Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Greifswald Das Rückgrat der Wirtschaft brach zusammen
Vorpommern Greifswald Das Rückgrat der Wirtschaft brach zusammen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:33 03.01.2019
An den Zügen haftete das Eis und sorgte so für einige Probleme im Transportwesen. Quelle: Privat
Anzeige
Greifswald

Anita Stäps hat 42 Jahre für die Deutsche Reichsbahn der DDR gearbeitet. Als die heute 74-Jährige davon las, dass die OSTSEE-ZEITUNG Zeitzeugen und Dokumente vom Winter 1978/79 sucht, dachte sie sofort an das Brigadetagebuch, welches sie in ihrem Fundus beherbergt. Darin enthalten: Fotos, ein Ereignisprotokoll und ein Bericht über die Ereignisse aus Sicht eines Bahnmitarbeiters.

Anita Stäps öffnet mit einem Lächeln die Tür zu ihrem Haus. Die 74-Jährige versprüht den Elan einer 20-Jährigen: „Ich hab so viel tolles Material über diesen Winter“. Ihre Begeisterung ist ansteckend. Sie setzt sich an den Wohnzimmertisch, auf dem alte Karten, mehrere Bücher und ein braunes textil-umschlagenes Buch mit der Aufschrift „Brigadetagebuch“ liegen.

Vom Weichen schmieren zum disponieren

Als junge Frau lernte Stäps im Bereich Eisenbahnvertriebs- und Verkehrstechnik in Greifswald. Angefangen hat sie mit „Lampenputzen und Weichenschmieren“ – doch das war Stäps nicht genug. Sie absolvierte ein Ingenieursstudium in Gotha und war später für das Gleisnetz im Streckenabschnittsgebiet Gwd (Greifswald) zuständig, dass sich von Ribnitz-Damgarten fast bis Berlin erstreckte. „Ich habe für die Baustellen die Weichen und den Schotter verwaltet“, sagt die ehemalige Disponentin heute.

Anita Stäps hat spannende Sachen in ihrem Fundus: Neben alten Karten und Aufzeichnungen hat die Eisenbahnerin auch den Bericht eines Kollegen über den Winter 78/79 gefunden. Quelle: Moritz Naumann

In der Nacht vom 27. zum 28. Dezember begann starker stürmischer Schneefall, der in kurzer Zeit für meterhohe Verwehungen sorgte und bald das Transportwesen der DDR lahmlegen sollte. Stäps befand sich gerade im Urlaub. „Ich war ja Bürokraft und musste in diesen Tag keinen Dienst leisten.“ Am 28. Dezember aber setzte sich in ihrem Betrieb einiges in Bewegung. So wurde kurz nach dem Beginn der Schneefälle ein sogenannter Arbeitsstab eingerichtet. „Diese Gruppen gab es nur, wenn es Probleme wegen Unfällen oder Witterung gab.“ Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass dieser Arbeitsstab bis in den März zeitweise 20 Stunden am Stück arbeiten musste, um den Folgen des Schneefalls Herr zu werden.

Weder Strom noch Heizung in Schönwalde

Die Folgen für die DDR-Wirtschaft waren enorm, schließlich war die Eisenbahn das Rückgrad der Wirtschaft. „Wir als Eisenbahner wussten ja, dass wenn keine Bahn fährt, dann gibt es auch keine Kohle“, sagt Stäps. Etwa 75 Prozent der Elektrizität wurden in der DDR über Braunkohle erzeugt. Und da man den Rohstoff lediglich über die Schienen durch das Land transportierte, fehlte es plötzlich an wichtigen Überlebensgrundlagen. Dem damals noch neuen und modernen Greifswalder Stadtteil Schönwalde etwa fehlte es zeitweise an Strom. Und ohne Strom funktionierte hier auch die Heizung nicht.

Das hatte Folgen: Zum Beispiel für Christina Hofmann, eine gute Bekannte von Anita Stäps. Hofmann lebte zu diesem Zeitpunkt in Schönwalde – gemeinsam mit ihrem Mann und den im August geborenen Zwillingen. „Wir wollten mit Nachbarn Sylvester feiern, doch gerade am 31. Dezember fiel der Strom aus“, sagt Hofmann. Statt Feierstimmung kam die Sorge auf, dass die junge Mutter ihre Kinder nicht ernähren kann. Denn sie konnte nicht stillen und ihre Säuglinge waren auf eine warme Flasche angewiesen. Auch am nächsten Morgen gab es weder Licht aus der Lampe noch Wärme aus den Heizkörpern. Sie blickte besorgt aus dem Fenster und sah: „In der Südstadt brennt Licht!“ Ihr Mann schnappte sich die Fläschchen und machte sich auf den Weg zu Bekannten, die noch mit Strom versorgt waren. Gut eingepackt kamen die Flaschen dann warm zuhause an. Auch der Strom kam bald zurück.

Anita Stäps hat zahlreiche Dokumente und Fotos herausgeholt, die sie der OSTSEE-ZEITUNG zur Verfügung gestellt hat.

