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Greifswald Hilfe nach sexualisierter Gewalt
Vorpommern Greifswald Hilfe nach sexualisierter Gewalt
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13:42 25.06.2019
Silke Schnabel und Regine Krüger-Finke von der Caritas-Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt in Greifswald. Quelle: HGW
Greifswald

Ein Kind im Vorschulalter steckt einem Spielgefährten einen Stift in den Po oder überredet es, seinen Penis in den Mund zu nehmen. Doktorspiel oder schon sexueller Übergriff? Immer häufiger werden Silke Schnabel und Regine Krüger-Finke von der Greifswalder Caritas-Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt mit diesen oder ähnlichen Fragen konfrontiert. „Die Zahl der Fälle steigt, nimmt mittlerweile ein Drittel unserer Arbeit in Anspruch. Erst heute Vormittag hatte ich allein drei Anrufe, in denen es um sexuell übergriffige Kinder ging“, sagt Krüger-Finke.

Seit vier Jahren beraten die beiden Sozialpädagogen Opfer sexualisierter Gewalt: Frauen, Männer, junge Mädchen und Jungen – aber auch deren Angehörige, wie Eltern und Großeltern. Erzieher in Kitas, Lehrer und Fachkräfte verschiedener Träger suchen vermehrt den Rat der beiden Frauen, werden von ihnen gecoacht oder weiter vermittelt. 2017 hatten sie 64 ganz verschiedene Fälle auf ihrem Tisch. Im vorigen Jahr waren es schon 90. „Und jetzt sind wir im Juni bereits bei 75“, sagt Krüger-Finke nach einem Blick in die Akten und fügt hinzu: „Wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun: Je stärker wir die Strukturen ausbauen und Angebote unterbreiten, desto mehr Menschen melden sich bei uns.“

Im Klartext: Dank einer Bundesförderung konnte die Caritas-Beratungsstelle ihre Kapazitäten erweitern. „Wir haben uns im November erfolgreich für das Modellprojekt ,Wir vor Ort gegen sexuelle Gewalt’ beworben und gehören seit Januar zu den drei auserwählten Fachberatungsstellen in ganz Deutschland“, sagt Silke Schnabel. Anliegen des Bundesfamilienministeriums sei es gewesen, mit dem Modellprojekt Regionen zu fördern, die hinsichtlich einer Beratung gegen sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend als unterversorgt gelten. Die Caritas-Beratungsstelle in Greifswald ist die einzige ihrer Art im gesamten Landkreis. „Mit dem zusätzlichen Geld war es uns nun möglich, Anfang des Jahres eine Außenstelle in Pasewalk aufzubauen. Damit müssen Betroffene im südlichen Zipfel des Kreises nicht mehr die weiten Wege nach Greifswald auf sich nehmen“, sagt Silke Schnabel. Mit ihrer Kollegin wechselte sie sich zunächst mit den Beratungen vor Ort ab. Nach langem Suchen sei aber jetzt endlich auch eine Fachkraft gefunden, die ihr kleines Team verstärkt und am 1. Juli dort in Vollzeit startet. Ein weiterer Vorteil der Bundesförderung: „Mussten wir uns beide vorher eine Stelle teilen, stehen uns nun wesentlich mehr Stunden zur Verfügung“, sagt die 35-Jährige.

Und die sind angesichts der steigenden Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung auch dringend erforderlich: 2017 registrierte die Polizei in Vorpommern-Greifswald noch 179 Fälle, 2018 waren es bereits 212. Parallel dazu steigen die Anfragen bei der Caritas. „Seit zwei Jahren etwa erhalten wir verstärkt Anrufe von Kitas und Grundschulen zu sexuellen Übergriffen von Kindern“, so Schnabel. Die Unsicherheit bei diesem Thema sei sehr groß. Innerhalb eines Doktorspiels könne es vorkommen, dass ein Kind einem anderen einen Stift in den Po steckt. Oder etwas verlangt, was Unterwerfung erzeugt. „Da muss man pädagogisch intervenieren, denn es ist ein sexueller Übergriff“, sagt sie. „Zudem gibt es in Kitas und Schulen zunehmend die Sorge, dass die Institution bei Bekanntwerden eines solchen Falles im schlechten Licht dasteht“, sagt Silke Schnabel. Doch Fakt sei: „Wir beraten anonym, bieten Elternabende in den Einrichtungen an, sind aber natürlich auch zu persönlichen Gesprächen mit betroffenen Kindern bereit“, verdeutlicht die Sozialpädagogin. Hingegen falle die Arbeit mit übergriffigen Kindern nicht ihren Aufgabenbereich.

Eine andere Klientel seien junge Mädchen im Alter von 13 bis 16 Jahren, die sexuelle Übergriffe in der digitalen Welt erlebten. „Oft ist es die erste große Liebe. Das Mädchen wird gebeten, ein Ganzkörper-Nacktfoto zu senden, das dann plötzlich überall auftaucht“, schildert Regine Krüger-Finke einen nicht seltenen Fall. „Das ist dann genau so schmerzhaft wie eine Vergewaltigung, auch wenn das Foto wenig später aus dem Netz entfernt wird“, sagt die 53-Jährige. Fatal sei es dann, wenn Eltern der Tochter auch noch mit heftigen Vorwürfen begegneten. „Die Betroffenen wissen selbst, was sie verkehrt gemacht haben. Sie braucht keine Ansage, sondern Halt“, sagt sie. Den meisten Opfern reichten fünf bis sieben Beratungstermine, um wieder Sicherheit zu erlangen und mit einem gestärkten Selbstwertgefühl den Alltag zu meistern.

Darüber hinaus suchten Frauen und Männer Hilfe, die in Kindheit oder Jugend sexuelle Übergriffe erfuhren. Oft lägen 20 oder sogar 30 Jahre dazwischen. „Die Auslöser können ganz verschieden sein, manchmal kommen die Kinder der Betroffenen in ein Alter, in dem sie selbst einen Übergriff erlebt haben“, nennt Krüger-Finke ein Beispiel. Für die Aufarbeitung gebe es kein Konzept. Jeder Fall sei anders. Manchmal reichten ein paar Treffen, manchmal brauche es ein Jahr – oder therapeutische Hilfe. „Wir sehen uns deshalb auch als Netzwerker, vermitteln Kontakt zu anderen Stellen, etwa zur Traumaambulanz“, fügt sie hinzu.

Ziel der beiden Frauen ist es, ab Herbst wieder eine „Frauengruppe für Betroffene sexualisierter Gewalt“ zu gründen. Die erste ihrer Art im vorigen Jahr habe den Teilnehmerinnen sehr geholfen. Auch eine Männergruppe sei geplant. „Und wir wollen mit Hilfe der Bundesförderung eine Online-Beratung etablieren, natürlich sicher und mit Chatfunktion“, blickt Silke Schnabel voraus.

Petra Hase

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