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Greifswald Jobcenter-Mitarbeiter: „Ich würde die Sanktionen lockern...“
Vorpommern Greifswald Jobcenter-Mitarbeiter: „Ich würde die Sanktionen lockern...“
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13:10 29.03.2019
Im Geschäftsbereich Greifswald leben aktuell rund 4500 Hartz-IV-Empfänger Quelle: Symbolbild (dpa)
Greifswald

Erik Kaufmann* arbeitet seit mehreren Jahren als Fachassistent im Service-Center bei einem Jobcenter in Mecklenburg-Vorpommern. Im Interview spricht er über seine Aufgaben, Sanktionen und was er an dem System der Grundsicherung ändern würde.

Herr Kaufmann, was sind Ihre genauen Aufgaben?

Erik Kaufmann: „Ich bin für die Beratung vor Ort und die telefonische Beratung zuständig. Bei persönlichen Vorsprachen wird entschieden, was genau gemacht werden muss. Unterteilt wird bei uns vor Ort in Back- und Frontoffice. Je nach Dringlichkeit geht es von dort weiter zum Arbeitsvermittler, zur Leistungsabteilung oder wir legen ein Ticket an. Tickets sind Mitteilungen innerhalb des Hauses, die Aufgaben enthalten, wie zum Beispiel die dringende Korrekturberechnung von Leistungen, die Bearbeitung von Fahrkosten bei einer Arbeitsaufnahme oder einfach den Rückrufwunsch eines Kunden. Am Telefon läuft‘s im Grunde genommen gleichermaßen.“

Was mögen Sie an ihrem Beruf?

„Ich mag die Arbeit mit den Leuten und den unterschiedlichen Facetten, die sie zeigen. Leider gibt es dabei auch Menschen, die aggressiv reagieren oder laut werden. Solche Situationen muss man jedoch bewältigen und sich auf jeden einstellen und schlichten können. Ich möchte am Ende des Gespräches geholfen haben.“

Ein großes Thema beim Jobcenter sind Maßnahmen. Wer ist für diese zuständig?

„Die Maßnahmen bestimmen in der Regel die Arbeitsvermittler je nach Voraussetzung. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten. Bildungsmaßnahmen zum Beispiel Umschulungen werden mit den Kunden gemeinsam abgestimmt, wenn diese erforderlich sind, um sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, Vermittlungshemmnisse zu reduzieren oder ganz abzustellen.“

Aber die Zustimmung für Umschulung zu bekommen, ist nicht einfach, oder?

„Man muss schon abschätzen, ob eine Einstellung mit den bisherigen Kenntnissen und Fertigkeiten möglich ist und auch Vermittlungsversuche unternehmen, um überhaupt über eine Umschulung sprechen zu können. Die weiteren Voraussetzungen werden anschließend in einer Einzelfallentscheidung überprüft, wobei natürlich die Wirtschaftlichkeit nicht außer Acht gelassen werden darf.“

Sind die Maßnahmen letztlich dann erfolgreich, um in den Arbeitsmarkt zurück zu finden?

„Es gibt viele Erfolgsgeschichten, in denen wir Menschen wieder in den Arbeitsmarkt integrieren konnten, weil sie sich neue Fähigkeiten angeeignet haben. Andere wiederum sind gesundheitlich eingeschränkt oder können nicht wie sie wollen. Von ihnen kann man nicht so viel verlangen. Manche sind auch weniger bemüht oder kaum bemüht Arbeit zu finden. Die Motivation, aus dem Leistungsbezug rauszukommen, ist bei ihnen nicht ganz vorhanden. Man muss aber wirklich unterscheiden: Wenn jemand beispielsweise eine psychologische oder körperliche Erkrankung hat, muss man schauen, ob dieser überhaupt noch über drei Stunden am Tag arbeiten kann. In solchen Fällen haben wir die Möglichkeit, ein psychologisches oder ärztliches Gutachten einzuleiten. Daraus resultiert dann manchmal, dass ein Rentenantrag gestellt werden muss.“

Wie sieht es mit Langzeitarbeitslosen aus?

