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Greifswald „Ich hatte nie vor, Pfarrer zu werden“
Vorpommern Greifswald „Ich hatte nie vor, Pfarrer zu werden“
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07:56 12.01.2018
Pfarrer Matthias Gürtler verabschiedet sich nach 22 Jahren von seiner Domgemeinde und Greifswald. Quelle: Peter Binder
Greifswald

Sein kleines Büro ist vollgestopft mit Büchern, Ordnern, Zeitschriften. Predigten stapeln sich auf einem Tisch. Berge von Zeitungen lagern auf Stühlen. Das alles muss in den nächsten Tagen noch gesichtet, sortiert, verpackt oder entsorgt werden. Denn Pfarrer Matthias Gürtler verlässt die Stadt.

Nach 22 Jahren in der Domgemeinde St. Nikolai verabschiedet er sich am Sonntag in den Ruhestand. Seine neue Wahlheimat: Biesenthal nördlich von Berlin.„Meine Arbeit wird mir fehlen“, sagt Gürtler, „die Menschen, mit denen ich eine Wegstrecke gelaufen bin.“ Gern wäre er noch ein Weilchen geblieben, hätte die Domsanierung weiter begleiten wollen. „Doch die Sanduhr läuft. Mit 65 ist man wohl beim alten Eisen angekommen“, spöttelt er. Dieses magische Lebensjahr vollendet der gebürtige Storkower (Landkreis Oder-Spree) im nächsten Monat.

Doch so recht will das Bild vom alternden Ruheständler nicht passen: Mit seinen Jeans, den dunklen Haaren und drahtiger Gestalt kommt Gürtler eher wie ein Fünfziger daher. Die Fülle an Aufgaben hielt ihn offenbar jung: Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Konfirmandenunterricht, seelsorgerische Gespräche, Bauberatungen, Kirchengemeinderatssitzungen... Greifswald ist immer für Herausforderungen gut. „Wie schnell sind die Jahre hier vergangen?“, fragt der Pfarrer wie ein staunendes Kind.

Von Parteigenossen als „politisch nicht zuverlässig“ eingestuft

Dabei wollte er nie in die Fußstapfen seines Vaters treten und auf der Kanzel stehen. Die Eltern hätten ihm und seinen vier Geschwistern freie Hand bei der Berufswahl gelassen. Aber was heißt schon Wahl? „Als Pfarrerskind, das weder bei den Pionieren noch in der FDJ war, durfte ich kein Abi machen“, blickt Gürtler zurück. Doch er ließ sich nicht beirren, begann eine Lehre zum Wasserbautechniker, mit der er parallel die Hochschulreife erlangte. „Wir bauten Buhnen in die Elbe, pflanzen Strandhafer in Zingst und befestigten Flüsse im Erzgebirge“, erzählt er mit verträumtem Blick.

Facharbeiterbrief und ein super Abitur in der Tasche, wollte der naturwissenschaftlich begabte junge Mann mit einem Studium tiefer in die Materie einsteigen. „Doch zu meiner Überraschung wurde ich von den Parteigenossen als politisch nicht zuverlässig eingestuft“, sagt Gürtler. Hintergrund sei ein Gespräch über Vietnam gewesen, bei dem er als überzeugter Pazifist nicht seine ehrliche Meinung habe verschweigen können.

Mit aufgepflanztem Bajonett gegen vermeintliche Gegner

Aber nach der Ausbildung musste er sowieso erst einmal die Uniform anziehen: 18 Monate Bereitschaftspolizei. Ein besonderes Konstrukt zu DDR-Zeiten. „Wir lernten, wie man mit Schutzmaske, aufgepflanztem Bajonett, Wasserwerfern und Schützenpanzerwagen einen möglichen Aufruhr der Bürger martialisch beendet“.

Die Zeit sei sehr prägend gewesen, sagt Gürtler, die Ablehnungen für verschiedene Studiengänge danach schmerzhaft. „Doch ich wollte unbedingt studieren, wollte mitreden können.“ Am Ende bewarb er sich leidenschaftslos für die Theologie. Und wurde genommen.

Die Begeisterung für das Fach ließ nicht lange auf sich warten. Denn dort habe er nicht nur Menschen kennengelernt, die ihn inspirierten. „Ich habe endlich Antworten auf viele meiner Fragen erhalten. Etwa die, wie ich Glaube und Naturwissenschaft zusammenbekomme“, erzählt Gürtler.

