Keine Corona-Lockerungen: Warum es für die Greifswalder Kneipen jetzt eng wird
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Greifswald Vorerst keine Lockerungen: Warum es für die Greifswalder Kneipen jetzt eng wird
Vorpommern Greifswald

Keine Corona-Lockerungen: Warum es für die Greifswalder Kneipen jetzt eng wird

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20:24 24.05.2020
Die Barbesitzer Michael Hosang (Ravic), Christian Fitz (Mitt'n drin), Johannes Völsgen (Domburg), Maren Fritzsche (Exil), Maria Schlegel (Gleich Acht) und Fred Schindler (Falle) vor der Greifswalder Kultkneipe „Ravic“. Quelle: Christin Lachmann
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Greifswald

Geschäfte, Hotels, Gaststätten und Kinos: Die weitreichenden Lockerungen der Corona-Regelungen, die jetzt beschlossen wurden, lassen auf baldige Normalität hoffen. Ausgenommen davon sind weiterhin Bars, Kneipen und auch Clubs. Statt Gäste mit Cocktails oder Bier zu versorgen, bleibt die Schankwirtschaft geschlossen. Viele Greifswalder Inhaber fürchten nun um ihre Existenz.

Dass viele Unternehmen mittlerweile wieder ihren Geschäften nachgehen können, Bars und Kneipen davon aber ausgenommen sind, löst bei Fred Schindler, Betreiber der „Falle“, Unverständnis aus: „Das sei ihnen gegönnt, aber warum wir genauso wie Diskotheken behandelt werden und warten müssen, verstehe ich nicht.“ Gemeinsam mit acht weiteren Bar- und Kneipenbesitzern hat sich Schindler zusammengeschlossen, um auf die existenzbedrohende Situation der Schankwirte aufmerksam zu machen.

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Warum dieser Bereich der Gastronomie von der Wiederöffnung in MV bislang ausgeschlossen wurde, verwundert die Betreiber: „Man kann zwar argumentieren, dass die Umsetzung der Auflagen in Bars und Kneipen schwieriger wäre, weil Alkohol im Spiel ist. Aber das gilt auch in Restaurants. Es wurde einfach ungeprüft festgelegt, dass wir nicht öffnen dürfen“, sagt „Ravic“-Betreiber Michael Hosang. Maria Schlegel von der Bar „Gleich Acht“ fügt an: „Wir sind es wenigsten gewohnt, mit alkoholisierten Leuten umzugehen.“

Landesregierung entscheidet Mitte Juni über Schankwirte

Leasing-Verträge, Personal, Miete oder Krankenkasse: Die Corona-Soforthilfen hätten die laufenden Kosten nur geringfügig gedeckt. Wie lange die Bars und Kneipen finanziell noch durchhalten können, sei von Lokal zu Lokal verschieden, sagt Hosang. „Aber ich habe gehört, dass es bei einigen ab August/September eng wird.“

Maren Fritzsche ist seit 25 Jahren in der Gastronomie tätig und betreibt seit 2013 das „Exil“, das sich in der Steinbecker Straße befindet: „Wenn ich jetzt die Reißleine ziehen würde, wäre ich immer noch mit einer Verschuldung von 50 000 Euro dabei – nur um das Geschäft aufzulösen.“ Die alleinerziehende Mutter habe sich Mitte Juni eine Frist gesetzt, um zu entscheiden, ob sie einen Kredit aufnimmt, damit sie die Bar weiterhin halten kann. Dann wird auch die Landesregierung entscheiden, ob und wann Schankwirte wieder öffnen dürfen.

Ein volles Haus wie hier bei der Kneipennacht im „Mitt'n drin“ wird es vorerst wegen der Corona-Pandemie nicht geben. Quelle: Christin Lachmann

Zu rechnen ist dann mit etlichen Auflagen. Doch würde es sich für kleinere Bars wie das „Ravic“ oder das „Gleich Acht“ überhaupt lohnen, mit reduzierter Gästezahl und Mindestabständen zu eröffnen? „Wir freuen uns über jeden Fortschritt. Ich will meinen Job wieder, schließlich habe ich mich auch bewusst dafür entschieden“, sagt Maria Schlegel vom „Gleich Acht“, die zur Überbrückung aktuell im Callcenter arbeitet. Ähnlich sieht es auch „Ravic“-Besitzer Michael Hosang: „Wir würden es versuchen. Es wäre auch ein Signal an die Gäste, dass wir nicht aufgegeben haben.“

Trotz Außenbereich einiger Bars blieben diese ebenfalls geschlossen

Dass im Außenbereich die Stühle und Tische der hiesigen Restaurants wieder besetzt sind, lässt Christian Fitz vom „Mitt'n drin“ und Johannes Völsgen von der „Domburg“ ratlos zurück. Immerhin gebe es bei diesen beiden Bars auch die Möglichkeit, die Gäste draußen zu bewirten. „Auf der Wiese vor dem Dom könnten wir die Tische auseinanderstellen. Die Infektionszahlen sind im Vergleich zu Bayern niedrig. Dort dürfen die Biergärten den Außenbereich wieder öffnen. Da steckt eine stärkere Lobby mit großen Brauereien dahinter, die wir hier nicht haben. Wir müssen geschlossen bleiben“, sagt Völsgen. Auch Christian Fritz kritisiert: „Niemand weiß, wann Bars wieder aufmachen können. Ich habe auch eine Außenanlage vor dem Dom, ich habe Kaffee und Kuchen im Angebot, aber dazu wird nichts gesagt.“

Vor allem die Unsicherheit, wann die Schankwirtschaft den Betrieb wieder aufnehmen darf, lässt die Inhaber verzweifeln. Deswegen fordern die Betreiber, dass sie Mitte Juni wieder öffnen dürfen. Alternativ, erklärt Michael Hosang, sollen Bund und Land weitere Hilfspakete für diejenigen zur Verfügung stellen, die weiterhin zwangsgeschlossen bleiben müssen. Bis dahin ist fraglich, ob und wie sich die vielfältige hiesige Szene der Nachtlokale durch die Corona-Krise verändern wird: „Greifswald muss sich die Frage stellen, wie es in einem halben Jahr in diesem Bereich aussehen wird, wenn jetzt nichts passiert.“

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Von Christin Lachmann