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Greifswald Ostpreußische Kinder kamen zuerst nach Vorpommern
Vorpommern Greifswald Ostpreußische Kinder kamen zuerst nach Vorpommern
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15:53 04.05.2019
Deutsche Kinder 1948 nach ihrer Ankunft aus dem Osten, bis zu 20.000 Waisen kämpften nach dem Krieg in Ostpreußen ums Überleben Quelle: Wikipedia/Bundesarchiv Bild 183-2003-0703-500 / CC-BY-SA 3.0GW
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Vorpommern

Die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten nach 1945 hat viele Gesichter. Während die Bewohner des polnisch gewordenen Teils Ostpreußens schon im ersten Kriegsjahr ihre Heimat verlassen mussten, war das im nördlich geworden Teil anders. Das Schicksal der Deutschen wurde nicht gleich entschieden. Weil der nunmehrige Oblast Kaliningrad (Königsberg) militärischer Sperrbezirk und die Grenze geschlossen wurde, gerieten sie in eine fürchterliche Lage.

„Trotz des vorausgegangenen Flucht- und Kampfgeschehens befanden sich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch über 220.000 Deutsche in dem Gebiet“, schreibt Christopher Spatz in seinem Buch „Nur der Himmel blieb derselbe. Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben“. Mehr als die Hälfte dieser Menschen starben. Zehntausende Männer und männliche Jugendliche waren als Arbeitskräfte in die UdSSR deportiert worden. Die sowjetischen Behörden ließen die zurückgebliebenen Frauen, Kinder und Alten nicht mehr auf ihre Höfe zurück. Jeder Anlauf zur Selbstversorgung wurde unterbunden. Sie kämpften in einem zerstörten Land ums Überleben.

Litauische Bauern als letzte Hoffnung vor dem Verhungern

Einige tausend Kinder kamen in sowjetische Waisenhäuser. „Meistens die Kleineren“ schreibt Spatz, „während die Größeren mit letzter Kraft nach Litauen zu entkommen versuchten, wo es noch Bauern gab, die deutschen Bettelkindern zu essen gaben.“

Christel Fischer etwa 1942 in Ostpreußen mit ihrer Mutter und dem wie diese nach 1945 verhungerten Bruder Harry. Christel flüchtete nach Litauen und reiste in den 1990er Jahren aus Quelle: Privatbesitz Christel Fischer

Das sind die sogenannten Wolfskinder. Ihr Geschichtsverein definiert sie als „anhanglose deutsche Kinder und Jugendliche, die im Frühjahr 1947 dem drohenden Hungertod im nördlichen Ostpreußen zu entgehen versuchten, aus diesem Grund in Litauen in außerdeutsche Zusammenhänge gerieten und infolgedessen ihre Herkunft zeitweise oder mithilfe einer neuen Identität gar dauerhaft verschleiern mussten.“ Wolfskinder spielt auf die sagenhafte Ernährung von Romulus und Remus durch eine Wölfin an.

Gewalt, Kälte und Hunger

Von ihrer Geschichte erzählt die Ausstellung „Wolfskinder. Auf dem Brotweg von Ostpreußen nach Litauen 1945 - 1948“, die ab 8. Mai im Greifswalder Dom zu sehen ist. Produziert wurde sie vom Litauischen Zentrum für die Erforschung von Genozid und Widerstand. Litauen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Teil der Sowjetunion. Letzten Endes entschieden sich die sowjetischen Behörden für die Vertreibung.

Klaus Weiß (hinten rechts, Jg. 1937) aus der ostpreußischen Elchniederung mit seinen litauischen Pflegeeltern und deren Sohn 1948 in der sibirischen Verbannung. Quelle: Privatbesitz Klaus Weiß

„Die deutsche Restbevölkerung aus dem Königsberger Gebiet wurde zwischen dem Herbst 1947 und dem Herbst 1948 von den sowjetischen Stellen über Pasewalk in die Sowjetische Besatzungszone transportiert“, so Spatz. „Mehrere Tausend anhanglose Kinder wurden gleich in Pasewalk aus den Zügen genommen und zur Quarantäne in Heime nach Eggesin, Seltz, Grimmen und Koserow gebracht.“ Zum Teil hätten diese Kinder zuvor in sowjetischen Kinderhäusern gelebt. Sie waren die kleinen Geschwister der etwas älteren und deshalb selbstständigeren „Litauenfahrer“. Zum Teil waren diese Kinder in den Monaten vor ihrer Ausweisung aber auch selbst zur Bettelei und Lebensmittelsuche in Litauen unterwegs gewesen. Ihre Erfahrungen von Verlust, Gewalt, Kälte und Hunger seien in allen Fällen dieselben gewesen. Einige Kinder blieben auch in Litauen.

Impfungen wegen Unterernährung nicht möglich

Die Initiative zur Ausreise der Deutschen ging auf die Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler in der Sowjetischen Besatzungszone zurück. Ihr Präsident Rudolf Engel hatte sich deshalb an die Sowjetische Militäradministration in Deutschland gewandt. In Pasewalk übergab die Rote Armee die Züge an die Deutschen. Schwerstkranke und Sterbende wurden in Krankenhäuser gebracht, es erfolgte eine erste Läusebekämpfung.

Das Cover des Buches von Christopher Spatz zeigt Wolfskinder aus Ostpreußen in Eggesin kurz nach dem Eintreffen im November 1947. Es stammt aus dem Bundesarchiv Konlenz Quelle: -Ellert & Richter Verlag

Kinder bekamen Kakao, Erwachsene Kaffee. Elternlose Kinder wurden auf mehrere Heime in Vorpommern aufgeteilt. In das Kinderquarantänelager Eggesin kamen z. B. 1334 Mädchen und Jungen. „Die deutschen Verwaltungsstellen widmeten ihnen besondere Aufmerksamkeit“ so Christopher Spatz, „ahnten sie doch bereits die Brisanz, die von einer öffentlichen Wahrnehmung des Gesamtzustandes der Gruppe ausgegangen wäre.“ Viele Kinder waren so unterernährt, dass sie nicht geimpft werden konnten. Das Zentralbüro Ost der evangelischen Kirche stellte fest, dass kahl geschorene Köpfe, sowie tote und ausdruckslose Blicke das Bild bestimmten. Kinder bis 14 Jahre konnten größtenteils nicht lesen.

Ostpreußens Hungerkinder hatten den Wind nicht gesät, aber den Sturm geerntet“, so Spatz. „Mit diesem Los mussten sie leben.“ In vielen ihrer Erinnerungen gibt es große Dankbarkeit für jene Litauer, die ihnen buchstäblich das Leben retteten. Einige Wolfskinder blieben auch in der litauischen Sowjetrepublik, viele siedelten später in die Bundesrepublik um. Noch 2010 sollen etwa 100 von ihnen im wieder unabhängig gewordenen Litauen gelebt haben.

Ausstellung im Greifswalder Dom vom 8. Mai bis 10. Juni, Montag bis Samstag 10 bis 18 Uhr. Zur Eröffnung am 8. Mai um 18 Uhr wird der litauische Botschafter Darius Jonas Semaška erwartet. Christopher Spatz führt in das Thema ein.

 

Eckhard Oberdörfer

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