Nach Predigerseminar und Vikariat war es 1981 endlich Zeit für die erste Pfarrstelle: Eggesin, Militärstandort für Tausende Wehrpflichtige. „Ich hätte auch ablehnen können“, sagt der Seelsorger. Doch er und seine junge Frau Gerlinde, „machten uns mit einer großen Portion Enthusiasmus und Gottvertrauen auf den Weg. Wir haben uns gesagt: Hier bauen wir Kirche auf, sahen das als Herausforderung.“

Tiefe Einblicke ins System der Armee

Das Einfache, was so schwer zu machen ist. Keiner von beiden habe damit gerechnet, dass fortan ständig Soldaten im Haus waren. „Sie kamen aus ganz verschiedenen Kirchengemeinden im Land und suchten unsere Gesellschaft“, blickt der Brandenburger zurück. Diese Begegnungen haben ihm tiefe Einblicke in die Armee gegeben, obwohl ihm das Milieu ja nicht fremd gewesen sei.

Doch nach fünf Jahren packte das Ehepaar Gürtler die Koffer. Die Kinder – drei der insgesamt fünf wurden in dieser „spannenden Zeit“ geboren – sollten nicht in einer Garnisonsstadt aufwachsen. Von Eggesin ging es nach Eberswalde, wo Gürtler beim Bund für evangelische Kirchen in der Jugendarbeit tätig war, bis seine Stelle 1996 „abgewickelt“ wurde.

Domgemeinde suchte 1996 neuen Pfarrer

Just in der Zeit suchte die Domgemeinde zu Greifswald einen neuen Pfarrer. Gürtler bewarb sich. Der Kirchengemeinderat traf seine Wahl und prompt landete der damals 42-Jährige mit seiner Familie in der Hansestadt. Obwohl die umstrittene Wiedereinweihung des Doms mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker fast sechs Jahre zurücklag, habe ihn das Thema lange Zeit beschäftigt. Noch heute gebe es in der Gemeinde dazu sehr konträre Auffassungen. „Doch die Welt ist nicht so einfach gestrickt: hier gut, da schlecht“, sinniert der Kirchenmann.

Tatsache hingegen sei, dass bei der Domsanierung zu DDR-Zeiten eklatante Fehler begangen wurden und der über 700 Jahre alte Sakralbau erhebliche Mittel benötigte, um der Nachwelt erhalten zu bleiben. Gemeinsam mit anderen ging Gürtler Klinken putzen. Mit großem Erfolg. Der Dom, Taufstätte des großen Romantikers Caspar David Friedrich, wurde 2008 als Kulturdenkmal nationaler Bedeutung geadelt. Fünf Millionen Euro konnten aus verschiedenen Töpfen eingeworben werden, um das 100 Meter hohe Wahrzeichen der Stadt vor dem Verfall zu retten.

Tausende Menschen spendeten für das Domgeläut

Fertig ist es noch lange nicht. Zwar sind Dach und Tragwerk erneuert, Risse im Mauerwerk beseitigt und stabilisierende Zuganker eingezogen... Aber im Innern der Kirche wartet auf Handwerker noch viel Arbeit. „Das Unvollendete hat ja auch seinen Charme“, sagt Matthias Gürtler wehmütig. Viel Herzblut habe er in diesen Teil seiner Arbeit gesteckt. Nun sei auf alle Fälle eine Etappe erreicht, an die seine Nachfolger gut anknüpfen können. Wobei es erst einmal wieder um die Beschaffung des Geldes gehen werde.

Stolz ist der scheidende Pfarrer auch auf das siebenstimmige Domgeläut, das 2013 erstmalig erklang. Ausgangspunkt war ein Riss in der ältesten und zugleich wertvollsten Bet- und Professorenglocke von 1440. Im August 2003 begann die Domgemeinde mit der Sammlung von Spenden, um sie reparieren zu lassen.

Sie war nicht das einzige Sorgenkind. Zugleich entstand die Idee eines Geläuts mit sieben Glocken. „Das gab es noch nie! Zuvor waren es maximal fünf“, erinnert Gürtler mit einem Strahlen in den Augen. Am Ende spendeten Menschen im In- und Ausland rund 100 000 Euro für die Sanierung der alten und das Gießen neuer Glocken.

