Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Er brach mir die Nase. Dann tat es ihm leid
Vorpommern Greifswald Er brach mir die Nase. Dann tat es ihm leid
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:45 14.12.2018
Viele Gewalttaten gegen Frauen werden nicht angezeigt. Quelle: dpa
Anzeige
Greifswald

Probleme hätte es eigentlich immer schon gegeben in ihrer 15-jährigen Ehe, erinnert sich die 35-jährige Maria (Name geändert) heute. „Aber ich war so jung“, sagt sie. „Ich dachte, das wird schon. Er wird sich ändern.“ Gar nichts habe sich geändert, sagt sie heute mit einem bitteren Lachen. Bereits in den ersten Jahren sei es zur Gewalt gekommen. „Wenn er nachts meinte, mit mir etwas diskutieren zu müssen, hat er mich getreten“, sagt sie und fährt sich über die Nase. „Einmal hat er mir die Nase gebrochen. Das tat ihm dann aber wieder leid, glaube ich. Auf jeden Fall hat er sie mir direkt danach wieder eingerenkt.“ Zum Arzt sei sie nicht gegangen. „Damit kann man weiterleben. Nur einmal, als ich Angst hatte, zu erblinden, bin ich zum Arzt gegangen, habe aber nicht gesagt, woher die Verletzung kommt.“ Wie bei vielen der Frauen im Frauenhaus steckt bei Maria die Angst tief, die gemeinsamen Kinder zu verlieren. „Er tat immer so, als ob er über dem Gesetz stehe. Und ich wollte das gemeinsame Familienleben auch nicht zerstören.“ Auch jetzt, wo Maria bereits länger in einer eigenen Wohnung lebt, möchte sie nicht sagen, woher sie stammt oder wie viele Kinder sie hat. „Kein Risiko“, sagt sie.

"Liebe macht blind", meint Maria

Versuche, sich von dem Mann zu trennen, gab es viele. Nach Gewalt folgte regelmäßig die Entschuldigung, das Versprechen alles besser zu machen. Es hätte Gelegenheiten gegeben, das Haus zu verlassen, sagt sie heute. „Aber Liebe macht nicht nur blind sondern auch blöd.“ Dazu sei gekommen, „dass er eine schwere Kindheit hatte und selbst Gewalt erfahren hat. Ich dachte ich könne ihm zeigen, wie es richtig geht.“ Zwischendurch sah es sogar danach aus, als könnten sie sich friedlich trennen. „Wir waren sogar so weit, dass er freiwillig ausziehen wollte. Aber dann kam Ausrede um Ausrede. Und am Ende ist er doch geblieben.“

Maria habe versucht, den Kindern ein Maximum an normaler Kindheit zu ermöglichen. „Ballettunterricht, Sport“, zählt sie auf. „Halloween-Partys zu Hause. Ich wollte das es ihnen gut geht. Wenn er aggressiv wurde, habe ich die Kinder sofort rausgeschickt. Sehen konnten sie nichts. Aber gehört haben sie bestimmt einiges. Später habe ich erfahren, dass er wohl auch die Kinder geschlagen hat, wenn ich nicht da war.“ Als Maria dann aber endgültig entschied, sich von ihrem Mann zu trennen, rastete er aus. Er drohte, Maria und ihrer Mutter den Kopf abzuschneiden. „Ich wusste, wozu er fähig ist“, sagt sie. „Und ich wusste, er meint das ernst.“Am nächsten Tag informierte sie sich in ihrem Heimatort über die Möglichkeiten, ins Frauenhaus zu gehen. „Ich wusste, dort in der Gegend würde er mich finden“, sagt sie. „Also bat ich darum, möglichst weit weg unterzukommen.“

Auch für die Kinder war es schwer

Mit dem Zug trat sie die weite Reise nach Vorpommern an, während ihr Mann zur Arbeit fuhr. „Die Schulranzen der Kinder hatte ich vorher vollgepackt, eine Tasche war bei meiner Mutter versteckt.“ Die Kinder hätten die Reise erstaunlich gut weggesteckt. „Für die war das alles sehr aufregend. Eine Reise, ein neues Haus, andere Kinder“, zählt Maria auf. „Sie haben in Greifswald auch schnell Freunde gefunden.“ Doch der bürokratische Aufwand sei nicht zu unterschätzen, berichtet sie. „Der Aufenthalt im Frauenhaus kostet ja auch Geld. Das bezahlt das Amt hier“, so Maria. „Aber die restliche Miete im Herkunftsort ist ja auch noch zu bezahlen. Das war ein ewiges Hickhack und hat mich sehr belastet.“

Problematisch sei der „Faktor Frauenhaus“ aber auch für die Kinder. „Kein Kind erzählt in der Schule: ,Hurra, wir wohnen im Frauenhaus’“, sagt Maria. „Und mit Besuch empfangen ist das ja auch so eine Sache. Wir haben dann Kindergeburtstage im Tobeland gefeiert, aber es ist nicht das gleiche.“ Jetzt sei die Familie glücklich in der Wohnung – abgesehen vom nagenden Heimweh. „Ich würde gerne zurück in meine Heimat, auch wenn ich hier Freunde gefunden habe“, sagt Maria. „Aber mein Ex wohnt dort immer noch. Und ich möchte nicht unbedingt, dass die Kinder ihm dort begegnen.“

Theoretisch dürfte der Vater sie sogar sehen, Maria hat nicht das alleinige Sorgerecht. „Bei der Gerichtsverhandlung konnte er ein Anti-Aggressions-Training nachweisen. Und er hat eine Vollmacht ausgestellt, die mir die komplette Verfügungsgewalt über die Kinder gibt. Das hat die Richterin wohl überzeugt, das Sorgerecht bei beiden zu lassen.“ Maria überlässt die Entscheidung ihren Kindern. „Und die wollen nicht“, sagt sie. „Offensichtlich haben sie genügend Erfahrungen mit ihrem Vater gesammelt.“

Hier können Sie helfen:

Wir von der OSTSEE-ZEITUNG sammeln in unserer Weinachtsaktion „Helfen bringt Freude“ für das Frauenhaus Greifswald. Gerne können die Spenden bei uns in der Redaktion (Johann-Sebastian-Bach Straße 32 in Greifswald) vorbeigebracht werden, eine Überweisung ist natürlich auch möglich. Gerne stellt der Verein „Frauen helfen Frauen“ Spendenbescheinigungen aus (kontakt@frauenhausgreifswald. de).

Hier die Kontodaten bei der Sparkasse Vorpommern

Zahlungsempfänger: Frauen helfen Frauen e.V.

IBAN: DE88 1505 0500 0000 0515 51

BIC: NOLADE21GRW

Kennwort "Helfen bringt Freude"

Anne Ziebarth