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Greifswald Greifswalds perfekte Seilschaft
Vorpommern Greifswald Greifswalds perfekte Seilschaft
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06:32 16.07.2018
Lars Jantzen aus Kemnitz ist neuer Vizemeister beim Ryckhangeln der Männer. Seine Tochter Sarah sicherte sich den Gesamtsieg.
Lars Jantzen aus Kemnitz ist neuer Vizemeister beim Ryckhangeln der Männer. Seine Tochter Sarah sicherte sich den Gesamtsieg. Quelle: PeterBinder
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Greifswald

Greifswald. Ryckhangeln kann ja so ästhetisch aussehen. Zug um Zug schwang sich die erst 13-jährige Sarah Jantzen aus Kemnitz am Seil entlang, brauchte für die 42,5 Meter lange Strecke zwischen den Ryck-Ufern gerade einmal eine Minute und eine Sekunde. Damit war die Schülerin beim Wettbewerb am Sonnabend schneller als alle anderen Teilnehmer im Feld und sicherte sich mit großem Vorsprung den Gesamtsieg. Jetzt darf sie sich ganz offiziell „Weltmeisterin im Ryckhangeln“ nennen. „Es war anstrengend“, sagte sie nach dem Wettkampf. „Aber ich habe mich nur auf die Technik konzentriert und alles andere ausgeblendet. Ich freue mich riesig, dass ich unter meiner Zielzeit von zwei Minuten geblieben bin.“

Die Technik hat sie gemeinsam mit ihrem Vater Lars entwickelt. „In unserem Garten haben wir vor einigen Wochen ein acht Meter langes Seil gespannt, an dem haben wir trainiert“, sagt der Tontechniker, der Zweiter bei den Männern wurde. Seine Frau habe nur mit dem Kopf geschüttelt, doch die unübliche Gartenausstattung habe sich gelohnt. „Wir haben geschaut, wie man die Hosen am besten mit Tape umwickelt damit die Haut nicht aufreibt und welche Handschuhe am geeignetsten sind“, so Lars Jantzen. Die enorme Motivation der beiden Kemnitzer liegt im Fischerfest 2013 begründet. Ein erster Versuch von Vater und Tochter, den Ryck hangelnd zu bezwingen, endete damals im Wasser. „Ich bin ehrgeizig“, lacht Lars Jantzen, der neben Surfen und Kiten unter anderem auch Judo beherrscht. „Niederlagen spornen mich an.“ Im Jahr 2014 haben es die beiden dann beim Fischerfest über den Ryck geschafft. Jetzt war es an der Zeit noch einen draufzusetzen.

Doch nicht alle kamen so gut über den Ryck wie die Jantzens. „Es sieht leichter aus, als es ist“, warnte Moderator Reinhard Bartl alle Teilnehmer, die unbedarft ins Rennen gingen. „Und wenn ihr euch fallen lasst, dann bitte nicht mit dem Kopf zuerst.“ Und so machte manch muskelbepackter Sportler unfreiwillig Bekanntschaft mit dem Wasser, freundliche Helfer des DLRG stellten sicher, dass die Teilnehmer gesund und munter wieder ans Ufer kamen. Ein Kandidat aus Demmin kämpfte sich qualvolle 7:45 Minuten in wechselnden Techniken und mit zahlreichen Pausen am Seil entlang, bevor er dank großartiger Motivation Reinhard Bartls das nördliche Ufer erreichte. Hände und Unterarme knallrot und aufgerieben, die Muskeln hart wie Beton.

„Den Kopf zurücknehmen und schauen, wann das Ende endlich naht, ist fatal“, meint Reinhard Bartl. „Man muss durchhalten und sollte am besten die Pendeltechnik verwenden.“ Hierbei hängt man unter dem Seil und schwingt Arme und Beine möglichst rhythmisch über das Seil, so dass eine kontinuierliche Vorwärtsbewegung entsteht. Zwei Männer versuchten sich auch in der Schubtechnik, die bei der Armee lange Zeit Ausbildungsstandard war. Hier liegt der Mensch auf dem Seil und zieht sich mit den Armen voran. Ein Bein gibt zusätzlichen Schub, das zweite Bein dient dem Auspendeln – der Schwerpunkt muss unterhalb des Seiles liegen. Welchen zusätzlichen Schwierigkeitsgrad diese Technik für einen Teilnehmer bekommt, wenn der Moderator parallel über mögliche Scheuerstellen spekuliert, konnte sich das Publikum lebhaft vorstellen. Applaus gab es dann auch für alle Teilnehmer, ob gewassert oder nicht.

Vorjahressiegerin Eve Stenson aus Amerika konnte nicht ganz an ihre Leistung von 2017 anknüpfen, belegte nach einigen Pausen aber einen guten zweiten Platz bei den Damen und erntete als treue Teilnehmerin einen Extra-Applaus.Besonders viele Anfeuerungsrufe bekam der zehnjährige Tim Schneider, der als jüngster Teilnehmer ins Rennen ging. Der Junge aus Limburgerhof (Rheinland-Pfalz) schaffte es über die Strecke, obwohl er das Ryckhangeln bislang nur vom Zuschauen kannte. „Zwischendurch war es hart, aber ich wollte es einfach unbedingt schaffen“, sagte der Junge. Seine Oma Angelika Brückner schloss ihn nach dem Ziel in die Arme. „Dass er sich das getraut hat, vor all den Leuten!“, sagte sie voller Stolz. „Großartig!“

Anne Ziebarth