Der Alltag kommt im Februar zum Erliegen

Richtig schlimm wurde es in den Tagen vom 13. bis 15. Februar. „Da war Alltag und der brach dann zusammen“, erinnert sich Stäps. In dem Ereignistelegramm, welches sie aus ihrem Brigadetagebuch holt, steht unter dem Datum des 14. Februar: „Erneuter, noch heftigerer Wintereinbruch. Streckensperrungen nördlich der Linie Prenzlau-Neustrelitz einschließlich der Hauptbahnen.“

Zu diesem Zeitpunkt – es war ein Mittwoch – befanden sich der Ehemann von Anita Stäps, Gerald Stäps, gemeinsam mit der Tochter auf dem Rückweg von einem Familiengeburtstag in Dresden. „Die sind dort noch im Regen gestartet“, sagt Anita Stäps. Bis Berlin verlief alles reibungslos, doch ab hier herrschte Chaos. Viele Verbindungen in den Norden fuhren aufgrund der stürmischen Schneefälle schon gar nicht mehr. Doch Mann und Tochter bekamen noch einen Zug, der Richtung Stralsund fahren sollte. Dort kamen sie jedoch erst vier Tage später an. „Ab Angermünde ging nichts mehr. Mein Mann und meine Tochter wurden dort in einer Schule einquartiert und mit Decken, Essen und Feldbetten versorgt.“

Folgearbeiten bis Ende März

Aus allen Bezirken wurde Räummaterial gesammelt. Am 15. Februar waren laut des Ereignistelegramms drei Schneeschleudern, zwei Schneefräsen der Tschechischen Republik und weitere Technik im Einsatz, um die Züge rund um Greifswald wieder fahren zu lassen. Täglich arbeiteten 5500 Menschen daran, die Bahnstrecken und damit das Versorgungsnetz der DDR wieder herzustellen. Erst elf Tage später – am 25. Februar – erfolgt die Meldung, dass alle Strecken im Bezirk wieder frei sind.

Winter 78/79: Ein Arbeitsbericht

„Der Winter 1978/79 begann für mich mit der Rückkehr aus dem Weihnachtsurlaub am 28. Dezember mit dem O 710. Schon während der Nachfahrt konnte ich mit wachsender Besorgnis den zunehmenden Schneefall beobachten. Die Quittung kam dann um zehn Uhr, als der Arbeitsstab einberufen wurde. Mein erster Dienst begann um 14 Uhr. Bis zum 26. März war ich dann ununterbrochen im Schichtdienst tätig, beziehungsweise mit Sonderaufgaben betraut. Dabei war es erforderlich bis 20 Stunden hintereinander im Einsatz zu sein. Es war nicht immer leicht, insbesondere während der zeitweiligen Besetzung des Bereiches Bahnanlagen mit einem Leiter und drei Mitarbeitern. Die nervliche Belastung war enorm.

Es gab auch Dinge, die nicht verständlich waren. Dazu gehören zum Beispiel teilweise mangelnde Anerkennung des Willens und der Bemühungen der Kollegen während der Schichten. Es gab auch keine Möglichkeit für hauptamtliche Mitarbeiter zum praktischen Kennenlernen der eingesetzten Wintertechnik, obwohl diese im Bereich Greifswald sehr häufig zum Einsatz kam. Auch mangelte es an fehlender Auswertung von Erfahrungen und Einbeziehung dieser in die langfristige Wintervorbereitung.

Doch es gab auch viele erfreuliche Ergebnisse. Besonders erfreulich war für die Mitarbeiter die Meldung „Strecke frei“. Man konnte dann mit dem Gefühl nach Hause gehen: „Heute hast du etwas erreicht!“ Als Auszeichnung für meine Tätigkeit erhielt ich eine Urlaubsreise für mich und meine Frau in die hohe Tatra (Anm. d. Red.: Gebirge zwischen Slowakei und Polen). Es war ein sehr schöner und erlebnisreicher Urlaub. Dafür an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank. Gezeichnet: Norbert Jürgens

 Mehr hier:

Der Jahrhundertwinter 1978/79: Eine Multimedia-Reportage

Moritz Naumann

Die Geschäftsführerin der Medigreif Parkklinik setzt sich für eine Vereinfachung des Pflegesystems ein und will es Angehörigen und Betroffenen leichter machen

03.01.2019
Usedom Weltneuheit aus Mellenthin - Ingwer-Zwieback-Doppel-Bock

Es ist eine Sensation: Nirgends sonst auf der Welt außer in Mellenthin auf Usedom gibt es ein Doppel-Bockbier, das aus Ingwer, Zwieback und Kardamom besteht

03.01.2019
Stralsund Theater Vorpommern: Mit Optimismus ins neue Jahr - Häuser in Stralsund, Greifswald und Putbus waren im Dezember rappelvoll

Am Theater Vorpommern mit seinen Spielstätten in Stralsund, Greifswald und Putbus hat sich nach dem Ende der Fusions-Pläne die Anspannung gelöst. Intendant Dirk Löschner blickt im Interview zurück, aber auch auf die Pläne für das Jahr 2019.

03.01.2019