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Greifswald Im Dialog mit Bürgern Demokratie stärken
Vorpommern Greifswald Im Dialog mit Bürgern Demokratie stärken
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17:21 25.07.2019
Ivo Sieder, Manuela Busse, Dana Fennert und Silke Bremer vor dem neu eröffneten „Demokratie-Lab“ in der Steinbeckerstraße 20, ehemals Antiquariat Rose.
Ivo Sieder, Manuela Busse, Dana Fennert und Silke Bremer vor dem neu eröffneten „Demokratie-Lab“ in der Steinbeckerstraße 20, ehemals Antiquariat Rose. Quelle: HGW
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Vorpommern-Greifswald

Kirche, Kita, Kneipe, Konsum. Verfügt ein Dorf heutzutage noch über diese „vier K“, handelt es sich in aller Regel um eine lebendige Gemeinschaft. Doch immer häufiger ist das in ländlichen Regionen nicht mehr der Fall, weiß der Greifswalder Politikwissenschaftler Stefan Ewert. Wenn es gut laufe, treffe sich eine Gruppe Jugendlicher allenfalls noch in einer leerstehenden Garage. Und die Motivation, sich gesellschaftlich zu engagieren? Sie tendiere gegen null. Das Aus für die Demokratie?

Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung will sich mit ihrem bundesweiten Projekt „Demokratie stärken“ an neue Formate, Inhalte und neue Zielgruppen wagen, um wieder mehr Menschen im ländlichen Raum zum Mitgestalten zu bewegen. Das am Mittwochabend eröffnete „Demokratie-Lab“ im Herzen Greifswalds – ein 35 Quadratmeter großes Büro in der Steinbeckerstraße – soll Ideenschmiede sein. Denn heutzutage sei es wichtiger denn je, so Melanie Piepenschneider, Leiterin der Hauptabteilung Politische Bildung der Stiftung, die Demokratie zu fördern, die weltweit unter Druck geraten sei. „Wir wollen die Menschen nicht mehr bitten, dass sie zu uns kommen, sondern werden zu ihnen gehen, sie in ihrem Alltag abholen, wollen zuhören und lernen, was sie umtreibt“, sagt Piepenschneider. Diese „aufsuchende politische Bildung“ soll von einem Dialog auf Augenhöhe geprägt sein und ermuntern, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen. „Dafür suchen wir Kooperationspartner, das können Vereine oder die Feuerwehr sein.“

Große Worte, ehrgeizige Ziele. Doch ob man damit Leute motivieren könne, sich zu engagieren, wagt etwa Steffen Boos aus Levenhagen zu bezweifeln. „Am Ende nützen mir die Leute nix, wenn ich kein Geld für freiwillige Aufgaben habe“, gibt der Bürgermeister zu bedenken. Über Engagement könne sich die 420-Seelen-Gemeinde nahe Greifswald nicht beklagen. „Wir hatten viel Zuzug von jungen Leuten. Und es ist schön, zu erleben, dass sich viele von ihnen freiwillig engagieren – teilweise sogar mehr als die Alteingesessenen“, sagt er. Die Organisation des Sommerfestes zum Beispiel sei auf viele Schultern verteilt gewesen. Auch der Subbotnik erfreue sich zunehmender Beliebtheit. Insofern findet es Boos sinnvoller, „die Kohle lieber den Gemeinden direkt zukommen zu lassen“, statt Geld in ein Demokratiebüro zu stecken.

Auch Paul Juds, Bürgermeister von Wrangelsburg, mag sich über mangelndes Engagement junger Leute nicht beklagen: „Wir haben den Generationswechsel ganz gut hinbekommen. Mit einem sachkundigen Einwohner sind wir jetzt drei unter 30-Jährige in der Gemeindevertretung“, sagt der 22-Jährige. Und sei tatkräftige Hilfe gefragt, wie etwa beim Arbeitseinsatz an der denkmalgeschützten Feldsteinscheune, käme erfreulicherweise eine Reihe von Leuten. „Doch Fakt ist auch: Viele sind nicht mehr bereit, etwas für die Gemeinschaft zu tun, kümmern sich allenfalls um Familie und Freundeskreis. Deshalb finde ich es gut, wenn man versucht, wieder mehr Leute zu motivieren“, sagt Juds.

Politikwissenschaftler Stefan Ewert vom Interdisziplinären Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO) der Uni Greifswald sieht in der ländlichen Region fünf Herausforderungen für die Demokratie. Das Personal, sprich geringe Einwohnerzahl, sei eine von ihnen. Auch wenn sich in den Gemeinden zur Kommunalwahl letztlich ausreichend Bewerber fanden, „war die Bürgermeisterwahl in vielen Orten keine richtige Wahl, weil es nur einen Kandidaten gab“, sagt Ewert. In Greifswald etwa kämen auf ein Bürgerschaftsmitglied 1400 Einwohner. In Dargelin mit 366 Seelen und acht Gemeindevertretern sei hingegen im Verhältnis mehr Engagement gefragt: Der Faktor liegt hier bei 1 zu 75.

Zudem verlange aktive politische Teilhabe aufgrund großer Distanzen ein hohes Maß an Mobilität. „Ehrenamtlich Engagierte haben in Vorpommern-Greifswald sehr weite Wege zurückzulegen“, gibt er zu bedenken. Ein weiteres Themenfeld definiert Ewert mit den Wählergemeinschaften als Konkurrenz zu den Parteien. Sie seien für die Orte zwar „eher gut“, doch wirkten sie sich nachteilig aus, wenn es darum gehe, Personen auf eine höhere politische Ebene zu bringen. Und schließlich gehe es darum, dem politischen Desinteresse sowie der Fremdenfeindlichkeit Paroli zu bieten. Leicht gesagt, schwer getan.

Das weiß auch Projektreferentin Dana Fennert, die sich jetzt von Greifswald aus mit Partnern diesen Herausforderungen in MV, Berlin und Brandenburg stellen will. „Mit Workshops, Gesprächsrunden, Filmvorführungen und anderen neuen Formaten wollen wir den Dialog mit Bürgern neu beleben und Möglichkeiten aufzeigen, sich wieder aktiv zu beteiligen“, sagt sie.

Petra Hase