„Für sie gibt es unter anderem Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung, so genannte Ein-Euro-Jobs. Die beziehen sich auf den sozialen Bereich oder Gemeindearbeit. Es gibt so einige, die nach solchen Maßnahmen fragen und sie gern machen. Allerdings gibt es auch spezielle Fälle, die sich weigern, solche Maßnahmen anzutreten oder aufgrund von körperlichen oder psychischen Erkrankungen keine Maßnahme machen können. Die Kunden mit schwerwiegenden Vermittlungshemmnissen werden von einem sogenannten Fallmanager betreut. Dieser hat mehr Zeit, sich mit dem Einzelnen zu befassen, und kann ihn womöglich woanders unterbringen.“

Wenn ein Kunde eine Maßnahme ablehnt, drohen Sanktionen. Wie viel Spielraum hat ein Arbeitsvermittler oder Fallmanager bei Sanktionen?

„Grundsätzlich sind Sanktionen geregelt, aber es gibt Spielraum bzw. Ermessen. Wir hatten mal jemanden, der eine kurze Zeit psychologische Probleme hatte und sich nicht gemeldet hat. Es gab auch keinen Nachweis über Arztbesuche oder Ähnliches. In solchen Fällen würde ich persönlich nicht direkt Sanktionen erteilen. Andere sind da menschlich komplett anders drauf in ihrer Entscheidung. Es muss aber immer über Situation gesprochen und im Einzelfall entschieden werden. Wenn jedoch vom Kunden keine Rückmeldung oder Mitarbeit kommt, wird eine Sanktion ausgesprochen. “

Auch wenn ein Jobangebot abgelehnt wird, drohen Sanktionen. Warum?

„Wenn sich jemand nicht bewirbt, muss natürlich ein guter Grund dafür vorliegen. Wer bei uns Leistungen bezieht, muss sich im Grunde genommen auf das bewerben, was wir ihm anbieten, persönliche Eignung und Fähigkeiten natürlich vorausgesetzt. Wenn jemand studiert und irgendwo in der Buchhaltung gearbeitet hat, kann es auch sein, dass er erst einmal als Mitarbeiter am Empfang eines Autohauses arbeiten geht. Wir müssen dafür sorgen, dass die Leute aus dem Bezug in Arbeit kommen. Aber um es nicht zu dramatisch klingen zu lassen, es wird auf jeden Fall geschaut, ob eine Integration im bisherigen beruflichen Umfeld möglich ist. “

Was halten Sie grundsätzlich von Hartz 4?

„Zum Leben ist es zu wenig, auch wenn man nicht am Hungertuch nagt. Man kann sich nicht viel leisten, außer die nötigsten Lebensmittel, Haushalts- und Hygieneartikel. Große Anschaffungen sind nicht drin. Auch wenn es beispielsweise spezielle Unterstützung wie eine Babyerstausstattung vom Jobcenter gibt, muss man bedenken, dass die Kinder größer werden und man alles Weitere vom gezahlten Geld ersparen muss. Meistens geht das Geld einzig und allein für das alltägliche Leben drauf. Bei vielen ist es kaum möglich, im Monat 10 oder 20 Euro zurückzulegen. Dennoch ist es schwierig, eine Alternative zum Hartz 4 zu beurteilen. Wenn es mehr Geld geben würde, würden sich vielleicht mehr Leute fragen, warum sie überhaupt noch für einen Mindestlohn arbeiten gehen sollen.“

Wenn Sie etwas an dem System der Grundsicherung ändern könnten, was wäre das?

„Ich würde die Sanktionen lockern, auch wenn ich sie nicht komplett aufheben würde und sie manchmal ihre Berechtigung haben. Wenn einer beispielsweise mehrfach nicht zu Terminen erscheint, muss man handeln. Gibt es dafür keinen Grund ist die Sanktion berechtigt. Manchmal gibt es Kunden, die für eine kurze Zeit persönliche Probleme haben. Wenn sie das nicht mit einem ärztlichen Attest oder anders nachweisen können, werden Sanktionen ausgesprochen. Das kann ich so nicht nachvollziehen und würde es ändern. Denn man kann nicht in die Leute reingucken und vor allem hatten wir das alle schon mal, man ist unmotiviert, schlapp und fühlt sich einfach schlecht.“

*Name wurde von der Redaktion geändert

OZ-Selbstversuch: Einen Monat leben von 10,70 Euro am Tag

Die OZ-Redakteure Christin und Kai Lachmann leben einen Monat vom Hartz-IV-Regelsatz.

Täglich berichten sie im Blog darüber: OZ-Blog zum Hartz-IV-Experiment

Alles zum Selbstversuch auf unserer Themenseite: Das Hartz-IV-Experiment

Christin Lachmann

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