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Greifswald Warum dieser Mann auf den Spuren seiner Mutter durch Pommern wandert
Vorpommern Greifswald Warum dieser Mann auf den Spuren seiner Mutter durch Pommern wandert
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14:53 15.08.2019
Wolfgang Kollig mit Schwiegertochter und Sohn auf den Spuren der Großmutter in Greifswald. Quelle: Sammlung Kollig
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Vorpommern

Yanegsi Garcia Angarita, Matthieu und Wolfgang Kollig haben sich auf den Weg von Binz über Stralsund, Greifswald und Wolgast nach Osternothafen (Chorzelin), einem Ortsteil Swinemündes (Świnoujście), gemacht. Dort steht auf dem Ostufer der Swine (Swina) ein Wahrzeichen der Stadt, der 68 Meter hohe Leuchtturm.

Ein Haus in Osternothafen Quelle: Sammlung Kollig

Zu Fuß und mit der Bahn folgen sie den Spuren von Anneliese Kollig, die den Weg im Juni 1945 mit ihrem damals erst zweijährigen Sohn Wolfgang im Kinderwagen zurücklegte. Yanegsi Garcia Angarita ist dessen Schwiegertochter, Matthieu der Sohn.

„Meine Mutter hat diese Geschichte und die Vertreibung nach Westen genau beschrieben und mir geschenkt und so versucht, ihre Heimat loszulassen“, schreibt Kollig dem Greifswalder Prof. Erwin Rosenthal, einem ausgewiesenen Kenner der Geschichte seiner Heimatstadt Swinemünde. Nun begab er sich auf die Reise in die Vergangenheit. Jeder Revanchismus sei ihm fremd, betont der in Worms lebende Kollig, der sich in der katholischen Friedensbewegung engagiert.

Evakuierung nach Bombenangriff auf Swinemünde

Anneliese Kollig (links) auf der Ostmole, im Hintergrund ist der Leuchtturm von Osternothafen zu sehen Quelle: Sammlung Kollig

Die Geschichte der Wanderung der Anneliese Kollig beginnt im März 1945. Am 12. März des letzten Kriegsjahres wurden große Teile des mit Flüchtlingen überfüllten Swinemünde bei einem verheerenden Bombenangriff zerstört. Sie schreibt: „Unsere schöne alte Stadt Swinemünde einschließlich des Hafengebietes war restlos zerstört, alles in Schutt und Asche. 23 000 Menschen mussten ihr Leben lassen. Was sich da abspielte, ist nicht zu beschreiben.“ Die Behörden wiesen an, alle Mütter mit Kindern unter drei Jahren zu evakuieren. Anneliese Kollig und ihr Sohn Wolfgang fuhren nach Binz zu einer Tante, der Rest der Familie blieb in Osternothafen.

„Laufend wurden in Binz Frauen vergewaltigt“

Ihre Erinnerungen an die Tage Anfang Mai 1945, nachdem die Rote Armee das Ostseebad erreicht hatte, machen betroffen: „Eine wilde Jagd begann. Wir trauten uns nicht mehr vor die Tür. Wie die Wilden schossen sie in der Gegend herum. Laufend wurden Männer abgeführt, Frauen vergewaltigt. Nach einigen Tagen bekamen auch wir Besuch. Sie waren durch das Küchenfenster eingestiegen. Ich werde nie das Frau-Frau-Gerufe der angetrunkenen Soldaten vergessen.“ Anneliese Kollig wurde nicht entdeckt, aber ihre Tante sei vergewaltigt worden. Sie erzählt indes nicht nur von Gräueln, sondern auch von der Kinderliebe der Sowjetbürger, von der Wolfgang und auch sie profitierten.

Nach den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens hätte die Grenze Deutschlands eigentlich westlich von Swinemünde verlaufen sollen. Und so forderten die Behörden Anneliese Kollig im Juni 1945 auf, nach Hause zurückzukehren. Bis Altefähr kamen sie mit dem Zug, von dort ging es zu Fuß weiter. „Der Rügendamm war an drei Stellen durch Bomben beschädigt und nur behelfsmäßig ausgebessert.“ Auf dem Stralsunder Bahnhof stand ein angeblich fahrbereiter Güterzug. 48 Frauen und Kinder, darunter fünf Säuglinge, sollten damit weiterfahren. Aber eine Woche passierte nichts. Gut für Anneliese und Wolfgang Kollig. In der nahen Alten Richtenberger Straße wohnte ein Onkel, der als Metzger für die Rote Armee arbeitete, und so einiges „abzweigen“ konnte. Ihn besuchten sie, als der Proviant zur Neige ging.

Rinderleber als Festessen

„Zuerst aßen wir uns einmal richtig satt. Es gab Rinderleber und Kartoffeln zu Mittag, und Wolfgang bekam nach vielen Tagen Milch. Ein Festessen für uns ... Eines Tages fuhr der Zug dann endlich ab, aber nur bis zu einem Abstellgleis. Dort gab es auch kein Trinkwasser mehr, die Russen hatten es abgestellt.“ Zwei Säuglinge starben. In Erinnerung daran haben Matthieu und Wolfgang Kollig auf ihrer Wanderung Astern gepflanzt.

