahren muss billiger als Parken sein. Die Ticketpreise sollen nicht weiter steigen. Dann nutzen deutlich mehr Bürger auf den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) als heute. Davon ist Jörg Tamm überzeugt.

Der 45-Jährige wohnt in Schönwalde II und fährt viel lieber Bus als Rad, ob nun in die Innenstadt oder zum Bahnhof mit Umstieg auf Bahn und Flixbus. „Augsburg bietet kostenlosen Nahverkehr an, warum kann Greifswald das nicht?“, fragt sich Tamm. „Kostenlos ist sicher nicht nötig, aber preiswert.“ Tamm schlägt einen Euro pro Fahrschein vor. Das sei genauso viel wie ein Park-Tagesticket am Bahnhof kostet.

Bürger: Bus braucht Vorrangspuren

Jetzt sind es 4,20 Euro für die Fahrt hin und zurück. „Ich fordere, dass der Autoverkehr nachrangig gegenüber dem Busverkehr ist“, sagt Tamm. „Es kann nicht sein, dass man am Bahnhof in Spitzenzeiten eine Stunde warten muss, weil der Bus im Stau steht.“

Eine Idee sind Vorrangspuren für Busse. Kritisch sieht Tamm auch fehlende Querverbindungen in der Stadt und die mit 23.30 Uhr viel zu frühe Abfahrtszeit des letzten Busses Richtung Schönwalde. „Es fehlt eine Vision für den ÖPNV“, fasst Tamm zusammen. Das wird in der Stadtpolitik anders gesehen.

Kostenfreiheit in mehreren Stufen

Die links-grüne Mehrheit verweist auf den von der Bürgerschaft gefassten Beschluss zum Klimanotstand mit den darin enthaltenen Maßnahmen zum ÖPNV. „Wir sind für Kostenfreiheit in verschiedenen Stufen“, erläutert Jörn Kasbohm, Fraktionsvorsitzender Linke/Tierschutzpartei. „Das beginnt mit Zielgruppen wie Kinder, Schüler, Studenten, Mieter usw.“

Vermeintliche Randbereiche wie Riems, Friedrichshagen und Eldena müssten als erste profitieren. „Zusätzlich wollen wir die Attraktivität des ÖPNV durch Verbindung mit anderen Mobilitätsmöglichkeiten verbessern“, ergänzt SPD-Fraktionschef Andreas Kerath. Ein Euro pro Ticket könne in der Tat ein Schritt auf dem Weg zur Kostenfreiheit sein.

Der Kreis muss weiter mit im Boot sitzen

„Ohne den Zuschuss der Stadtwerke mit Gewinnen aus anderen Bereichen wäre der ÖPNV in Greifswald schlechter und teurer als jetzt“, betont CDU-Fraktionschef Axel Hochschild. Denn zuständig ist der Kreis, der die Aufgabe für die Stadt an Greifswald übertragen hat. Darum müsse man den auch immer den Kreis mit ins Boot holen, wenn es um mögliche neue Linien gehe, so Thomas Meyer (Fraktionschef Bürgerliste, KfV, FDP).

AfD: Über maßvolle Erhöhung der Subventionen kann man reden

„2018 lag der Verlust des ÖPNV bei 1,5 Millionen Euro, er steigt tendenziell“, berichtet Hochschild. Der Ticketpreis sei nicht alles. „Wir lehnen einen kostenlosen Nahverkehr ab. Er hilft weder dem Klima noch steigert er die Wertschätzung des ÖPNV.“ Die CDU vertraue den Stadtwerken, dass sie weiter Preissteigerungen nur im Rahmen allgemeiner Kostensteigerungen erhöhe.

„Über eine mittelfristige Deckelung der Ticketpreise durch eine maßvolle Erhöhung der Subventionen kann man diskutieren“, meint AfD-Fraktionschef Nikolaus Kramer. Kostenfreiheit lehnt auch er ab. Kramer fände es gut, wenn mit Innenstadthändlern und Unternehmern über eine Mitfinanzierung des ÖPNV geredet würde. Rufbusse auf wenig genutzten Strecken sind für Kramer eine gute Option.

Stadtwerke können kostenlosen Nahverkehr nicht bezahlen

Man müsse die rechtliche Situation im Auge behalten, erinnert Grünen-Verkehrsexperte Jörg König. Allein die geplante neue Linie über den Beitzplatz in Greifswald koste 40 000 Euro im Jahr. Ob die Stadtwerke mit dem Stadtbus dauerhaft Verlust machen dürfen, prüft der Europäische Gerichtshof, so König. „Schon jetzt führen die Stadtwerke fast keinen Gewinn an die Stadt ab“, unterstützt Kasbohm. Sie könnten keinen kostenlosen Nahverkehr finanzieren.

„Der OB und die Verkehrsbetriebe arbeiten auch an Verbesserungen für den ÖPNV“, informiert König. „Wir wollen wissen, was wir wollen und was finanzierbar ist, Mitte 2020 wissen wir mehr. Dann müssen wir einen politischen Konsens suchen.“ Einen Konsens anzustreben und keine drastischen Maßnahmen zu ergreifen, das ist auch Nikolaus Kramer sehr wichtig.

Eine Citymaut wird einhellig abgelehnt

„Busfahrscheine sollten billiger als Parktickets sein“, unterstützt Jörn Kasbohm eine Forderung Tamms. Deshalb müsse ja der Nahverkehr preiswerter werden, sagt Andreas Kerath. Auf keinen Fall dürfe das Parken teurer werden, betont Axel Hochschild. Viele Greifswalder, die Wirtschaft und Touristen benötigten Pkw. Eine Citymaut lehnen alle Parteien aus unterschiedlichen Erwägungen ab.

Weitgehend Einigkeit besteht bei der Forderung der schnellen Fertigstellung des Parkhauses Nexöplatz, um den Anwohner zu helfen und Parksuchverkehr zu vermeiden. Denn erst dann können die letzten Parkscheinautomaten in der Innenstadt abgebaut werden.

Busspuren?

Eine Planungzur Möglichkeit der Einrichtung von Busspuren halten SPD und Linke mit Mitteln des Bundesprogramms Mobilität 2025 für denkbar. Chancen sehen die Grünen zum Beispiel in der Loitzer Landstraße.

Thomas Meyer(Bürgerliste, KfV, FDP) hält solche Spuren wegen der Greifswalder Straßenverhältnisse für unrealistisch, das sieht auch die AfD so, obwohl Fraktionschef Nikolaus Kramer die Idee toll findet.

Die CDU sieht keine geeigneten Straßen. In der Bahnhofstraße sollte die Optimierung der Ampelschaltungen geprüft werden. Der Verkehr fließe am besten ohne weitere Gängelungen wie Tempolimits.

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