„Jetzt ist Gelegenheit, um Demut neu zu lernen“
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Greifswald „Jetzt ist Gelegenheit, um Demut neu zu lernen“
Vorpommern Greifswald

„Jetzt ist Gelegenheit, um Demut neu zu lernen“

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15:22 31.10.2020
Ralf Dörnen, Ballettdirektor und künftiger Intendant am Theater Vorpommern, hielt am Reformationstag im Greifswalder Dom St. Nikolai die Predigt.
Ralf Dörnen, Ballettdirektor und künftiger Intendant am Theater Vorpommern, hielt am Reformationstag im Greifswalder Dom St. Nikolai die Predigt. Quelle: Petra Hase
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Greifswald

Auf der Bühne kennt Ralf Dörnen sich aus, feiert mit seinem Ensemble ein ums andere Mal Erfolge. Worte verliert er dabei nicht. Doch genau die sollte der Ballettdirektor und künftige Intendant am Theater Vorpommern finden, nachdem er eingeladen war, als Nicht-Theologe die Predigt zum Reformationstag im Dom St. Nikolai zu halten. Das hat in dem Gotteshaus gute Tradition. Und so wird sich manch ein Besucher im Vorfeld gefragt haben: Kann der das überhaupt?

Und wie er kann, der Dörnen! Immerhin war sein Großvater mütterlicherseits Pfarrer in Ostfriesland, studierte seine Mutter Theologie auf Lehramt. Da mutet seine zu Beginn offenbarte Unsicherheit im Nachhinein zum Schmunzeln an: „Ich kann mit meinem Körper eigentlich besser sprechen“, bat der gebürtige Leverkusener um Nachsicht, womöglich nicht die besten Formulierungen zu treffen. Auch dem Ziel einer Predigt, möglichst religiöse Inhalte zu vermitteln, sah er, der nicht getauft wurde, selbstzweifelnd entgegen. Also widmete sich der Theatermann dem allgegenwärtigen Thema: „Corona – ist das für uns eine Strafe, eine Heimsuchung oder eine Herausforderung, eine Prüfung oder eine Warnung“, sinnierte er und kam für sich zu dem Schluss, „dass es eine Aufforderung ist, darüber nachzudenken, wie wir gemeinsam damit fertig werden.“

Gottesdienst im Dom mit Corona-Auflagen. Alle Besucher trugen Maskenschutz. Quelle: Petra Hase

Aufeinander achten

Dörnen, 2005 mit der höchsten Auszeichnung der Hansestadt Greifswald, der Rubenowmedaille, und 2016 mit dem Kulturpreis des Landes MV geehrt, nahm die Zuhörer mit auf die Reise in seine Vergangenheit. In die Zeit als junger Tänzer, als er mit Truman Finney in Hamburg auf einen Lehrer traf, dessen einstiger Rat ihm bis heute zum Leitmotiv seines Handelns wurde: „Ihr könnt nur zusammen tanzen, wenn ihr das auch wollt!“ Auf der Bühne bedeute das: „Einen gemeinsamen Rhythmus, einen gemeinsamen Atem finden, aufeinander achten, jemanden auch mal mitziehen ...“, sagte der Choreograph und stellte die Frage: „Zusammen tanzen – ist das ein bisschen wie zusammen leben?“ Es könne nicht jeder immer nur das tun, wonach ihm der Sinn stehe, ohne Rücksicht auf andere. Doch Werbung und Medien suggerierten den Menschen heute häufig, nur an sich zu denken, missbilligte Dörnen.

Dompfarrer Tilman Beyrich am Reformationstag 2020. Quelle: Petra Hase

Kräfte bündeln, Krise bezwingen

Radfahrer oder Kinderwagen schiebende junge Mütter, die sich mit Kopfhörern dem Leben um sich herum entziehen und nicht bemerken, an wen sie vorbeifahren. „Sind wir in verschiedenen Galaxien oder leben wir auf der gleichen Welt“, fragte Dörnen und erinnerte an eine Vielzahl von Problemen, die alle gemeinsam haben. Von Tragödien mit Flüchtlingen, über Weltwirtschafts- bis hin zu Gesundheitskrisen. „Wir können diese Krisen bezwingen, wenn wir sie gemeinsam angehen und die Kräfte bündeln.“ Der Tanz auf der Bühne zeige dies beispielhaft: Um etwas in einer Gruppe, in einem Ensemble, zu erreichen, müsse man sich manchmal zurücknehmen. „Das bedeutet nicht, seine Individualität aufzugeben. Aber wir können nur zusammen leben, wenn wir es wollen.“

Dazu gehöre auch, sich selbst nicht wichtiger zu nehmen als die Aufgaben, die man mit anderen teilt. so der Ballettmeister, der für mehr Demut warb, die in der heutigen Zeit leider in Vergessenheit geraten sei. „Vielleicht gibt uns Corona Gelegenheit, Demut neu zu lernen“, gab er zu bedenken. Die Bewältigung dieser Krise werde sicher noch eine Weile dauern. Zeit, sich kennen zu lernen, miteinander zu reden, aufeinander zu achten und gemeinsam durchs Leben zu tanzen.

Ralf Dörnen am Pult während seiner Predigt. Quelle: Petra Hase

Musik sorgte für Verbundenheit

Während der Himmel vor dem Gottesdienst grau und voller Regen war, schien am Ende die Sonne. Dompfarrer Tilman Beyrich, der eingangs zwar mit feierlichem, aber doch ernstem Blick durch die Reihen schritt, strahlte übers ganze Gesicht. So, wie auch viele Besucher. Der Reformationstag, mit dem Protestanten in aller Welt an die Anfänge der evangelischen Kirche vor rund 500 Jahren gedenken, gestaltete sich in Greifswald einmal mehr zu einem Mut-Mach-Fest. Nicht Trennendes rückte in den Mittelpunkt, sondern Gemeinsamkeiten. Und auch, wenn coronabedingt kein gemeinsamer Gesang möglich war, sorgten Domorganist Frank Dittmer, der Trompeter Frank Beyer und Beate Kempf-Beyrich mit ihrer zu Herzen gehenden Stimme für eine große Verbundenheit aller im Kirchenschiff.

Von Petra Hase