Wolfgang und Matthieu Kollig pflanzen Astern zur Erinnerung an die toten Säuglinge auf dem Stralsunder Bahnhof Quelle: Sammlung Kollig

Nach dem Tod der Säuglinge machte sich Anneliese Kollig mit ihrem Sohn sowie einer Zinnowitzerin und deren beiden Kindern zu Fuß auf den Weg. Am ersten Tag kamen sie nur bis Brandshagen, weil ein Rad von Wolfgangs Kinderwagen zerbrach. Sie übernachteten auf Geheiß des Bürgermeisters im ausgeplünderten Pfarrhaus, das weder Fenster noch Türen hatte, auf dem Fußboden. Dann ging es weiter nach Greifswald.

„Die Russen sind ja sehr kinderlieb“

„Unterwegs trafen wir viele Kosaken, die uns von Kopf bis Fuß musterten, jedoch waren die Kinder unsere Beschützer. Die Russen sind ja sehr kinderlieb, wie wir noch öfter erfahren durften.“ Die Kolligs des Jahres 2019 wanderten auf der gepflasterten alten B 96. Für sie eine faszinierende Erfahrung.

Auf der alten B 96 Quelle: Sammlung Kollig

Erst um 22 Uhr erreichten 1945 Mutter und Sohn Kollig das unzerstörte Greifswald. Es war schon Sperrstunde und sie hatten großes Glück. Greifswalder holten sie in ein Lebensmittelgeschäft und sorgten für ein Fußbad. „Eine weiß gedeckte Tafel wurde hergerichtet mit Aufschnitt, Käse, Fischkonserven und anderen guten Dingen mehr. Wir kamen uns vor wie im Schlaraffenland.“

Matthieu Kollig, Yanegsi Garcia Angarita (von links) vor der Tafel mit den Rettern Greifswalds im Rathaus Quelle: eob

Am Morgen wartete ein gedeckter Kaffeetisch. Leider ist nicht bekannt, wer die Wohltäter waren, wo sie wohnten. „Wenn sich jemand daran erinnert, wir würden uns über jede Information freuen“, so Matthieu Kollig bei der Begegnung mit der OZ in Greifswald. Die Familie interessiert sich sehr für die kampflose Übergabe der Hansestadt am 30. April 1945 an die Rote Armee. Darum hat sie auch die Tafel mit den Rettern Greifswalds im Rathaus besucht.

Unheimlicher Weg durch das menschenleere Warnemünde

Nächste Station der historischen Wanderung war Wolgast, wo sie bei Verwandten der Zinnowitzerin übernachteten. Um die Peene zu überqueren, war ein sowjetischer Passierschein nötig. Doch den bekamen die Reisenden erst nach mehren Anläufen. Auch der Kommandant der Fähre nahm sie erst nach einigen Diskussionen mit. In Zinnowitz trennten sie sich von ihrer Begleiterin und deren Kindern, weil in Zempin ein Güterzug nach Swinemünde erreicht werden konnte. Der Weg vom Bahnhof durch das menschenleere Swinemünde sei unheimlich gewesen. „Am Hafen stellte ich fest, dass keine Fähre in Betrieb war. Ein Ruderboot hatte den Fährbetrieb übernommen, nahm aber nur Russen und Polen mit.“ Schließlich half ein Pole, den die Familie im Krieg unterstützt hatte.

In Osternothafen wohnte Anneliese Kollig im Haus eines Fischers, weil ihres als Krankenrevier genutzt wurde. In unbewohnten ausgeplünderten Häusern wurde nach Lebensmitteln gesucht. Nach zwei Monaten erfuhr Frau Kollig vom Bürgermeister, „dass der Russe unser Gebiet an Polen abgeben müsse und wir wieder an unseren Evakuierungsort zurückmüssten.“ Aber es ging noch einmal im September nach Osternothafen zurück, nachdem Anneliese Kolligs Mann zurückgekehrt war. Die offizielle Übergabe Swinemündes erfolgte am 6. Oktober. Kolligs gingen schließlich 1946 in den Westen Deutschlands.

Osternothafen ist heute ein Industriegebiet

„Die Siedlung in Osternothafen gibt es nicht mehr“, bedauert Wolfgang Kollig. Er weiß, wie es ist, ein Flüchtling zu sein. „Mein Vater wurde in seiner Kindheit in Bingen verprügelt, weil er nicht von dort war“, erzählt Matthieu Kollig. Eben darum ist es für Wolfgang Kollig unverständlich, wie heute viele Deutsche über Geflüchtete reden. Die Wanderung hat die Familie sehr bewegt. „Meine Großmutter muss mit ihren 23 Jahren eine starke Frau gewesen sein, die Respekt verdient hat“, so der Enkel. Am 14. August 2019 erreichten die Wanderer Swinemünde und am 15. August Ostswine. Osternothafen ist heute ein Industriegebiet. „Unsere Erwartungen in diese Wanderung haben sich erfüllt“, resümiert Wolfgang Kollig. Am 18. August geht es per Zug zurück.

Anneliese Kollig in besseren Tagen mit Feriengästen am Strand Quelle: Sammlung Kollig

Die Familie sucht Zeugen, die Anneliese Kollig begegneten. Meldungen werden an den Autor des Beitrags erbeten.

Kontakt zum Autor:

Eckhard Oberdörfer

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