Doch der Alltag eines Pastors besteht nicht nur aus Höhepunkten wie der Glockenweihe. Das Privatleben ordnet sich den vielen kleinen und großen Sorgen der Menschen in der Regel unter. 1200 Kinder und Erwachsene gehören zur Domgemeinde. „Eine relativ stabile Zahl“, sagt Gürtler. Und mit etwas Stolz: „200 mehr als zu meinem Amtsantritt.“

Wobei ihm auch alle anderen, „die mir über den Weg liefen, genau so wichtig sind. Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“. In diesem Sinne verböte es sich, Unterschiede zu machen zwischen Kirchenangehörigen und Nichtmitgliedern. Zumal letztere zuhauf in den Dom strömten – ob als Tourist, Bauinteressierter oder Konzertbesucher.

Pfarrstellen auf dem Lande wieder stärken

Vieles werde ihm aus Greifswald in guter Erinnerung bleiben, manches hätte er gern anders angepackt, sinniert Gürtler und übt Kritik. Noch heute etwa kann er nicht verstehen, weshalb auf einer Kirchensynode ganztägig über Rechtsextremismus debattiert wurde. „Hätten alle Anwesenden an diesem Tag im Land Präsenz gezeigt und mit den Menschen gesprochen, hätten sie mehr gegen Rechtsextremismus erreicht als mit einer verfassten Erklärung“, moniert der Mittsechziger. Überhaupt gelte es nach seiner Auffassung, die vielen Spezialdienste in der Kirche abzuschaffen und stattdessen die Pfarrstellen auf dem Lande wieder zu stärken. „Auch der Bischof könnte mit einer halben Stelle Dorfpfarrer sein“, ist Gürtler überzeugt.

Dong Energy: Faire Streitkultur im Dom

Kirche, weiß der Seelenhirte, könne in Pommern viel bewegen. Beispiel: Dong Energy. Der dänische Staatskonzern verfolgte 2008 das Ziel, im Industriegebiet Lubminer Heide ein Kohlekraftwerk zu bauen. Das Vorhaben spaltete die Menschen in der Region, wurde letztlich abgelehnt. In der Nikolaikirche gab es eine heiße Debatte von Gegnern und Befürwortern, gemeinschaftlich organisiert mit der OZ. „Diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Der Dom hat Menschen zusammengeführt, es gab eine faire Streitkultur. Am Ende waren wir hier in Pommern Vorreiter für ganz Deutschland. Kohlekraft hat ausgewirtschaftet“, so Gürtler.

Buch schreiben und Silberschmiedekurs

Mit diesen Erinnerungen im Gepäck, wird der Vater von fünf erwachsenen Kindern nun in die kleine Ackerbürgerstadt Biesenthal ziehen. Dichter an den Nachwuchs, um die vier Enkel aufwachsen zu sehen. Einziehen in ein neues, „schlichtes Haus mit breiten Holzdielen“, in dem sich bestimmt bald wieder Bücher, Zeitschriften und Papiere auf Tischen und Regalen türmen. Denn der politisch engagierte Gürtler möchte gern über seine Eggesiner Zeit schreiben.

Aber nicht nur: „Ich bin gern kreativ, arbeite mit Holz und Metall“, verrät er. Ein Silberschmiedekurs wäre nach seinem Geschmack. Und dann gäbe es da noch das kleine Fernweh. Vielleicht Indien oder Südafrika? Auch Deutschland kenne er zu wenig, gibt er zu. Allerdings muss er sich mit dem Reisen noch etwas gedulden.

Denn seine Frau Gerlinde Gürtler, Krankenhausseelsorgerin im Universitätsklinikum, werde das Kofferpacken etwas verschieben. Zu sehr sei ihr daran gelegen, ihre Arbeit in die Hände eines guten Nachfolgers zu übergeben. Ein wenig bleiben die Gürtlers den Greifswaldern also noch erhalten. Doch schon jetzt wisse er, so Gürtler: „Ich werde schweren Herzens Abschied nehmen.“

Petra Hase

HSV: 13.1. – Ludwigsfelder HC (A), 20.1. – HV GW Werder (A), 27.1. – VfV Spandau (H), 3.2. – Grünheider SV (A), 17.2. – SG Uni Greifswald/Loitz (H), 24.2. – Stralsunder HV (H), 3.3.

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