Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald „Etwas wie Tschernobyl hat Lubmin gedroht“
Vorpommern Greifswald „Etwas wie Tschernobyl hat Lubmin gedroht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:31 28.12.2018
Das Lubminer Kernkraftwerk „Bruno Leuschner“ war trotz der verheerenden Witterungsbedingungen im Winter 1978/79 im Dauerbetrieb.  Quelle: Jürgen Fensch
Greifswald

Mit Stöcken sticht Otto Liebenow immer wieder in die Schneemassen auf der Fernstraße 96. Hinter ihm im dichten Schneetreiben rollen langsam ein Räumfahrzeug der Nationalen Volksarmee und mehrere Lkws. Liebenow stochert erneut. Ist dort etwas hartes zu ertasten? Der Schneewinter 1978/79 hatte auch die Strecke zum Kernkraftwerk Lubmin fest im Griff – einen der wichtigsten Energielieferanten der DDR. Otto Liebenow erinnert sich an die Zeit, in der vieles auf dem Spiel stand. Zum einen galt es unbedingt, die Versorgungswege des Lubminer Kernkraftwerkes befahrbar zu halten. Zum anderen gab es auch wachsende Probleme in der Hansestadt. Der Stadt fehlte es stellenweise nämlich nicht nur an Strom und Heizkohle, sondern auch an überlebenswichtigen Nahrungsmitteln.

„Ich war der 41. Mitarbeiter im Lubminer Kernkraftwerk“, sagt der heute 81-jährige Otto Liebenow. Er war der Leiter der Transport- und Lagerwirtschaft und seit 1967 eng mit dem Kraftwerk verbunden. „Wir haben sowohl die Versorgung der Betreiber und Bauarbeiter im KKW als auch den Schichtwechsel über die Schienen organisiert.“ Täglich fuhren mehrmalig 3000 bis 4000 Menschen zwischen Greifswald und Lubmin hin und her, um einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten. Insgesamt arbeiteten damals etwa 14 000 Menschen am und im Kraftwerk.

Mit zehn Bussen nach Lubmin

Am 28. Dezember brach die Versorgung über die Schienen jedoch zusammen. „Ich erinnere mich: Um 17 Uhr gab es eine Verfügung des Ministerrates der DDR, die besagte, dass das KKW um jeden Preis weiter betrieben werden muss.“ Dafür war es notwendig, dass die Mitarbeiter Nahrung und Schichtwechsel erhalten – und das lag in der Verantwortung von Otto Liebenow. Im Greifswalder Hauptbahnhof redete er mit der Führung der Nationalen Volksarmee. „Wir bekamen acht bis zehn Busse für Schichtwechselmitarbeiter und Versorgung und zwei Räumfahrzeuge, die freie Fahrt gewährleisten sollten.“

Otto Liebenow war der Leiter für Lagerwirtschaft und Transport und damit zuständig für die Versorgung des Kernkraftwerkes Lubmin. Quelle: Moritz Naumann

Liebenow selbst fuhr in einem Versorgungsbus mit Wurst- und Fleischwaren mit – „ein B1000- Transporter, ähnlich wie ein VW Bus.“ Auf halber Strecke blieben die Fahrzeuge jedoch in meter-hohen Schneewehen stecken. „Wir mussten alles zurücklassen und sind bei Minus 16 Grad Celsius dann los marschiert.“ Dicht gedrängt bewegten sich die Männer langsam durch die nächtliche Kälte. „Keiner sollte verloren gehen.“ Nach sechs Kilometern kommen sie – zum Teil stark unterkühlt – in einer Gaststätte in Brünzow unter. Dort verblieben sie fast 24 Stunden und wurden mit dem Nötigsten versorgt. Erst am 29. Dezember konnte die Strecke unter großen Anstrengungen wieder so frei gemacht werden, dass alle zurückkehren konnten.

Die Schneemassen sorgten damals für spektakuläre Motive in ganz MV. Klicken Sie sich hier durch die Bildergalerie:

Angst um das KKW

„Das Kernkraftwerk lief währenddessen immer weiter und war zu keinem Zeitpunkt außer Betrieb“, sagt Liebenow heute. Da aber zahlreiche Übertragungsleitungen des KKWs den Witterungsbedingungen nicht standhalten konnten, der Strom vielerorts ausfiel und nur noch eine Notbesetzung im Kraftwerk arbeitete, sorgte er sich um die reibungslose Funktionsweise. „Hätten die Arbeiter in der Schaltzentrale nicht durchgehalten, hätte uns damals schon vor Tschernobyl eine ähnliche Katastrophe ereilen können“, sagt Liebenow.

Nachdem die Straßen geräumt wurden, konnten in Lubmin wieder Besetzungswechsel stattfinden und ein nahezu planmäßiger Betrieb gewährleistet werden. Zurück in Greifswald erhält Liebenow etwa am 30. Dezember eine neue Aufgabe. „Es fehlte in der ganzen Stadt an Mehl und damit an Brot“, wird ihm von der Katastrophenkommission gesagt. In Absprache mit der NVA setzte sich abermals ein Konvoi mit Räumfahrzeugen und Lkws in Bewegung, um von der Jarmener Mühle Mehl für die Stadt zu besorgen. „An vielen Stellen auf der Strecke – da wo die Schneewehen zu hoch waren – bin ich vorgegangen und habe mit Gegenständen wie einem Stock in den Schnee gestochen, um auszuschließen, dass sich darunter kein Fahrzeug befindet.“

Beispielloser Zusammenhalt

Für gewöhnlich erreicht man in knapp einer halben Stunde die Kleinstadt im Inland des Vorpommern-Rügen-Kreises – der Tross um Liebenow benötigte einen ganzen Tag, um nach Jarmen und wieder zurückzukommen. Als der Versorgungsleiter mit den fünf Lkw randvoll mit Mehl wieder in Greifswald landete, wurden die Säcke an die Bäckereien der Stadt verteilt. „In solch einer Notsituation kam ein beispielloser Zusammenhalt zum tragen“, sagt Liebenow heute.

Das Kernkraftwerk im Schnee

Im Lubminer KernkraftwerkBruno Leuschner“ saßen Arbeiter, Ingenieure und Verwaltungskräfte mehrere Tage fest. Andere Kraftwerke stellten ihren Betrieb ein, weil keine Braunkohle gefördert werden konnte, doch in Lubmin sicherten die dortigen Kräfte den Betrieb und so die DDR vor dem Zusammenbruch der Stromversorgung. Das einzige größere Kernkraftwerk der DDR war für etwa zehn Prozent der gesamten Stromversorgung verantwortlich.

Mehr zum Thema:

Moritz Naumann