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Greifswald Greifswalderin zeigt: Ein Leben ohne Plastik ist möglich
Vorpommern Greifswald Greifswalderin zeigt: Ein Leben ohne Plastik ist möglich
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10:23 11.10.2019
Maiken Albert gehört der „Zero-Waste“-Bewegung an und führt in ihrer Einzimmerwohnung ein minimalistisches Leben. Quelle: Christin Lachmann
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Greifswald

Noch gibt es sie vereinzelnd: „Altlasten“ aus der Vergangenheit von Maiken Albert, die in Plastik verpackt sind. Etwas Schminke, ein paar Putzmittel. „Die Parkettbodenpflege werde ich wahrscheinlich noch in zehn Jahren besitzen. Dabei habe ich nicht mal Parkett“, sagt die 24-Jährige und lacht. Aufbrauchen statt wegwerfen: Nur ein Grundsatz im Alltag der Greifswalder Kunst- und Germanistikstudentin, die sich derzeit auf ihr Staatsexamen vorbereitet.

Seit anderthalb Jahren praktiziert sie einen „Zero-Waste“-Lebensstil. Der Begriff „Zero-Waste“ ist englisch und hat eine zweideutige Übersetzung. So heißt es nicht nur „Null Abfall“, sondern auch „Null Verschwendung.“ Ziel ist es, ein Leben zu führen, bei dem möglichst wenig Ressourcen verschwendet und möglichst wenig Abfall produziert wird. „Das Thema Natur und Umwelt war mir immer sehr wichtig. Ich war in der Schule zum Beispiel das nervige Kind, das Unterschriften gegen den Walfang gesammelt hat.“

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Eine Schildkröte, die einen Plastikstrohhalm im Mund hat: In ihrer Kunst spiegelt Maiken Albert die Tatsache wider, dass viele Tiere am menschengemachten Müll in den Meeren verenden. Quelle: Christin Lachmann

Ein Leben ohne Plastikverpackungen

Der Gedanke, dass auch der Konsument etwas für den Klimaschutz tun kann, sagt Albert, sei ihr erst später gekommen. Durch die Video-Plattform Youtube, auf der die schwerwiegenden Folgen des Plastikverbrauchs in zahlreichen Clips zu sehen sind, entschied sich Albert, ihr Leben zu ändern.

Ihre Einzimmerwohnung ist auf einen minimalistischen und müllfreien Alltag ausgelegt. In der Dusche hängen verschiedene Seifenstücke als Duschgel- und Shampoo-Ersatz. In den Schubladen liegen Baumwollnetze für die täglichen Einkäufe. Im Küchenschrank stehen Glasbehälter für Lebensmittel ordentlich sortiert nebeneinander. Einige Aufbewahrungsbehälter sind leer. Diese nutzt Albert als Ersatz für Tupperware.

„Ich weiß noch, wie ich mir einmal einen Döner geholt habe. Der Verkäufer konnte gar nicht glauben, dass ich meinen Döner und meine Pommes darin zum Mitnehmen haben wollte“, erzählt sie. Ganz auf Fleisch verzichten, hat sie bisher noch nicht geschafft. Das steht noch auf ihrer To-do-Liste. Dass es manchmal zu irritierenden Situationen und Blicken kommen kann, wenn sie mit ihren eigenen Behältern an der Theke steht, nimmt Albert mit Humor.

Wenige Ausnahmen

Auch Familie und Freunde haben sich an ihren Lebensstil gewöhnt und ziehen teilweise sogar mit. „Die Freude, wenn jemand eine Holzzahnbürste benutzt, ist dann sehr groß. Meine Eltern verwenden mittlerweile auch Baumwollsäcke oder kaufen Wasser in Glasflaschen.“

In Greifswald, sagt sie, ist ein Leben ohne Plastik möglich. Zwar bekommt sie hier nicht für alle plastikfreien Alternativen, dennoch erlebt sie Veränderungen im Handel. „Eine Drogerie-Kette bietet mittlerweile vier verschiedene Holz-Zahnbürsten und Creme in Gläsern an. Auch Natron, das ich als Grundlage für selbsthergestellte Produkte brauchte, gibt es heute überall zu kaufen.“

Gibt es etwas nicht ohne Plastik, lässt Albert es im Supermarkt. „Manchmal sind Trauben im Discounter nicht eingepackt. Dann kaufe ich sie. Wenn sie nächste Woche in Plastik verpackt sind, kaufe ich sie eben nicht.“ Als Verzicht sieht sie das allerdings nicht. Doch es gibt sie, die Ausnahmen, über „die ich mit mir selbst verhandeln muss“. So zum Beispiel einige Utensilien für ihre Malerei oder Toilettenpapier. „Ich nehme immer das recycelte, das eine Plastikverpackung hat. Da muss ich abschätzen, ob ich das nehme oder Toilettenpapier im Karton, dass ich online bestellen und mir liefern lassen muss.“

Fotokunst von Müll, den Maiken Albert bei einer Aufräumaktion mit ihren Freunden kurz nach Silvester am Strand auf Usedom gefunden hat. Quelle: Christin Lachmann

Alternativen statt Verbote

Ein komplettes Verbot für Plastik hält Albert für keine gute Lösung. Viel wichtiger wäre, genügend Alternativen zu schaffen und über ein Leben ohne Plastikmüll aufzuklären. „Es gibt viele Start-ups, die sich mit plastikfreien Produkten beschäftigen. Diese sollten gefördert werden.“ Unverpacktläden sind in vielen deutschen Großstädten eine Alternative zum Supermarkt geworden. „In Greifswald könnte ich mir das gut vorstellen. Wir sind eine Studentenstadt und gerade bei jungen Leuten und Schülern merke ich, dass das Thema Klima- und Umweltschutz wichtig ist. Auch 80-Jährige würden sich darüber freuen. Schließlich war ein Tante-Emma-Laden damals ganz normal.“

Im Februar entscheidet sich, ob Maiken Albert ihr Referendariat in der Hansestadt absolvieren kann, „was ich mir sehr wünschen würde“. Doch egal, wo es die junge Frau hin verschlägt: Ihren „Zero-Waste“-Lebensstil wird sie überall weiterführen.

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Von Christin Lachmann