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Greifswald „Ich will ihnen ja auch etwas bieten“
Vorpommern Greifswald „Ich will ihnen ja auch etwas bieten“
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06:01 09.03.2019
In der Kleiderkammer arbeiten Eva, Rosi und Ute ehrenamtlich (v.l.). Ibrahim Al Najjar, Integrationsbeauftragter des Landes, ist froh über diese Hilfe. Quelle: Kai Lachmann
Greifswald

Knapp 40 Euro im Monat für Freizeit, etwa 150 Euro im Monat für Nahrungsmittel und gerade mal ein Euro für Bildung: Das sind drei der elf Posten, aus denen sich der Hartz-4-Regelsatz zusammensetzt. Zieht man alle zusammen, kommt man aktuell auf 424 Euro – die Grundsicherung für eine alleinstehende Person ohne Kinder.

Diese Berechnung beruht auf der sogenannten Statistikmethode. Auf den Cent genau wurde kalkuliert, wie viel Geld im Monat für Nahrung (ohne alkoholische Getränke), Dienstleistungen oder (öffentliche) Verkehrsmittel notwendig sind. Auch für Kleidung gibt es einen errechneten Betrag: aktuell circa 37 Euro im Monat. Dass diese Berechnung knapp kalkuliert ist, zeigt sich in Greifswald. In der Hansestadt gibt es verschiedene soziale Einrichtungen, in denen gebrauchte Kleidung gegen einen kleinen Obolus erworben werden kann. Ob vom Deutschen Roten Kreuz oder in den Sozialkaufhäusern.

„Zuhause rumsitzen kommt für mich nicht infrage“

Vor knapp drei Jahren kam eine weitere Einrichtung hinzu. Fast täglich können in der Kleiderkammer des Vereins Integ in der Spiegelsdorfer Wende Kleidung, Schuhe, Spielsachen oder Bettwäsche erworben werden. Drei Mitarbeiterinnen kümmern sich ehrenamtlich um die gespendeten Sachen, sortieren sie, schauen nach Gebrauchsspuren. Sie alle sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Ute lebt von einer Erwerbsunfähigkeitsrente, Rosie und Eva* bekommen Hartz 4.

„Zuhause rumsitzen kommt für mich nicht infrage. Das wäre mir viel zu langweilig“, erklärt Eva, warum sie in der Kleiderkammer tätig ist. Seit 1996 ist sie auf staatliche Hilfe angewiesen, konnte keinen festen Job in ihrem gelernten Beruf als Köchin finden: „Ich habe aber immer nebenbei gearbeitet.“ Ob als Beiköchin auf Minijobbasis oder als Verkäuferin auf dem Marktplatz.

Im Rentenalter wird sich nicht viel ändern

In wenigen Monaten wird Eva in Rente gehen. Wie viel Geld ihr dann genau zusteht, weiß sie noch nicht. Eines stehe allerdings schon fest: Die Greifswalderin wird aufstocken müssen. Ihre neuen Ansprechpartner sitzen dann in der Wohngeldstelle oder im Sozialamt: „Im Prinzip wird es dann ähnlich wie beim Jobcenter sein.“ Anträge stellen, alles offen legen, am Existenzminimum leben.

Das System Hartz 4 ist weder schwarz noch weiß. Hinter jedem Jobcenter-„Kunden“, wie Leistungsempfänger im Behörden-Fachjargon genannt werden, steckt eine andere Geschichte. Nicht selten spielen Schicksalsschläge eine bestimmende Rolle. So auch bei Rosi, Mutter von fünf Kindern. Ihr jüngster Sohn erkrankte an einer Lungenentzündung, hatte lange Zeit gesundheitliche Probleme. „Ich bin dann von Halle-Neustadt nach Greifswald gezogen, weil ein Teil meiner Familie hier lebt.“ Rosi und ihre Familie hatten Glück: Zum Schulanfang im Jahr 2000 verbesserte sich der Gesundheitszustand ihres Sohnes.

Junge Paragrafenreiter im Jobcenter

Aber auch Rosi konnte nur schwer zurück ins Arbeitsleben finden. Gelernt hat sie Wirtschaftspflegerin. Vor etwa zehn Jahren erkrankte sie an Diabetes, ist auf Tabletten und Insulin angewiesen. „Damit ist es für mich sehr schwer, eine Arbeit zu finden.“ Seit nun mehr zwei Jahrzehnten lebt Rosi am finanziellen Minimum. Große Sprünge sind nicht drin. Denkt sie an ihre Enkelkinder, scheint ihr Herz ein wenig schwer zu werden. „Ich will ihnen ja auch etwas bieten. Nur auf den Spielplatz gehen, geht auch nicht immer. Viele Freizeitangebote kosten eben Geld.“

Kleiderkammern Greifswald

Die Kleiderkammer des Vereins Integ benötigt momentan neben Kleidung und Bettwäsche auch Haushaltsgeräte, etwa Toaster oder Wasserkocher, Spielzeuge und Kinderwagen. Geöffnet hat sie täglich von 10 bis 12 Uhr, am Dienstag von 9 bis 11 Uhr. Adresse: Spiegelsdorfer Wende, Haus 3 (1. Etage), 03834 / 23 11 781. Zwei Häuser weiter befindet sich auch die Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes, die dienstags von 9 bis 13 Uhr, mittwochs und donnerstags von 9 bis 12 Uhr geöffnet hat. Adresse: Spiegelsdorfer Wende, Haus 5, 03834 / 82 28 39.

Rosi und Ute sehen Hartz 4 gespalten. Einmal, erzählt Eva, habe sie nach einem Termin beim Jobcenter geweint. Warum der Besuch eskalierte, erzählt sie nicht. Nur soviel: „Ich habe das Gefühl, dass gerade die jungen Mitarbeiter des Jobcenters Paragrafenreiter sind.“ Nur wenige würden einen Spielraum bei Entscheidungen zulassen. Rosis Regelbedarf hingegen wurde vor einigen Jahren falsch berechnet. Sie bekam zu wenig und zog vor Gericht – und gewann den Prozess.

Nicht jeder sei so mutig und wehre sich gegen falsche Bescheide, wie Rosi es getan hat, sagt Ibrahim Al Najjar, Vereinsvorsitzender von Integ. Er ist dankbar für die Tätigkeit der drei Frauen. „Sie sind großartig. Sie helfen, wo sie können und geben sehr viel.“

*Name auf Wunsch geändert

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