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Greifswald Zweiter Weltkrieg: Greifswalder Kirchenkunst in Gutshäusern
Vorpommern Greifswald Zweiter Weltkrieg: Greifswalder Kirchenkunst in Gutshäusern
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17:07 03.12.2019
Ein Engel kriegt Dresche – Engel der Stellwagen-Orgel von St. Marien, Stralsund Quelle: Repro Rainer Neumann
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Greifswald/Stralsund

Kaum vorzustellen: Die Greifswalder St. Nikolai-Kirche ohne alle Gemälde oder die Stralsunder Kirche St. Marien ohne barocke Orgel. Aber so sah es ab 1942/43 aus, denn die Bombenangriffe auf die Innenstädte von Lübeck, Ende März 1942 und einen Monat später auf Rostock, hatten erhebliche Kulturgutverluste zur Folge. Daraufhin gab Hitler den Auftrag, Kunst und Kulturgut aus den Innenstädten zu evakuieren; dies betraf Archive, Kirchen, Museen und Bibliotheken. Die Bestände sollten in Schlösser und Dorfkirchen auf dem Land gebracht oder anderweitig gesichert werden.

Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass man den Greifswalder Rathauskeller als einen Ort der Sicherung vor Bombenschäden bestimmte. Hier wurde städtisches Archivgut gelagert und aus den Greifswalder Gemeinden und einigen Nachbardörfern, etwa Neuenkirchen, Weitenhagen und Groß Kiesow, vor allem Kirchenregister mit Taufen, Trauungen und Beerdigungen konzentriert. Diese waren aus Gründen der NS-Rassenlehre von großer Bedeutung. Allein aus St. Nikolai in Greifswald wurden 52 großformatige Bände dorthin verbracht.

Für die Greifswalder Gemeinde St. Jacobi bedeutete die Auslagerung die Rettung der Bestände, denn das Pfarrhaus wurde durch die Sowjets zum zweiten Mal am 2. August 1945 besetzt, da im Westend das „sowjetische Quartier“ eingerichtet wurde. Jacobipastor Johannes Wenzlaff meldete an das Konsistorium: „Sämtliche Büroakten, auch Kirchenbücher, sind im Keller durcheinandergeworfen u. scheinbar z.T. im Ofen verheizt“. Man mag sich nicht ausdenken, was bei einer Bombardierung des Rathauses an unersetzlichen Schäden in dieser Hinsicht entstanden wären.

Tiburtius Rango im Greifswalder Dom St. Nikolai Quelle: Rainer Neumann

Ein unerwarteter Konflikt begann ab Anfang 1944, als die großen Flüchtlingsströme aus dem Osten nach Pommern kamen. Der Kreis Grimmen, der 1939 gut 42 000 Einwohner hatte, nahm 100 000 Flüchtlinge auf. Wohin mit den vielen Menschen, war die Frage. Da kamen die von Gutsbesitzerfamilien bewohnten großen Herrenhäuser und Schlösser gerade recht. Nur: dort war, wie in Quitzin, Niederhof, Falkenhagen oder auf Keffenbrinck, Kunst- und Kulturgut aus den Städten untergebracht. In Keffenbrink lagerten Stralsunder Museumsstücke, Archivbestände, alte Urkunden oder auch die Stralsunder St.-Nikolai-Kirchenbibliothek. Vor allem aber große Teile der zwischen 1653 bis 1659 erbauten Stellwagen-Orgel von St. Marien, Stralsund, die vor dem Ausbau 1943 penibel mit Zeichnungen, Tabellen und Fotos dokumentiert wurde.

Der Stettiner Provinzialkonservator Paul Viering beschrieb den unerwarteten Konflikt: „Dass obdachlose Menschen, die in Notzeiten Haus und Hof verlassen müssen, in der Unterbringung den Vorrang vor dem Kunstgut haben, ist wohl selbstverständlich; es ist aber unmöglich, bei den Werten, die in den Gegenständen liegen, jeden beliebigen Raum, etwa Kornböden oder dergl. zur Unterbringung zu verwenden.“

Es gab nun verschiedene Lösungsmöglichkeiten: die Umlagerung in Kirchen, wie etwa Demmin und Grimmen, oder auch, wie im Falle Greifswalder Bilder in Quitzin, in die Scheune des Bauern Jürgen in Müggenwalde oder in einen feuchten Nebenraum der Kirche Rolofshagen – beides fand statt. Aber auch Plünderung, Verheizen oder Vandalismus geschah in großem Ausmaß.

Der krönende Engel der Stralsunder Orgel St. Marien wird ins Schloß Keffenbrink getragen. Quelle: Repro Rainer Neumann

Über das Schicksal der barocken Stralsunder Marienorgel schrieb der Organist Prost: „In den Wirren der letzten Kriegstage und während der Wochen und Monate des Jahres 1945, in denen es nur zu oft an wachender Ordnung und verantwortungsbewußter Wertschätzung fremden Gutes mangeln mußte, wurde das ausgelagerte Orgelwerk beraubt, demontiert und entehrt. Es war niemand am Ort, der hätte autoritativ einschreiten können, wenn Kinder auf entwendeten Orgelpfeifen hin und her im Dorf bliesen – es gab niemand, der den Erwachsenen wirksam wehren konnte, wenn Sie die Holzschnitzereien verheizten –, es hinderte niemand mit Erfolg, daß das Edelmetall für den ‚Schwarzmarkt‘ gestohlen wurde.“

Die couragierte Stralsunder Museumsmitarbeiterin Käthe Rieck hat in mehreren Fahrten Kunstgut zurückgeführt, so am 18. August 1945 mit fünf Pferdefuhrwerken Teile der Marienorgel. Die sowjetische Besatzungsmacht stellte fünf Pferdefuhrwerke mit Soldaten. Auf der Fahrt schliefen diese teilweise und Rieck übernahm die Zügel. Dank ihrer frühen Initiative wurde vieles an Auslagerungsgut gerettet – Hochachtung! Insgesamt aber waren die Verluste, wie für die Greifswalder Universitätsbibliothek dem Archäologischen Institut oder beim Stralsunder Museum, so gravierend, dass man dort sogar einen Stempel anfertigen ließ, um den Verlust in den Findbüchern zu kennzeichnen.

Von Rainer Neumann

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